Denn nun ging die Tür zum Lokal auf

Denn nun ging die Tür zum Lokal auf und herein trat Viktor Bötz. Im Gastraum verstummte schlagartig jedes Gespräch.

Jeder staunte, egal, ob er Viktor Bötz bereits kannte (wie die meisten hier) oder nicht (wie Paula). Im Türrahmen stand ein kugelrunder Mann in den Fünfzigern, einen langen, grün-beige gestreiften Kaftan am Leib, auf dem Haupt ein rotes Hütchen mit einer Bommel, an den Füßen Pantoffeln mit kleinen Bommelchen. Unter dem Arm trug er ein Notizbuch, das er fest an sich presste. Seine fleischigen Wangen begruben fast sein kleines Mündchen in ihrer Mitte; auf der Nase saß eine Lesebrille, über deren oberen Rand er nun die kleine Gästegemeinschaft musterte.

Natürlich war sich Viktor im klaren darüber, dass er ob seiner Gewandung ein ungewohntes Bild abgeben musste, doch das war es nicht, was bei den Menschen aufstieß. Sie erinnerten sich an einen zwar kräftigen, aber doch sportlich-eleganten Geschäftsmann aus Berlin, der das Schloss als Respektsperson gekauft und umgebaut hatte. Dunkel erinnerten sie sich auch an das Sommerfest, und auch dort waren beide, sowohl Viktor als auch Beate, noch mit der großstädtischen Nonchalance aufgetreten, die von ihnen erwartet wurde.

Aber hier stand jemand aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit, einem anderen Universum. Professor Habakuk fiel einem ein, wenn man ihn peinlich berührt betrachtete.

Die einzigen, die sich weiterhin stoisch ihrer Beschäftigung widmeten, waren Jensen und Paschke. Jensen, weil er durchgängig mit Viktor zu tun hatte und seine Veränderung daher nur schleichend erlebt hatte; Paschke, weil er am Zug war und daher keine Zeit hatte, sich nach dem Neuankömmling umzusehen.

Am meisten jedoch staunte Paula, die Viktor zum ersten Mal in ihrem Leben begegnete. Sie fühlte sich sofort zu dem Mann hingezogen, ihre Instinkte als Beschützerin waren geweckt, und schon erhob sie sich halb von ihrem Stuhl, als Viktor Bötz den Mund öffnete.

„Einen guten Appetit wünsche ich allerseits“, sagte er, und schon ging ein Aufatmen durch die Gaststube, denn hörbar war sie immer noch, die Weltläufigkeit des Stoffgroßhändlers aus der Schlossstraße in Steglitz. Mit einem Schlag war seine Würde zurückgekehrt, und sein originelles Outfit ging ohne weiteres als exzentrischer Ausdruck eines Privatiers durch, der zwar ausgesorgt hatte, sich aber dennoch um das Gemeinwohl bemühte, indem er Arbeitsplätze im Hinterland schuf.

Die Gäste murmelten ein respektvolles Willkommen und rückten auf ihren Stühlen, um Viktor das Gefühl zu vermitteln, er könne sich mit an ihren Tisch setzen. Viktor verschaffte sich einen Überblick und steuerte dann ohne Umstände auf den alten Benisch zu, ein Zeichen, dass man sich erkannte, als Bildungsbürger mit akademischem Hintergrund.

Benisch erhob sich und die beiden Männer schüttelten sich die Hand. Viktor bestellte beim unterwürfig herbeigeeilten Wirt ein Bier und Wellfleisch.

Bis das Essen kam, währenddessen und danach vertieften die beiden sich in ein Gespräch über das gesamte Feuilletonspektrum hinweg. Vom west-östlichen Diwan über Turner und Whistler gelangten sie zu den Gebrüdern Goncourt, es war eine Wonne, ihnen zuzuhören. Paula kam aus dem Staunen nicht heraus, und plötzlich sah sie die dicke Viola vor sich, wie sie ihr einen Blankoscheck ausstellen wollte. Ein Salon entstand vor Paulas Augen, wo extravagant gekleidete Damen und Herren sich über Proust und den Impressionismus austauschten, Brücken schlugen durch Jahrhunderte von kultivierter Lebensart. Dahin ging ihr Traum vom Sozialismus, und auf stieg ein Stern bürgerlicher Geselligkeit, gehobener Lebensart – gleich diesen Papierstückchen, die in Wasser geworfen sich auflösen und Form und Farbe annehmen und neue Gestalten bilden – Paula hatte nie die Suche nach der verlorenen Zeit gelesen, sonst wäre ihr bewusst geworden, dass sie gerade die legendäre Madeleine-Episode in ihr Gegenteil verkehrte: statt einer Kindheit in der französischen Provinz stiegen vor ihr die Felder und Wiesen einer mecklenburgischen Landschaft auf und wiesen in die Zukunft statt in die Vergangenheit.

Sie schüttelte sich unwillig, löste sich aus dem Traum, schob es auf die Gulaschsuppe, die schwer im Magen lag. Was war nur los mit ihr? Ließ sie sich so leicht gefangennehmen von ein paar Gesprächsfetzen über die Malerei des vorletzten Jahrhunderts?

Und doch ließ sich dieses geheime Gemälde, das sie entworfen hatte, nicht mehr auslöschen. Automatisch sammelte sie das Geschirr an ihrem Tisch ein und brachte es dem Wirt, der ihr anerkennend zunickte.

„Jetzt wo wir so modern werden und Mittagstisch anbieten, könnte ich ab und zu eine Hilfe gebrauchen, Mädchen.“

Paula sah ihn erstaunt an. Sie als Bedienung? In dieser schummrigen Kaschemme? Heute musste der 35. Mai sein. Alles schien plötzlich möglich. Sie lachte ihn an mit ihrer schmalen Zahnlücke und versprach, es sich zu überlegen. Dann verabschiedete sie sich von Anna und ihrem alten Herrn und Herrn Bötz und all den anderen und verließ das Lokal, ohne sich nach Jukki umzudrehen.

Auf dem Weg zurück nach Treudorf, zu ihrem Gutshof und all den vertrauten Gesichtern fasste sie gleich mehrere Beschlüsse. Nicht mehr demokratisch wie an all den langen Abenden im Hof des Gutshauses. Nein, heute nahm sie das Heft in die Hand, die Herausforderung an. Gleich am nächsten Morgen würde sie bei Viola anklopfen und deren Angebot bis ins Detail durchgehen. Und dann würde der Gutshof geheizt. Bewässert. Entwässert. Verstromt. Der Laden würde kommen, vielleicht ein Wirtshaus.

„Paula!“ Sie drehte sich um. Das war Anna, die da gelaufen kam. Die liebe Anna, die verhinderte Cellistin, die gute Freundin.

„Warte doch, Paula. Mein alter Herr ist so vertieft in seine neuen Freundschaften, da kam ich mir vor wie ein Störenfried. Was ist passiert, du siehst aus, als hättest du das Licht gesehen?“

Paula lachte aus vollem Hals und konnte nicht anders als Anna zu umarmen.

„Lass uns ein Fest feiern, Anna! Bald ist Weihnachten. Lass uns ein großes Fest planen, und dann bauen wir unser Haus zu Ende, du und ich!“