Tag 42

Ich lese „Das Sonnenkind“ von Detlev Meyer, das ich neben einigen anderen Werken aus meiner unerschöpflichen Bibliothek mitgenommen habe, nachdem ich den kleinen Stapel von neulich ausgelesen und zurückgebracht hatte, und mich erfasst das dringende Bedürfnis, nach Berlin zu fahren. Die Wege ablaufen, den Truseweg aufsuchen, den Elsensteg, durch Neukölln bummeln, am Schifffahrtskanal entlang. Was ist das nur immer mit Berlin bei mir? Schon all die Straßen- und Ortsnamen lösen bei mir etwas aus, Schiffbauerdamm, Landwehrkanal, Krumme Lanke, Fontanes Berlin, Döblins Berlin, Zilles Berin. Es ist wie bei Prousts „Namen und Orte“, Begriffe, die Bilder entstehen lassen, und wenn man hinkommt, ist alles ganz anders.

Ich suche den Truseweg auf Google Maps, rundherum Lokale, überall steht „derzeit geschlossen“ dabei. Wo sollten wir übernachten, wo essen, wo einkehren, wenn wir mal ein Päuschen einlegen wollten? Also bleiben wir zuhause, ich wenigstens, Hans hat sich nach Steinau aufgemacht, um die Werkstatt aufzuräumen und auf den Postboten zu warten, der eine angekündigte Sendung liefern wird.

Paris 1997

Paris 1997

Während ich über Berlin nachdenke und die Fotos zusammensuche, muss ich an Frau S-G denken, die lange dort gelebt hat und den besonderen Geruch in der Berliner U-Bahn genauso liebt wie ich. Paris kann sie nicht leiden, aber ich glaube, das ist nur ein Vorurteil. Als ich ihr von Saint Germain vorschwärmte, vom Parc du Luxembourg, davon, wie ich 1997 den halben Nachmittag vor der Venus von Milo im Louvre saß, weil mir vom Abend zuvor die Füße so wehtaten, beschloss sie, dass sie doch mal wieder hinfahren müsste, am liebsten mit mir zusammen, und wir vereinbarten unverbindlich, dass wir im Mai eine kleine Reise unternehmen würden. Im Tuilerien-Park sitzen und den Blumen beim Blühen zusehen, sagte ich, mehr will ich gar nicht.

Daraus wird wohl genauso wenig wie aus einer Fahrt nach Berlin. Vielleicht machen wir es wirklich so, wie ich schon vorgeschlagen hatte, Hans und ich: wir öffnen das Café vorläufig nur an den Wochenenden, wenn wir wieder dürfen, und stehlen uns dazwischen einfach mal ein paar Tage davon.

„Oh, someday, girl, I don’t know when we’re gonna get to that place where we really wanna go and we’ll walk in the sun“ – Bruce Springsteen, „Born to Run“