„Sieh mal, Maria und Josef“

„Sieh mal, Maria und Josef“, sagte Anna, als sie auf dem kleinen Feldweg um den Gutshof herum kamen. Paula sah sich um.

„Ich sehe nur Peggy und Gustav“, erwiderte sie, worauf Anna lachte und nur meinte: „Eben!“

Paula zog die Augenbrauen zusammen, lächelte aber sofort wieder, als sie Peggy zuwinkte. Anna hatte schon recht: die beiden wirkten seltsam abgeklärt und immer ein bisschen neben dem Wege her, den sie zusammen gingen, Hand in Hand, aber ohne jede Leidenschaft erkennen zu lassen.

Aber Maria und Josef? Sollte Peggy etwa…

„Malte! Wie gut, dass wir dich gerade treffen. Ich wollte heute Morgen schon zu dir, hab dich aber nirgends gefunden.“ Paula verschob die Grübeleien über Peggy-Maria auf unbestimmte Zeit, doch entging ihr nicht, wie Malte rot wurde bis unter die Haarwurzeln und in die andere Richtung schaute, als Gustav an ihm vorbeiging.

‚Das wird ja immer mysteriöser‘, dachte Paula, ‚krieg ich eigentlich überhaupt mit, was hier so vor sich geht? Und wäre es schlimm, wenn nicht? Schließlich bin ich nicht die Hausmutter in diesem Hühnerstall. Oder doch?‘

Anna vertiefte sich inzwischen in ein Gespräch mit Malte über die Heizung, das Angebot von Viola und die Möglichkeiten, die sich daraus ergaben. Ganz plötzlich drehte sich alles um ein kleines Bistro, das man in einem der Flügel eröffnen könnte, mit Musikinstrumenten an den Wänden und einem Klavier neben der Bar, und Paula hätte nicht einmal sagen können, wo dieser Gedankenblitz herkam. Verfolgte Anna schon lange ganz eigene Ziele mit dem Hof?

„Aber sag den anderen vorläufig nichts davon, Malte. Solange wir mit Viola nicht handelseinig sind, muss ja nicht jeder wissen, dass wir nun aus dem Vollen schöpfen können.“ Anna zwinkerte Malte verschwörerisch zu, winkte in Paulas Richtung und machte sich beschwingt auf den Weg zu ihrem Häuschen.

Paula verstand die Welt nicht mehr. Wie gerne würde sie jetzt mit Jukki plaudern, der schien auch immer alles zu wissen, was im Dorf vor sich ging, ganz anders als sie selbst, wie ihr vorkam.

Zusammen mit Malte begab sie sich dann, anders als ursprünglich geplant, direkt zu Violas und Günthers Haus, denn warum sollte man noch bis zum nächsten Tag warten. Es wurde schließlich nicht wärmer, der November meldete sich an und Weihnachten stand vor der Tür. Ob man bis dahin überhaupt noch eine Lösung finden würde, Handwerker bestellen, Material geliefert bekommen?

„Mach dir nicht immer so viele Sorgen, Paula. Wir kriegen das schon hin!“ Malte legte ihr den Arm um die Schultern, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Paula seufzte, lachte ihm zu und verwandelte sich zurück in die ewig optimistische Pragmatikerin, die jedermann in ihr sah. Sie straffte die Schultern und begab sich in ihr kleines Büro, um die Gesprächsergebnisse zu protokollieren. Darin lag ihre Stärke. Immer weiterzugehen, sich nicht unterkriegen zu lassen, neue Pläne zu machen, wenn die alten versagten.

Abends machte sie sich ein belegtes Brot und kochte sich ein Ei, dann wartete sie auf Jukki, um sich im üblichen Geplänkel mit ihm ihrer selbst wieder sicher zu werden, nach diesem ereignisreichen Tag, der ihr ganzes Weltbild auf den Kopf gestellt hatte.

Doch wer nicht kam, war Jukki.

***

Auf der anderen Seite des Sees wartete Viktor auf seine Bea. Anders als Paula wusste er ja von der spontanen Bootsfahrt, die sie mit dem langen Blonden angetreten hatte, aber er zweifelte keine Sekunde daran, dass sie zurückkommen würde, sobald sie nasse Füße bekäme. Außerdem war fast schon November, es war kalt und sie hatte ihren Plüschmantel vergessen. Bea würde das nicht lange durchhalten.

Aber nein, auch spät am Abend, auch am nächsten Morgen, Mittag, Abend, Bea kam nicht zurück.