Peggys Traum

„Ich gehe durch einen silbernen Wald, folge einem goldenen Fluss, der Himmel über mir, wo er sichtbar ist, leuchtet kupferfarben.

Ein dunkler Fleck vor mir wird immer größer, amorph zuerst, dann formt er sich zu einem gewaltigen Gebäude, wird flacher, langgezogen, ein Reetdach – es ist unser Gutshof. Die Landschaft um mich verschwimmt, wo ist das Silber, Gold, Kupfer? Alles wird grau und erdbraun. Das Tor steht offen, ich gehe hinein, eine steile Wendeltreppe vor mir, der Gutshof hat keine Wendeltreppe, denke ich und steige langsam hinauf, denn es gibt sonst keinen Weg, keinen Korridor, nur die steile Treppe direkt hinter der Tür.

Ich steige und unter mir verschwindet die Treppe. Dann stehe ich in einem achteckigen, oder auch runden Raum, gepolsterte Sitzecken, in der Mitte ein Diwan, ein riesiger Diwan, das Silber und das Gold und das Kupfer sind zurück, Kissen und Decken und Vorhänge, alles glänzt und leuchtet. Über dem Diwan, der eigentlich ein riesiges Bett ist, hängt ein Leuchter mit brennenden Kerzen, kein Windhauch geht, die Kerzen brennen bewegungslos. Oder sind es elektrische Lampen?

Jemand liegt auf dem Bett, seitlich, den Arm aufgestützt, beobachtet mich, wartet auf mich. Ist es Jukki? Malte? Gustav? Er grinst diabolisch, es muss Jukki sein. Nein, er lächelt schüchtern wie Malte. Und nun graben sich Grübchen in seine Wangen, es ist doch Gustav.

Ich kuschle mich zu ihm, in die Decken und Kissen, mein farbloses Kleid reflektiert all das Silber und Gold und Kupfer, es ist ganz still um uns, und wir wissen nicht, was wir hier tun, was uns erwartet, warum ich hierhergeführt wurde und von wem, Jukki-Malte-Gustav streicht sanft über mein Gesicht, seine Handfläche ist feucht, sind es meine Tränen? Weine ich? Vor Freude oder aus Leid, bin ich traurig?

Wir geben uns einander hin, zuerst weich und zart, dann…“

Paula schließt innerlich die Ohren, die Details will sie nun beim besten Willen nicht hören. Sie starrt Peggy auffordernd an, will, dass das Mädchen endlich zum Punkt kommt, wieso ist sie schuld und woran? Hat sie den Traum Wirklichkeit werden lassen, die drei Männer verführt, wie ferngesteuert? Paula macht ein unwilliges Geräusch, wedelt mit der Hand, Peggys Augen werden wieder klar, ihr sanftmütiges Lächeln verschwindet, sie blickt Paula an.

„Entschuldige, ich war ganz vertieft, vielleicht sollte ich zum Punkt kommen.“

Paula seufzt und nickt.

„Da war dieser Mann. Vielleicht stand er die ganze Zeit im Raum, hinter dem Diwan, den Vorhängen, den ganzen wallenden Stoffen, vielleicht hat er den Kronleuchter gehalten oder er kam still die Treppe herauf, während wir…“

„Ja, ja, schon gut. Da stand er also.“

„Er stand da und lachte, wie der Teufel lachte er, der sich eine arme Seele geholt hat. Ich bin fast gestorben vor Angst, und dann sagte er: „Dieses Kind wird mir gehören, und der Hof mit allen die dort leben wird untergehen und der See wird aufschäumen und alles verschlingen, und meine Frau, die mich verlassen wird mit diesem Jungen, sie werden beide meinen Zorn spüren und meiner Rache nicht entkommen.“

Das sagte er alles in einer tiefen, metallenen Stimme, ich habe mal Don Giovanni in einer Aufführung in Neustrelitz gesehen, das war ganz unheimlich und ganz ähnlich.

Doch im nächsten Moment fing er furchtbar albern und schrill an zu lachen, und er trug ein rotes Hütchen auf dem Kopf mit einer Bommel, wurde zu einem ganz freundlichen Opa und…“

„Jenny!“ rief jemand, und obwohl weder Paula noch Peggy eine Jenny kannten und außer ihnen beiden niemand hier war, blickten beide gleichzeitig auf und hinüber zu Viktor, der den Weg entlangkam und winkte und rief „Jenny!“

Peggy sah ihn direkt an und erbleichte.