Ende November legte ein früher Wintereinbruch

Ende November legte ein früher Wintereinbruch eine weiße Decke auf das Reetdach des alten Gutshofs, und es kehrte Ruhe ein im Dorf, nachdem Jukkis Verschwinden Zwietracht und Misstrauen gesät hatte. Abwanderungen begannen, und Neuzugänge sorgten für Abwechslung und Gesprächsstoff an den langen Abenden im mollig warmen Speisezimmer, wo sie an Maltes langem, gezimmertem Tisch saßen und Tee tranken, Karten spielten und plauderten. Kurz vor Weihnachten hatten die beiden Dörfer sich vermischt, wer Freiheit suchte und Anarchie, lebte nun im Gutshof, der mit Violas Geld in neuem Glanz zu erstrahlen begann; wer nach Hierarchie und Geborgenheit suchte, fühlte sich im Schloss von Anderdorf wohl.

Peggy war ausgezogen, hinüber zu Viktor, dem sie nun so aufwartete, wie es zuvor Beate und Pat und Patachon sowie Papa Jensen getan hatten (abgesehen von den sanitären Arbeiten, die Viktor nun wieder selbst erledigte; zu peinlich war ihm der Gedanke daran, was er dem alten Jensen zugemutet hatte). Gustav war ihr gefolgt wie ein kleiner Hund, und gemeinsam lebten sie nun im Torhaus, wo zwar kein Halma mehr gespielt wurde, wo aber Helmut Paschke dennoch ein gern gesehener Gast war, der lustige Geschichten erzählen und eine phänomenale Quiche Lorraine backen konnte.

Die Stelle von Peggy und Gustav hatten im Gutshaus Patricia und Peter Kowalski eingenommen, und Patricia blühte auf als eine neue Rosa Luxemburg, die sich von niemandem jemals mehr irgend etwas sagen lassen würde, schon mal gar nicht von Viola mit ihren Gutsherrenallüren. „Da hätte ich ja gleich im Schloss bleiben können, wenn die alte Schachtel mir Vorschriften machen wollte wie seinerzeit Beate Hochwohlgeboren von und zu Bötz. ‚Wo bleibt mein Tee, Patricia? Wann putzen Sie endlich die Fenster im Treppenhaus? Wie sieht das überhaupt aus hier?‘ Nee nee, ohne mich, Petterchen,“ sagte sie zu ihrem Mann, dem das ein bisschen peinlich war, denn er hatte Beate ganz anders in Erinnerung. Hilflos in ihre neue Rolle geworfen, hatte sie ihm meist leidgetan, und er hatte oft überlegt, mit ihr durchzubrennen, aber dann war dieser lange, dünne Finne ihm zuvorgekommen.

Gemeinsam mit ihnen war der alte Jensen herübergekommen, damit der alte Benisch nun endlich mit seinem Jahreszyklus „Authentische Eindrücke vom Dorfleben in Mecklenburg“ (so der Arbeitstitel) anfangen könnte. Benisch begann damit, sich im linken Flügel des Gutshofes, über den Räumen, die Anna für ihr Musikcafé beanspruchte, ein Atelier einzurichten. Für die Wintermonate würde das genügen, wenn das Frühjahr käme, würde man draußen am See und in den Feldern die Staffelei aufstellen, erklärte er dem alten Jensen.

Anna ging täglich durch ihre Räume, besah sich alles, immer und immer wieder, und Paula beobachtete sie mit wachsendem Unbehagen. Wo war die zarte, ehrgeizige Cellistin geblieben, die ihre Musik suchte, so, wie andere Leute die Liebe oder das Glück? Hatte Viola sie angesteckt? Oder war tatsächlich eine Gastronomin in ihr erwacht, die mit einem besonderen Konzept, Marketingideen und PR-Management halb Berlin in die mecklenburgische Provinz locken würde?

Paula selbst begrub ihre Selbstzweifel und den Mangel an Lebenssinn, den sie spürte, seit sie nicht mehr mit Jukki streiten konnte, in Arbeit. Sie half im Seeblick aus, und um sich selbst zu kasteien und die Gedanken auszusperren, ging sie die ganze Strecke zu Fuß, jeden Tag, hin und zurück. Dann blies der Wind ihr um den Kopf, um den sie einen blaurotkarierten Schal gewickelt hatte, und sie dachte an rein gar nichts.

Oft kam Viktor mittags zum Essen ins Lokal, und dann fanden sie immer Zeit zum Plaudern. Viktor erzählte von Bötz & Co., Paula von den langen Sommerabenden, an denen sie vor dem Gutshof gesessen und Pläne geschmiedet hatten. Sie versuchten beide, nicht von Jukki und Beate zu sprechen, aber wie sollte das gehen, wenn damit jeweils die Hälfte der Geschichte fehlte?

Irgendwann ließen sie die Vergangenheit hinter sich und entwickelten die Idee, ein Fest zu feiern, bei dem beide Dörfer einbezogen werden sollten. Ein Frühlingsfest fiel ihnen ein, Ostern vielleicht, oder die Niederkunft von Peggy? Dieser letzte Gedanke wurde jedoch rasch wieder verworfen, „zu lange hin“, sagte Viktor, „zu viel Rummel für Peggy“, meinte Paula, aber was beide im Stillen dachten, war etwas ganz anderes: Peggys Schwangerschaft war ihnen beiden unheimlich und darüber hinaus schlichtweg peinlich.

Das große Mysterium war noch lange nicht zu sehen, denn selbst mit viel gutem Willen und großzügigem Rechnen konnte das Mädchen nicht weiter sein als im dritten Monat, aber auf eine groteske Art und Weise war ihr Zustand weithin sichtbar. Lag es an ihrer Haltung? Dem teigigen Gesicht? Der ohnehin zu Spekulationen veranlassenden Unförmigkeit ihrer Kleider? Man mochte nicht genauer darüber nachdenken, es war einfach zu peinlich. Alles in allem.

Ein Frühlingsfest also. Und sie steckten die Köpfe zusammen, Paula und Viktor, und begannen mit ihrer Planung. Der Wirt vom Seeblick grunzte etwas Unverständliches und räumte die Tische ab.