Zwischen den Jahren

Das also war nun Weihnachten 2020. Wir sind reich beschenkt worden, haben selbst gekocht und gut gegessen und uns ansonsten die Zeit weitgehend mit Nichtstun vertrieben.

Den Vogel abgeschossen hat natürlich das große und schwere Paket aus Ulm, vielmehr aus dem Erzgebirge, aber dazu mehr, wenn es installiert ist. Das wird ein Hingucker. Wer uns dann immer noch nicht findet in der Brüder-Grimm-Straße, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen.

Herr G. aus B. überraschte uns mit zwei selbstentworfenen Kalendern, in einem davon wird die Geschichte unserer Korrespondenz zusammengefasst. Er wird einen Ehrenplatz im Café erhalten und nach Ablauf des Jahres 2021 in eine Collage verwandelt, die ich schon längst selbst erstellen wollte anhand der Fotos, die Herr G. mir im Laufe des Jahres hat zukommen lassen, aber ich bin immer wieder großflächig an diesem Projekt gescheitert.

Heute feiert Theodor Fontane seinen 201. Geburtstag, Zeit, meine umfangreiche Lektüre zu rekapitulieren, mit der ich mich in den letzten Wochen befasst habe. Wenn einer so spät im Jahr Geburtstag hat, wäre es eigentlich angebracht, sein Jubiläum ins folgende Jahr zu verlegen, aber nein, Fontane-Jahr war 2019. Vermutlich, um genug Raum zu lassen für das Beethovenjahr 2020.

Auf dem Rückendeckel meiner Stechlin-Ausgabe wird Marcel Reich-Ranicki zitiert:

„Von unseren großen Schriftstellern ist Fontane der unterhaltsamste und von unseren unterhaltsamsten der intelligenteste.“

Dem stimme ich ohne Zögern zu. Und was habe ich nicht alles gelernt in den letzten Monaten, als ich all die Entdeckungen in der Cafébibliothek verschlungen habe. Zum Beispiel, dass Thomas Mann, ein großer Fontane-Verehrer, den Namen Buddenbrook aus Effi Briest entliehen hat; ja, das hätte ich schon länger wissen können, war doch Effi Schullektüre, aber wer erinnert sich schon an sowas, fast vierzig Jahre später. Und man steht einfach immer wieder staunend vor diesem Universalwissen der Zeit, das heute vergessen ist und nicht mal ansatzweise in aktuellen Romanen vorausgesetzt werden kann. Jeder Leser, dem man einen Halbsatz aus einer Ballade von Schiller um die Ohren haut, wenn er denn gerade in den Kontext passt, vielleicht sogar leicht variiert, um zum Beispiel gerade das Gegenteil auszudrücken, würde sich beschweren, der Text sei unverständlich und es würde zuviel vorausgesetzt.

Ich weiß noch, dass ich mal in der Schreibwerkstatt, an der ich Anfang der 2000er Jahre online teilgenommen habe, das Wort „mäandern“ verwendet habe, was zu einem Aufschrei führte. Auch der Begriff „schnüren“ als Fortbewegungsart eines Fuchses, in meinem Text auf einen kleinen Hund übertragen, war Teilen meiner damaligen Leserschaft unbekannt. Da hab ich mich schon gefragt, ob es im Zeitalter von Wikipedia und Google wirklich zuviel verlangt ist, auch mal irgendwo nachzulesen.

Ansicht um 1896
Das Eierhäuschen, um 1896. Quelle: Wikipedia

Fontane also. Vor dem Sturm, Unwiederbringlich, Stine, Effi Briest, Frau Jenny Treibel, Schach von Wuthenow, Irrungen, Wirrungen. Alles Fundstücke in der Bibliothek. Da hat jemand mal einen kompletten Schuber mit Best of Sammlungen dagelassen, ich muss hier mal ein großes Dankeschön an Unbekannt loswerden. Die Menschenkenntnis dieses Autors ist nicht mit Worten zu beschreiben. Und die geistreichen Dialoge, jeder Person eine unverwechselbare Stimme zugeordnet, so dass man immer genau weiß, wer gerade spricht, auch wenn mehrere Personen an einer Plauderei beteiligt sind. Geplaudert wird ohnehin unendlich viel, geradezu monologisiert, ich versuche mir immer die Situation vorzustellen, wie der Zuhörer ein Gähnen unterdrückt, denn ab und zu ufert es ganz schön aus. Aber das passt zu der Zeit, man hatte ja sonst nichts zu tun und Fernsehen gab’s nicht. Also sitzt man beisammen und plaudert. Man unternimmt eine Landpartie zu Lokalen wie dem Eierhäuschen, und ich bekomme unbändige Lust, in den Dampfer zu steigen und die Spree hinaufzufahren, dabeizusein, wenn die Herren mit Zylinder und die Damen im Reifrock in einem Gartenlokal sitzen und beim Wirt bestellen, was Küche und Keller so hergeben, sowas Profanes wie eine Speisekarte wird gar nicht benötigt.

Eine beständige unterschwellige Kritik an der Gesellschaft schwingt da mit, wenn die Dienstboten hin- und hergeschickt werden, der Kutscher hat eben in der Kälte zu warten, bis die Herrschaften wieder nach Hause wollen, der Hausdiener steht immer irgendwo in der Ecke, wenn das Essen serviert und wieder abgeräumt wird. Wenn jedoch die untere Gesellschaftsschicht, wie in „Stine“, thematisiert wird, trifft Fontane genauso den Ton, nichts ist von Dünkel zu spüren, die Frauenfiguren immer voller Würde – jedenfalls die, in die sich der unglückliche Junker verliebt, um sich dann zu erschießen, weil es ja alles nichts ist.

Nun kommt also 2021 auf uns zu, übermorgen ist es soweit, und ich hoffe und wünsche mir, dass manches sich wieder normalisiert. Vor allem, dass wir das Café bald wieder öffnen können, auch wenn dann nicht mehr soviel Zeit zum Lesen bleibt. Mein Fontane-Herbst wird mir in jedem Fall unvergesslich bleiben.