Nach einer kurzen, schmuddeligen Erholung

Nach einer kurzen, schmuddeligen Erholung kehrte der Winter Anfang Januar mit Macht in das kleine Idyll am See ein. Weihnachten und Neujahr hatte man ohne großen Aufwand hinter sich gebracht, nur Viola war mit ihrem Günther nach Neustrelitz zum Gottesdienst gefahren, aber Günther hatte so endgültig mit seinen religiösen Forschungen abgeschlossen, dass weiter keine wesentlichenErkenntnisse von diesem Ausflug erkennbar wurden. Viola buk Neujahrskränzchen, deren Rezept sie von irgendwoher mitgebracht hatte und die sie als Glücksbringer an jede Haustür brachte. Weil sie dabei aber so fordernd und aufdringlich wirkte, mochte niemand so recht an die Wirkung der Kränzchen glauben und legte sie verschämt in die Brotbox oder in den Kühlschrank, so vorhanden.

Im Januar dann brach in kleinen Etappen das ganze Unglück über die Dörfer herein, das sich mit dem Verschwinden von Jukki und Beate – respektive Beate und Jukki, je nachdem, wie man es betrachtete – angekündigt hatte. Zuerst fror der See zu. Das hatten selbst die Ältesten in Treudorf noch nicht erlebt, sie kannten diesen Zustand nur aus Erzählungen, denen sie nie so recht Glauben geschenkt hatten. „Der See ist doch viel zu tief“, sagten die einen. Die anderen glaubten an eine Strömung unter der Oberfläche, die vom Zufluss zum Abfluss hin ein Gefrieren unmöglich machte. Es half alles nichts. Der See war zugefroren, und nach anfänglichem Zögern begann eine Völkerwanderung zwischen Anderdorf und Treudorf, die ihresgleichen suchte. Sie gingen Schlittschuhlaufen, spielten Eishockey, erkundeten den See aus einer ganz neuen Perspektive. Die magere Peggy, die leichteste von allen, schwebte wie ein Engel auf ihren Schlittschuhen über den See, hob die Arme, kreiselte und wirkte so glücklich unter ihrer unförmigen Wollmütze, dass allen ganz warm ums Herz wurde.

Paula nahm nicht mehr den Umweg hinter dem Gutshof und den ausgetretenen Feldweg entlang, sie kaufte sich von ihrem Trinkgeld ein Paar Schlittschuhe und schlitterte, unbeholfen zuerst, dann immer gelenkiger über den See, um weiter im Seeblick zu bedienen. Mit der Kälte kamen eisige, klare Nächte und sonnige, aber ebenso eisige Tage, bis dann das Wetter mit einem Mal wieder umschlug und das Eis zu tauen begann.

Es knackte allerorten, die weniger Mutigen wählten erneut den Landweg, die Waghalsigeren spielten weiterhin Eishockey oder schlitterten einfach auf dem See herum.

Dann brach Jochen durch das Eis. Er wollte, da das Boot, das er nun als sein Eigentum betrachtete, am Ufer eingefroren war, mit einem Hocker mitten auf dem See zum Eisangeln und suchte sich eine Stelle, die ihm fest und doch durchlässig genug erschien, um dieses Unternehmen durchzuführen. Die Festigkeit trügte, die Durchlässigkeit herrschte vor, es knackte, und das Eis brach.

Niemand hörte sein Schreien und Rufen, verzweifelt versuchte er, sich am Eisrand festzuhalten und hochzuziehen, aussichtslos. Da kam Malte herbei, der ihn gesucht hatte, sah das Unglück und wurde bleich wie der Himmel über ihm. Was macht man mit jemandem, der im Eis eingebrochen ist und schon völlig entkräftet und durchgefroren an der Bruchstelle hängt? Malte versuchte sich zu erinnern, legte sich dann flach auf das Eis und robbte langsam näher, griff sich den Hocker, der zum Glück nicht mit Jochen eingebrochen war, schob ihn ganz vorsichtig zu Jochen hin, doch der traute sich nicht, das Eis loszulassen, krächzte und klapperte mit den Zähnen, seine Finger rutschten ab, er glitt unter das Eis. Maltes Magen zog sich zusammen, er übergab sich, erkannte, dass er allein den Freund nicht retten konnte, ruderte mit den Armen, rief, unter ihm, unter der klaren Eisfläche starrte Jochen ihn aus riesigen Augen an, der Mund geöffnet, keine Rettung, nirgends.

Viel später kam Malte zum Gutshof zurück, kaum noch fähig, sich aufrecht zu halten, alle stürzten auf ihn zu, wo ist Jochen, was ist passiert, tot, flüsterte er, tot, unterm Eis, ich konnte nicht – er klappte an Ort und Stelle zusammen.

Sie wickelten ihn in Decken und kochten Tee, zitterten alle, Paula versuchte einen klaren Kopf zu bewahren, aber was sollten sie jetzt tun? Polizei, Notruf, aber Jochen war unterm Eis, keine Rettung, wo ist die Stelle genau, Malte? Bauer Schmahl zog mit einem Schlitten los, sehr vorsichtig tappte er auf den See, nur wenige Meter weit, das Eis knackte so laut, dass der alles andere als schmale Bauer Schmahl sich entschloss, nicht weiterzugehen.

Natürlich mussten sie die Polizei benachrichtigen, Viktor nahm das in die Hand, nachdem das Unglück sich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, die Feuerwehr kam, Notärzte, sie gingen mit allem technischen Verstand und Gerät vor, das Fachleuten in solchen Fällen eben zur Verfügung steht, sie begannen an der Einbruchstelle zu suchen, mussten aber aufgeben und alle auf die Zeit vertrösten, wenn der See wieder vollständig aufgetaut wäre. Hoffnung auf ein Wunder machte sich niemand. Sie hatten Jochen kaum gekannt, und an Paula nagte ein schlechtes Gewissen, als sie an den Tag dachte, an dem er sie nach dem Boot gefragt hatte, mit dieser Weinerlichkeit, die sie so sehr verabscheute, aber was sollte sie machen, hätte sie ahnen können, dass Jochen in den See einbrechen würde? Wären wir netter zueinander, wenn wir über unser gegenseitiges Schicksal mehr wüssten?

Zutiefst verunsichert gingen alle nach einiger Zeit wieder ihrem Tagwerk nach, doch das war erst der Anfang.