Malte war nicht aufzufinden

Malte war nicht aufzufinden, und das trug nicht dazu bei, Paulas Laune zu verbessern. In einem impulsiven Schritt beschloss sie, ihrer ersten Eingebung zu folgen und Viola den Blankoscheck symbolisch vor die Füße zu knallen.

„Hab ich das nötig? Es hängt doch nicht am Geld, dass wir nicht vorankommen. Wir müssen uns nur besser organisieren. Durch den Winter kommen. Wir brauchen Zeit und den Willen. Natürlich brauchen wir auch Geld, aber doch nicht so. In Form von kapitalistischen Zuwendungen einer Kekserbin.“

Sie wurde immer wütender, nicht zuletzt, weil sie genau wusste, dass die Aufgabe zu groß und der Wille zu klein waren, zornig bahnte sie sich ihren Weg zu Violas Haus.

An der Abzweigung zum Häuschen des alten Benisch kamen ihr Anna und ihr Vater entgegen. Paula wollte schon grußlos an ihnen vorbeimarschieren, doch ihre guten Manieren gewannen die Oberhand, und sie blieb schwer atmend stehen.

„Paula! Wie siehst du denn aus? Wo willst du hin mit diesem zornigen Gesicht? So hab ich dich ja noch nie erlebt!“

Paula wischte sich über ihr heißes Gesicht, lachte nervös, und begrüßte den alten Benisch mit großem Respekt; der alte Herr ließ sich nur selten im Dorf blicken. Dann wandte sie sich an Anna, um deren Frage zu beantworten.

„Ach, Anna. Was für ein Morgen. Ich bin völlig ratlos und außer mir. Aber so zwischen Tür und Angel kann ich dir auch nicht erklären, was alles passiert ist.“

Anna nickte. „Mir scheint, das ist ein komplexeres Problem. Papa und ich wollen hinüber in den Seeblick, Mittagessen. Komm doch mit!“

Paula starrte sie verständnislos an. „Seeblick?“

„Ja, die kleine Kneipe in Anderdorf. Neuerdings bieten sie Mittagstisch an. Wir wollten das mal ausprobieren. Wie ich höre, hat dieses Ehepaar aus Berlin das Schloss gekauft, und nun krempeln sie allerlei um drüben. Deshalb hat der Wirt vom Seeblick beschlossen, sein Angebot zu erweitern, man muss mit der Zeit gehen, sagt er.“

Während sie diesen Plauderton anschlug, um Paula ein bisschen zu beruhigen, hatte sie die Freundin schon untergehakt und lenkte ihre Schritte zurück zum Gutshof, um auf demselben Trampelpfad darum herum zu gehen und dem Uferweg nach Anderdorf zu folgen wie zuvor Beate.

Doch als Paula das Gerede vom Schlossehepaar hörte, wallte der Zorn wieder in ihr auf. „Ja, ist denn hier nur noch von Geld die Rede? Hier oder drüben, überall kauft sich ein reicher Sack ein und krempelt alles um, wie du sagst? Und wir mit unseren Ideen werden gleich mitgekauft, bloß damit Viola sich ebenfalls als Schlossherrin aufspielen kann?“

Sie stampfte unwillkürlich mit dem Fuß auf, wie ein kleiner Trotzkopf stand sie mitten auf der Dorfstraße.

Anna nahm energisch ihren Arm. „Ich glaube, du kannst wirklich einen kleinen Spaziergang gebrauchen, Paula. Und versuch, mir alles genau zu erzählen. Sieh mal, Papa ist schon vorausgegangen, wir sind ganz unter uns, du und ich.“

Alles in Paula sträubte sich gegen Annas Plan. Sie mochte nichts davon: das mütterliche Getue von Anna, das Unterhaken, den Eindruck, sie seien älteste und beste Freundinnen, und sie, Paula, hätte das Bedürfnis, ihr Herz auszuschütten; am allerwenigsten aber mochte sie die Idee, nach Anderdorf gehen zu sollen, quasi als eine Art Therapie, so, als hätte sie Flugangst und solle einfach mal in ein Flugzeug steigen, um sich dieser Angst zu stellen.

Doch schließlich tat die Kälte auch bei Paula ihre Wirkung, sie wanderte neben Anna her, die Hände in ihrem Mantel vergraben, mit roten Wangen und kleinen Dampfwolken, die ihr beim Sprechen aus dem Mund traten.

Und endlich gestand sie sich ein, dass Annas Therapie wirkte. Als sie schließlich vor dem Seeblick standen, der den Eindruck molliger Wärme und kräftiger Gulaschsuppe vermittelte, die einen drinnen erwarteten, da hatte sie die gesamten Ereignisse des Morgens erzählt, inklusive Jukkis typischer Reaktion völliger Gleichgültigkeit, und Anna hatte sie kein einziges Mal unterbrochen. Sie hatte auch nicht genickt oder teilnahmsvoll den Kopf geschüttelt, sie hatte kein sorgenvolles Gesicht gemacht oder aufmunternd gelächelt. Nein, Anna war ganz einfach neben ihr hergegangen, immer im Kielwasser des alten Benisch, der ihnen den Weg zu bahnen schien, und hatte konzentriert zugehört.

Paula wurde das nun ganz allmählich bewusst, und sie schämte sich ein bisschen. Die beiden Frauen sahen sich an und lachten verlegen, so wahnsinnig gute Freundinnen waren sie ja bis zu diesem Tag nicht gewesen, aber etwas an der ganzen Situation vorhin an der Wegkreuzung hatte Anna gar keine andere Wahl gelassen als der anderen ihren Willen aufzuzwingen. Nun waren sie Komplizinnen, sowohl Viola als auch Jukki gegenüber. Und dem Schlossehepaar. Überhaupt der ganzen Welt gegenüber, wie ihnen schien, und sie wussten noch nicht genau, wie sie mit dieser Komplizenschaft umgehen sollten.

„Am besten erstmal eine heiße Suppe und ein kühles Bier“, schlug Paula vor, gerade so, als hätte Anna diese Gedanken eben in Worte gefasst, und Anna wusste genau, was sie meinte.

„Komm!“, und schon stiegen sie die paar Stufen hinauf und betraten die schummrige Kneipe, denn das war der Seeblick immer noch, auch, wenn er jetzt Tischdecken aufgelegt hatte und eine kleine Mittagskarte präsentierte.

Die beiden Frauen sahen sich nach Papa Benisch um und entdeckten ihn am Tisch neben dem Stammplatz zweier alter Männer, die ganz vertieft in ihr Halmaspiel waren.

„Da bist du ja, Papa. Du bist so davongestürmt, wir kamen ja kaum hinterher, Paula und ich.“

Benisch nickte bedächtig und sah weiterhin hinüber zum Nachbartisch. Genauer gesagt beobachtete er Papa Jensen, um den es sich selbstredend handelte, und Anna schien zu verstehen, was in ihm arbeitete. Das Profil des Alten war bemerkenswert. Wäre er ein Porträt, ginge er als ein echter Nolde durch. Anna setzte sich zu ihrem Vater, während Paula sich im Lokal umsah. Ganz hinten am Tresen grinste Jukki ihr entgegen.

„Na, hast du dich beruhigt? Nimmst du nun das Geld von der Dicken oder willst du weiter frieren?“

Paula öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch dann lachte sie nur und setzte sich zu Anna an den Tisch. Mal musste ja auch Schluss sein mit den Diskussionen mit Jukki, die so oder so zu nichts führten, und schließlich war sie nun mit den Benischs hier. Mochte Jukki doch seinen Zynismus an jemand anderem auslassen.

Sie bekamen ihr Bier und ihre heiße Gulaschsuppe, und dann fing Anna ein Gespräch mit den beiden alten Herren am Nachbartisch an. Paula mochte nicht so ohne weiteres ihre Abneigung gegen das Nachbardorf aufgeben, obwohl ihr relativ schnell klar wurde, dass diese Abneigung eher einer romantischen Überheblichkeit ihrerseits entsprang. Sie hatte sich einfach nie ihren Traum des Gutshofes als eine Art Kommune 2.0 zerstören lassen wollen.

Es war ein denkwürdiger Tag für Paula, und er war noch lange nicht zu Ende.