„Viktor?“

„Viktor?“

Beate staunte nicht schlecht, als sie mit einer Schüssel Salat und einer Platte Rohkost aus der Küche zurückkam und den Grünen Salon leer fand.

Sie stellte Schüssel und Platte auf den Tisch, griff nach einem Stück Salatgurke und wanderte durchs Schloss, um nach Viktor zu suchen. Er konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.

Sie wanderte herum und traf nicht nur keinen Viktor, sondern auch sonst überhaupt niemanden. Jensen nicht, Paschke nicht, selbst das Ehepaar Kowalski schien verschwunden, doch die saßen einfach mucksmäuschenstill über ihrem Hackbraten in ihrem kleinen Wohnbereich im Erdgeschoss.

„Viktor!“ rief Beate endlich in das Turmstübchen hinauf, erhielt jedoch keine Antwort.

Sie setzte sich zu ihrem Salat in den Grünen Salon und überlegte, während sie an einer Tomate und dann an einem Stück Karotte von ihrer Rohkostplatte knabberte.

Nach einer Weile stand sie wütend auf und ging zur Tür. Was bildet der Kerl sich ein! Bestimmt sitzt er in der Kneipe bei Bier und Wellfleisch, wie all die anderen Verlierer, während ich hier mit Liebe und Mühe ein gesundes Mahl für uns zubereite.

Schon stürmte sie die Treppe hinunter.

Und dabei hätte ich allen Grund, ihn einfach hier sitzenzulassen, oben in seinem albernen Turm, soll er doch so fett werden, dass er nicht mehr durch die Tür passt und für alle Ewigkeit dort oben feststeckt! Ich hab doch alle Möglichkeiten, was soll ich denn mit so einem Triebtier?

Schon rannte sie durch das schmiedeeiserne Tor und bog in die Straße zum Dorf ein.

Da holt er mich in dieses Jammertal, ich gebe alles auf für ihn, nur damit er mich herumkommandieren kann, tu dies, lass jenes, das Boot kann man nicht rudern, das hat ein Leck, wieso hast du den wunderschönen Rhododendron gerodet?, als wäre ich keine sechs Jahre alt.

Erst als sie das Dorfschild passiert hatte, verlangsamte sie ihre Schritte und blieb schließlich stehen. Wollte sie sich und Viktor wirklich diese Blöße geben, ihn aus der Dorfwirtschaft zu holen wie eine hysterische alte Ziege? Wie demütigend. Gäbe es nicht eine andere Möglichkeit, herauszufinden, wo ihr Mann steckte? So en passant einen Schaufensterbummel machen und dann auf einen Latte ins nächste Café, so wie früher in Wilmersdorf oder Charlottenburg?

Beate seufzte, das war natürlich vollkommen unmöglich. Unentschlossen lehnte sie an einer Straßenlaterne und beobachtete den kleinen Marktplatz vor dem Seeblick, als eine pummelige junge Frau die Gaststätte verließ, auf sie zukam, ohne sie zu bemerken und dann zum See hin abbog. Nicht lange danach kam eine zweite, einige Jahre ältere, dafür sehr magere Frau mit einem Feengesicht hinterher und rief der jungen Frau nach, sie solle doch auf sie warten.

Beate sah den beiden neugierig nach, wo sie wohl hingehen mochten? Gehörten sie zu diesen Sinnsuchern jenseits des Sees? Ob sie den blonden Finnen kannten?

Ihr Zorn war für den Moment völlig vergessen, und sie dachte sich, wenn hier junge Frauen im Dutzend aus der Kneipe kommen, wird ja wohl keiner was dagegenhaben, wenn ich alleine hineingehe. Sowieso geht doch keinen was an, wo die Herrin von Schloss Anderdorf ihre Mittagspause verbringt.

Schwungvoll stieg sie die paar Stufen hinauf und öffnete die Tür zur Gaststube. Da saß er natürlich, ihr Viktor, am Tisch mit einem alten Herrn, vertieft in ein Gespräch, das auch Jensen mit einbezog, der mit Paschke am Nachbartisch saß, statt sich um seine Pflichten im Schloss zu kümmern. Für einen Moment spürte Beate wieder den Zorn in sich aufwallen, doch dann machte sie eine Entdeckung: Ganz hinten am Tresen, kurz vor der Tür zu den Toiletten, saß er, der blonde Finne, und grinste ihr verschwörerisch zu.

Über Beates Gesicht zog ein rosiger Hauch, als sie nun an Viktor vorbeiging und sich direkt an den Tresen stellte, um mit dem Finnen zu plaudern. Endlich. Mit demselben Schwung, mit dem sie die Eingangsstufen genommen hatte, wollte sie sich auf den Barhocker setzen, was gründlich misslang. Der Blonde griff gerade noch ihren Arm und half ihr, sich unfallfrei zu installieren. Mit hochrotem Kopf bestellte sie eine Tasse Kaffee.

„Sie sehen aus, als wollten Sie mit mir durchbrennen,“ flüsterte der Finne ihr zu, nachdem er sich als Jukki vorgestellt hatte. Beate zog die Stirn kraus, wollte etwas zu ihrem Stand passendes erwidern, doch dann musste sie lachen und fragte: „Mit Ihrem Boot?“

Sie wunderte sich noch über ihre Schlagfertigkeit, als Jukki so laut und hemmungslos lachte, dass das ganze Lokal sich nach ihnen beiden umdrehte. Beate nippte an der braunen Brühe, die der Wirt vor sie hingestellt hatte, und verzog das Gesicht. Natürlich hatte auch Viktor das Lachen gehört, stand auf und kam zu ihnen.

„Beate! Was machst du denn hier?“

„Dasselbe wollte ich dich fragen. Ich hatte uns etwas zu essen gemacht, und du warst einfach verschwunden.“

Schon ärgerte sie sich über den nöligen Ehefrauenton, wagte nicht, Jukki anzusehen, der das bestimmt vollkommen uncool fand.

Viktor streichelte entschuldigend ihren Arm. „Ich hatte doch solchen Hunger! Komm, ich möchte dir meinen neuen Freund vorstellen. Hier, der liebenswerte Herr Benisch aus Treudorf. Ein großer Künstler, der einen Zyklus von Papa Jensen in Angriff nehmen wird. Was sagst du dazu? Ist er nicht das perfekte Modell für Malerei aus der Provinz? Ich kann mir schon sehr gut eine Ausstellung im Schloss vorstellen.“

Beate seufzte. „Ich dachte, Herr Jensen arbeitet für uns? Stattdessen sitzt er hier bei Bier und Halma und zuhause geht alles den Bach runter. Soll ich denn alles alleine organisieren im Schloss?“

Viktor bezahlte beim Wirt sein Essen und Beates Kaffee, nahm sie beim Arm und verließ mit ihr zusammen den Seeblick.

„Jetzt nimm dich doch ein bisschen zusammen, Beate. Die Leute halten dich ja für eine hysterische alte Ziege, wenn du mit solchen Argumenten kommst. Wir müssen die Menschen hier zusammenbringen, ihnen einen Lebenssinn vermitteln. Es geht um viel mehr als um Lohn und Brot.“

Beates Zorn war schlagartig wieder da. „Einen Lebenssinn? Für all diese Verlierer hier? Was ist denn mit meinem Lebenssinn, Viktor? Sollten wir nicht zunächst einmal herausfinden, was wir beide hier wollen und dann unseren Angestellten vermitteln, wie wir das umzusetzen gedenken?“

So waren sie endlich bei den Grundsatzfragen angelangt, die sie die ganze Zeit über vernachlässigt und verdrängt hatten. Sie hatten alles in Berlin aufgegeben, waren viel zu schnell in ihr viel zu hastig renoviertes Herrenhaus gezogen, und nun wussten beide nicht, was aus ihnen und diesem Projekt werden sollte. Viktor bewegte sich dabei noch auf festerem Boden als Beate, weil er langfristiger dachte und vielleicht auch weniger sprunghaft. Beate hingegen befand sich im freien Fall, ohne ihre Freundinnen aus Berlin, mit denen sie sich ab und zu treffen und ihren Alltag austauschen konnte, dessen Trostlosigkeit durch all die Besuche bei Friseur und Maniküre überdeckt wurde. Hier war sie sich selbst und ihrer Leere ausgeliefert, und was sie sah, gefiel ihr immer weniger.

Bei ihrer großen Wanderung rund um den See hatte sie noch so etwas wie Aufbruchstimmung gefühlt, war sich sicher, dass sie nah dran war, den Sinn zu finden, doch jetzt, als sie sah, dass Viktor und sie diametral unterschiedliche Ziele verfolgten, fiel ihr Kartenhaus in sich zusammen.

Viktor redete schon wieder von Benisch und seinem Zyklus, Beate hielt sich die Ohren zu, rannte fast, als sie in den Schlosspark einbog, lief bis hinunter zur Mole und sah, dass Jukki gerade in sein Boot stieg.

Es was lausig kalt geworden am Nachmittag, doch überlegte sie nicht lange, winkte Jukki zu und stieg ohne Umstände zu ihm in seine Nussschale, bereit, seinem Ansinnen zu folgen und mit ihm durchzubrennen.