Das Verschwinden von Beate

Das Verschwinden von Beate (und Jukki) wurde in Anderdorf ganz unterschiedlich rezipiert. Während man im Dorf selbst kaum Kenntnis davon nahm, spürte Viktor seinen Gefühlen nach.

Er hatte ja beobachtet, wie sie in Jukkis Boot gestiegen war, wie sie die kleine Nussschale fast zum Kentern gebracht hatte, bis sie endlich auf der hinteren Bank saß und der schlaksige Blonde achselzuckend die Ruder ins Wasser getaucht hatte, um in Richtung Treudorf aufzubrechen.

Sie wird schon wiederkommen, hatte Viktor gedacht und war ins Schloss zurückgekehrt. Sie wird frieren, sie hat keinen Mantel dabei, und wenn sie friert, vergisst sie jede Romantik.

War er eifersüchtig?

Über diese Frage grübelte er stundenlang nach, an diesem Abend und an den drei folgenden. Denn natürlich kam sie nicht zurück, und demnach fror sie offensichtlich auch nicht. Womöglich hatte sie im Schloss mehr gefroren als ihm aufgefallen war.

Kurzzeitig wurde Viktor regelrecht wütend und versuchte es mit Beates Taktik, indem er ein paar Sachen an Wände warf. Davon wurde er hungrig und fragte bei Patricia nach etwas Essbarem. Patricia sah ihn erstaunt an, und bald war es im Dorf herum, dass Viktor das Verschwinden seiner Frau herzlich egal war, wo er doch nur an sein leibliches Wohl dachte.

Ganz so einfach war es natürlich nicht, im Gegenteil. Viktor hatte sich noch nie in seinem Leben derart hilflos gefühlt, und irgendwie musste er sich ablenken.

Er wanderte im Schloss herum und kaute an einem Schinkenbrot. Im Grünen Salon blieb er an Beates Schreibtisch stehen und begann, mit wachsendem Erstaunen in den Papieren zu blättern, die dort verstreut umherlagen. Wie es aussah, hatte seine Frau begonnen, eine umfangreiche Korrespondenz zu führen, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Da lagen kleine Büchlein zur aktiven Lebensgestaltung für die Frau ab fünfzig, Broschüren zur Herstellung von Blütenwässerchen, als Heilmittel gegen alle möglichen seelischen und körperlichen Leiden, Leitfäden zur betriebswirtschaftlichen Optimierung.

Schließlich stieß er sogar auf die Kopie eines Briefes, den sie an seinen alten Freund und Anwalt Schimmel geschickt hatte und der sich mit dem Pachtvertrag für Hermine Schwan befasste.

Hermine Schwan, meine Güte. Lauter angefangenes Zeug, nichts zu Ende gebracht, und nun war sie mit diesem Finnen durchgebrannt. Ob er am Ende doch die Polizei einschalten sollte, anstatt noch länger den beleidigten Pascha zu spielen? Vielleicht waren sie ertrunken, oder der Finne hatte ihr etwas angetan. Oder sie ihm. Wer konnte das wissen?

Schließlich erinnerte sich Viktor an das pummelige Mädchen mit der Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen, das er am Tag von Beates Verschwinden im Seeblick kennengelernt hatte. Wie hieß sie noch? Petra? Nein, Paula war der Name. Sie hatte einen sehr kompetenten Eindruck auf ihn gemacht und schien außerdem ein enges Verhältnis zu Jukki zu pflegen. Vielleicht könnte er das Dorf auf der anderen Seeseite besuchen und mit ihr sprechen. Am Ende hatte Beate sich dort längst mit ihrem Kapitän einquartiert und schwang das Zepter in diesem legendären Gutshof.

Viktor schüttelte unwillig den Kopf. In Treudorf war er noch nie gewesen, kannte den Gutshof nicht, aber nach allem, was man so hörte: warum sollte Beate ein Schloss gegen einen baufälligen Hof eintauschen, der womöglich noch nicht einmal geheizt war?

Er machte sich auf die Suche nach Jensen, damit der ihn hinüberfahren solle. Neuerdings stand ein alter 190er Benz in der Hofeinfahrt, denn immer mit dem Taxi, das ging ja auf Dauer nicht. Und schließlich brauchte Papa Jensen ein Beschäftigung, nur allein mit dem Servieren des Tees und dem Entsorgen der sanitären Hinterlassenschaften war kein Mensch ausgelastet.

Jensen stand in seltsamer Montur neben dem Fahrzeug, gekleidet wie ein schottischer Gutsherr, mit einer Art Schiffermütze auf dem Kopf, Tweedhosen und einem karierten Pullunder, es fehlte nur noch die doppelläufige Flinte unter dem Arm. Wie es aussah, war ihm die Aussicht, dem alten Benisch Modell zu sitzen, zu Kopf gestiegen, und Viktor musste schon wieder unwillig den Kopf schütteln.

Sie fuhren auf demselben ausgetretenen Feldweg, den alle nahmen, die zu Fuß von Anderdorf nach Treudorf oder zurück wollten. Die Fahrt gestaltete sich entsprechend holprig, und als der Gutshof in Sicht kam, bat Viktor seinen Chauffeur, anzuhalten und zurück ins Schloss zu fahren, er würde die restliche Strecke zu Fuß gehen.

Jensen zuckte die Achseln und tat, wie ihm geheißen, obwohl er zu gerne den alten Benisch aufgesucht und ihn gefragt hätte, wann es denn losginge mit dem Modellsitzen, er würde sich vielleicht gerne einen Bart stehen lassen, ob das ginge, und ob das Ganze wohl etwas einbringen würde.

Viktor wanderte derweil davon, sein Kaftan flatterte ihm um die Beine, zum Glück hatte er wenigstens feste Schuhe angezogen, die ihm jetzt bei der ungewohnten Tätigkeit des Wanderns sicheren Halt gewährten.

Der Gutshof türmte sich vor ihm auf, er staunte über den gewaltigen Steinbau, der soviel wuchtiger und gedrungener daherkam als sein zierliches Schlösschen.

Eine Bewegung rechts vor ihm veranlasste ihn, die Blickrichtung zu ändern und abrupt stehenzubleiben.

Da saßen zwei Frauen auf einem Baumstumpf, vielmehr kniete die eine neben der anderen, eindeutig Paula, wegen der er gekommen war. Das andere Mädchen aber, das auf dem Baumstumpf saß – „Jenny!?“ entfuhr es ihm unwillkürlich. Die rothaarige Jenny, die ihm im Traum auf der Bank in der Gerhart-Hauptmann-Anlage erschienen war und ihm den Tee serviert hatte. Kein Zweifel.

„Jenny!“ Er winkte ihr zu und lachte und setzte sich wieder in Bewegung.

Das Mädchen sah auf, blickte ihn direkt an und erbleichte.