Das Verschwinden von Jukki

Das Verschwinden von Jukki (und Beate) führte in Treudorf zu einem unbeschreiblichen Durcheinander. Es war, als hätte der Messias die Erde verlassen und ins Chaos gestürzt. Paula erschrak jeden Tag tiefer über das Verhalten der anderen.

Nach zwei Tagen überlegte sie zum ersten Mal, ob man die Polizei einschalten sollte. War Jukki im See ertrunken? War der See überhaupt tief genug, um darin zu ertrinken, erst recht Jukki, der ein guter Schwimmer und obendrein als Finne mit Seen umzugehen gewohnt war? Schließlich wusste sie ja nicht, dass die Schlossherrin von gegenüber mit im Boot gesessen hatte.

Dann kam Bauer Schmahl zu ihr und bat sie, mit ans andere Ende des Sees zu kommen. Was er dort von ihr wollte, sagte er ihr nicht, verschlossen wie er war, aber sein Gesichtsausdruck sagte ihr, dass jeder Widerstand oder genauere Nachfragen zwecklos waren.

So fuhren sie also auf Bauer Schmahls uralter Schwalbe, die er liebevoll in Schuss hielt, um den See, bis sie absteigen und den Rest zu Fuß gehen mussten. Paula hatte große Mühe, nicht vom Rücksitz zu fallen, denn wie bereits erwähnt, war Bauer Schmahl alles andere als schmal.

An einer Birke fanden sie Jukkis Boot, sorgfältig angebunden. Auf der Ruderbank lag ein durchfeuchteter Zettel – es hatte zwar nicht geregnet die letzten Tage, aber die Nächte waren kalt und morgens herrschte dichter Nebel –, auf den jemand, der sicherlich nicht Jukki war, geschrieben hatte:

„Sucht nicht nach uns.“

Paula und Bauer Schmahl betrachteten den Zettel, das Boot, blickten über den See, sahen sich an und standen dann einfach noch eine Weile schweigend vor dem Boot.

Tausend Fragen bauschten sich in Paulas Kopf. Wer ist „wir“? Die Frau von Schloss Anderdorf, an der Jukki solch einen Narren gefressen hatte? Wie waren sie von hier aus weitergekommen? Zu Fuß? Und wohin? Und vor allem: warum?

Endlich zuckte sie die Achseln, drehte sich um und wanderte zum Moped zurück. Bauer Schmahl stiefelte hinter ihr her und sagte zunächst nichts. Erst als sie aufgesessen waren und er den Motor startete, fragte er: „Sollte man das Boot nicht zurück ins Dorf holen?“

„Meinetwegen. Mir egal.“ Paula schloss innerlich bereits mit Jukki und seinen Eskapaden ab. Ganz anders als die übrigen im Dorf.

Abends versammelten sie sich im großen Speisezimmer, wo es noch immer erbärmlich kalt war, aber wenigstens lagen jetzt schon überall Heizkörper und Leitungsrohre herum, denn Malte war schon am Tag nach dem Gespräch mit Viola zusammen mit Max und seinem Kombi nach Neustrelitz gefahren, einkaufen. Sie hatten den Kombi samt dem Anhänger eines der anderen Bauern bis obenhin mit Material vollgeladen, es hatte ordentlich gerumpelt, als sie damit in den Weg zum Gutshof eingebogen waren.

„Ich verstehe ja nichts davon“, hatte Paula zu Malte gesagt, „aber brauchen wir nicht zuallererst eine Wärmequelle, bevor wir die Heizkörper installieren?“

„Ist alles bestellt“, hatte Max strahlend geantwortet. „Die Handwerker kommen nächste Woche!“

Paula hatte die Stirn gerunzelt und sich innerlich gewundert über diesen Planungshorizont. Mit Sicherheit würden die Handwerker einen fürstlichen Lohn verlangen, aber was sollte sie das stören, Viola hatte ja ihre Geldbörse geöffnet.

Nun saßen sie also etwas beengt in dem großen Raum, mit Kannen voll Tee und Unmengen von warmem Hefegebäck, das Viola spendiert hatte, und hörten Paula mit großen Augen zu.

„Ja, so sieht’s also aus. Jukki ist auf und davon. Möglicherweise mit der Schlossherrin von gegenüber. Ich werde morgen hinübergehen und mit dem Ehemann sprechen, den ich vor ein paar Tagen im Seeblick kennengelernt habe.“

Paula brach ab, in ihrem Kopf drehte sich alles. War das wirklich erst vor drei Tagen gewesen? Wieso überschlugen sich plötzlich die Ereignisse, der ganze lange Sommer hatte sich doch so unendlich gedehnt. Der Tag im April stieg vor ihr auf, als der lange blonde Finne so zielstrebig auf den Gutshof zumarschiert war, bis sie ihn angesprochen hatte.

Nach einem kurzen Schweigen brachen alle in hysterische Diskussionen aus. Wie es denn jetzt weitergehen solle? Ob das Projekt überhaupt noch einen Sinn hätte? Man hätte es ja gleich gewusst, dem Ausländer wäre nicht zu trauen. Was das denn jetzt bitte solle, wieso plötzlich Ausländer?

Paula hielt sich die Ohren zu und verschwand leise aus dem Raum, um sich in ihr Schlafzimmer zurückzuziehen. Dort starrte sie noch lange an die Decke und lauschte dem Gesumme aus dem Stockwerk darunter. Wie gern hätte sie jetzt mit Anna gesprochen, die nicht zur Versammlung gekommen war.

Am nächsten Morgen stand sie zeitig auf, um nach Anderdorf hinüberzuwandern und mit Viktor Bötz zu sprechen. Gleich vor dem Hofportal wurde sie von Jochen aufgehalten, der noch nie viel mit ihr gesprochen hatte, nun aber plötzlich in eine neue Rolle hineinwachsen wollte.

„Paula, wenn du nichts dagegen hast, ich würde gerne das Boot zurückholen und zum Angeln nutzen. Ich habe früher immer gerne geangelt, aber seit Jukki das Boot für sich reklamiert hat, ging das nicht mehr.“

Paula entging der weinerliche Ton nicht, in dem er das sagte, und sie blickte ihn erstaunt an.

„Ja, tu das doch, Jochen. Ich hab doch keine Ansprüche an das Boot. Genauso wenig wie Jukki sie hatte, wieso hast du ihn denn nie darauf angesprochen?“

Jochen setzte zu einer langen Litanei über angestammte Dorfbewohner und hereingeschneite Finnen an, doch Paula nickte ihm nur freundlich zu und ging ihrer Wege.

Als nächste lief ihr Viola über den Weg, man konnte meinen, es sei Markttag, alle Welt war früh auf den Beinen, um ihr, Paula, ihr Leid zu klagen.

„Paula, ich habe ja versprochen, den Gutshof und seinen Aufbau zu finanzieren, aber ganz ehrlich, so geht das auch nicht. Malte und Max ziehen einfach los und bestellen irgendwelche Handwerker, kann man denen trauen, haben die überhaupt Referenzen, kommen die am Ende aus Polen und niemand hat später eine Garantie für irgendwas?“

Es war völlig klar, was tatsächlich in Viola vorging: Wenn die Schlossherrin durchgebrannt war, würde sie niemanden haben, vor dem sie mit ihrem Finanzierungsprojekt angeben könnte.

Paula fühlte sich auf einmal furchtbar müde, wedelte erschöpft mit der Hand und sagte: „Viola, Liebes, noch wissen wir ja gar nicht, ob es wirklich die Schlossherrin ist, mit der Jukki sich auf und davon gemacht hat.“

Viola blickte sie entrüstet an. „Was hat denn die Schlossherrin damit zu tun? Also wirklich, Paula, manchmal muss ich mich schon sehr über dich wundern. Fast bereue ich es, dass ich so großzügig war, aber lass gut sein. Versprochen ist versprochen.“ Und damit rauschte sie ab, und Paula bemerkte für sich, dass Viola mit ihren Gutshofallüren bereits eine ziemlich gute Figur machte.

Die merkwürdigste Begegnung aber hatte sie, als sie um den Gutshof herum in den Feldweg nach Anderdorf einbiegen wollte. Da saß Peggy auf einem Baumstumpf, als hätte sie auf jemanden gewartet.

Und schon winkte sie Paula aufgeregt zu, sprang auf und kam herangelaufen, mit einem so blassen Gesicht, dass Paula sie unwillkürlich auffangen wollte, als würde sie gleich umkippen.

„Peggy-Schatz, was ist denn mit dir los? Du siehst ja aus, als hättest du ein Gespenst gesehen!“

Liebevoll nahm sie die magere kleine Peggy in die Arme, doch die wand sich sofort los, als hätte Paula eine ansteckende Krankheit.

„Ach, Paula, es ist alles meine Schuld! Ich und mein böser Traum, wir sind schuld! Jetzt ist Jukki fort, und ich sitze da und bin an allem schuld.“

Paula erschrak bis ins Mark. Was mochte die zarte, unschuldige, ewig verträumte Peggy angestellt haben, dass sie so durcheinander war? Hatten sie und Jukki? Aber was war mit Gustav? Paula musste unwillkürlich an Annas seltsame Bemerkung von neulich denken: Maria und Josef. Hatte Peggy dem armen Jungen ein Kuckucksei untergeschoben?

Heimlich musterte sie das Mädchen und fragte sich, was unter diesem unförmigen, heute Donnerstag-grünen Kleid verborgen war.

Peggy jammerte immer noch vor sich hin und ließ sich wieder auf den Baumstumpf sinken. Paula kniete neben ihr und fragte ganz behutsam, was das denn für ein böser Traum gewesen sei.

Und Peggy fing an zu erzählen und aus dem Besuch in Anderdorf wurde zumindest für den heutigen Tag nichts mehr.