Was war das nun wieder für ein Mysterium

Was war das nun wieder für ein Mysterium um Jenny-Peggy und Viktor Bötz, die sich nach dem ersten Erschrecken und der ersten beschämten Freude auf dem Baumstumpf drängten und wie Vater und Tochter in vertrauliche Gespräche vertieft waren?

Paula beobachtete die beiden und beschloss, Günther zu fragen, das Hühnchen hinter Viola, den seltsamen Forscher und zerstreuten Professor, der, wie man überall hörte, an seiner eigenen Ringparabel arbeitete, gerade so, als hätte es den alten Lessing nie gegeben. Mit Viktor über das Verschwinden von Jukki und womöglich auch Beate zu sprechen, schien angesichts der neuen Situation sinnlos.

Sie stand auf und ging ins Dorf zurück, die Knie schmerzten nach der langen Hockstellung, in der sie Peggys Traum angehört hatte. Viola traf sie in der Küche des kleinen Häuschens ganz am Ende des Dorfes an, wie immer damit beschäftigt, irgendetwas einzukochen, jetzt, im November. Paulas Kenntnisse über um diese Jahreszeit einzukochende Früchte hielten sich in Grenzen, aber dem Duft nach schien es sich um Schlehen zu handeln. Anna fiel ihr ein, mit ihren Plänen für ein Musikcafé – vielleicht könnte Viola hier all ihre Marmeladen und Likörchen und ihr Hefegebäck unterbringen, an dem Günther zu ersticken drohte?

Den zarten Ehemann der groben Viola fand Paula in seinem winzigen Büro, und zusammen setzten sie sich in die Wohnstube, die einem Prospekt der Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu entstammen schien: überall schwarzgrün gemusterte Sesselchen und Sofas, eine riesige Nussbaumvitrine mit Geschirr in Zwiebelmuster, goldgeränderte Vorhänge und Platzdeckchen. Paula fühlte sich immer unwohl, wenn sie hierherkam, haltlos, ohne Verbindung zu ihrer kargen, überschaubaren Welt mit wackligen blauen Stühlen und hellem Sonnenlicht, das ungefiltert in ihre kleine Küche fiel.

Günther versank fast in dem Ohrensessel neben dem Fenster und sah hilflos zu ihr herüber.

„Mein Ring ist zerbrochen, Paula. Meine ganze Arbeit umsonst. Ich habe ganz und gar den Faden verloren: was hätte es sein sollen, das die Religionen zusammenhält, außer die Aussicht auf ein Jenseits im Paradies, solange man hier auf Erden ein tadelloses Leben führt? Heißt das nicht, es ist am besten, einfach gar nichts zu tun? Dasitzen und auf das Ende warten? Wer nichts tut, macht auch nichts falsch. Soll das der Sinn hinter allem sein? Der Grund, warum wir einen Verstand mitbekommen haben von wem auch immer?“

Er sank noch tiefer in seinen Sessel und verfiel in Schweigen, gerade so, als wolle er ab sofort tatsächlich überhaupt nichts mehr tun, geschweige denn sagen, um seine Aussichten auf das Paradies nicht zu schmälern.

Paula wartete eine Weile, ob da noch etwas käme, fing dann ganz behutsam an, über Jukki zu sprechen und ob er wohl einen besonderen Plan verfolgt hätte mit all seinem Aktionismus der letzten Monate oder ob er einfach wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte flöge, um seinen eigenen Weg ins Paradies zu mit Lust und Freude zu pflastern, allmählich kam sie in Fahrt und legte vor sich selbst Rechenschaft ab darüber, was seine und was ihre eigenen Pläne mit dem Gutshof, dem Dorf und seinen Einwohnern und überhaupt allem anderen gewesen sein könnten. Sie ertappte sich dabei, ebenfalls immer tiefer in ihrem schwarzgrünen Plüschsofa zu versinken, gerade so wie Günther ihr gegenüber, straffte die Schultern und beschloss, dieses Gespräch zu beenden, das ohnehin zu einem reinen Selbstgespräch mutiert war, nachdem Günther zu allem beharrlich schwieg, denn ob es die deprimierenden Goldrandvorhänge waren oder der Geruch verkochter und überwürzter Schlehen, der aus der Küche hereinzog – der Raum schien ihr eine Glocke aus Depression und Tatenlosigkeit überzustülpen, und sie riss sich im letzten Moment heraus aus dieser Stimmung, die nichts mit ihr zu tun hatte, die ihre übliche Entschlossenheit zu ersticken drohte, sie erhob sich aus dem kleinen Sofa, verabschiedete sich von Günther und ergriff die Flucht.

Draußen, wo der kalte aber sonnige Novembertag ihr schnell die Wangen rötete, schüttelte sie sich wie ein nasser Hund und beschloss, ein für allemal philosophische Fragen nach dem Sinn des Lebens, des Universums und von allem anderen hinter sich zu lassen und gemeinsam mit Jukki im See zu beerdigen. Weglaufen gilt nicht, Paula. Es gibt soviel zu tun.

Und sie begab sich ins Gutshaus, um zu sehen, ob die ominösen Heizungsbauer aus Neustrelitz schon eingetroffen waren.