„Viktor!“

„Viktor!“ Beate lief die letzten Schritte bis zum Schloss, die Gummistiefel polterten auf den Stufen der Freitreppe, im Vestibül warf sie sie von sich und den Plüschmantel in den nächstbesten kleinen Sessel mit Bötz-Streifenbezug.

„Viktor, du glaubst nicht, wie schön es ist, um den See zu laufen! Ich bin ganz und gar außenherum gewandert, in den Sonnenuntergang, um die Biegung ganz links und durch den Wald zurück.“ Ihr Gesicht glühte, jetzt, wo sie aus der Kälte zurück ins gut geheizte Zimmer kam. Sie redete ohne Pause weiter, dazwischen immer wieder „Viktor! Jetzt komm doch mal runter aus deiner Kemenate!“ rufend.

Viktor hatte zunächst unwillig schnaufend auf seiner Ottomane gesessen, bis ihm klar wurde, dass nun doch Ereignisse stattgefunden hatten, denen er sich beugen musste. Also drückte er rechts und links die Fäuste in die weichen Polster und stemmte sich hoch, wobei er leicht vornüberkippte und mit dem rechten, pantoffelgeschützten Fuß einen kleinen Ausfallschritt machen musste.

‚Hoppla, Viktor. Vielleicht hast du es doch ein bisschen übertrieben in letzter Zeit. Ein bisschen Bewegung könnte tatsächlich nicht schaden.‘

Endlich stand er senkrecht, warf mit einer entschlossenen Kopfbewegung die Bommel an seinem orientalischen Hütchen in den Nacken und steuerte der Treppe zu.

Die Wendeltreppe, laut Frau Höxter unverwüstlich, schien ihm schmaler geworden zu sein, seit er das letzte Mal heruntergestiegen war aus seinem kleinen Paradies. Meist schlief er hier oben, und man möchte sich nicht in Details verlieren, aber ein bunt bemaltes antikes Waschgeschirr, dessen Pflege zu Jensens täglichen Aufgaben gehörte, versah die erforderlichen Dienste in allerbester Manier. Viktor war glücklich.

Schritt für Schritt tastete er sich in seinen bebommelten Pantoffeln die Treppe hinunter, während Beate einfach immer weiterredete, er vernahm nur ihre Stimme, folgte ihr und fand seine Frau schließlich im Grünen Salon. Wo auch sonst.

Als die beiden sich schließlich gegenüberstanden, verstummte Beate und sah ihren Viktor fassungslos an. Gestreifter Kaftan, diese alberne Mütze mit Bommel am Bändchen, die lächerlichen Pantöffelchen an Viktors zugegeben kleinen Füßen, ach du lieber Herrgott, Viktor, was ist aus dem Geschäftsmann aus Steglitz geworden?

Viktor staunte nicht weniger über seine ranke, schlanke, kastanienbrünette Frau, deren erhitztes Gesicht von innen zu leuchten schien. War sie immer schon so drahtig gewesen? Aß sie überhaupt noch irgendetwas?

Gleichzeitig begannen sie zu reden, verstummten, bedeuteten dem anderen, du zuerst, woraufhin Beate wieder von ihrer Seeumrundung anfing, allerdings deutlich weniger enthusiastisch als zuvor.

Die Landstraße, auf die sie nach dem Verlassen von Treudorf gelangt war, führte noch etwa eine Viertelstunde am See entlang, bis wieder ein Feldweg abzweigte, auf dem sie dichter an den See gelangte und ihre Umrundung fortsetzen konnte. Das Gelände wurde hier sumpfiger, doch sie war munter ausgeschritten und hatte sich ihre Zehlendorfer Freundinnen ausgemalt, wie sie alle in bunten Gummistiefeln und passenden Regencapes hier marschieren würden und unfassbar gesund und agil wieder zurück in die Stadt fahren würden.

An einer lauschigen Stelle am Ende des Sees, bevor der Weg wieder in den Wald führte, durch den sie damals, vor Ostern, bei ihrem ersten Besuch gefahren waren, gab es sogar eine wacklige Bank, und Beate stellte sich vor, wie man hier einen kleinen Pavillon für ein standesgemäßes Picknick aufbauen könnte. Während sie mit ihrer Wandergruppe auf der Nordseite unterwegs wäre, könnten Kowalskis hier alles herbeibringen, was man für einen Brunch im Wald so benötigt: frische Brötchen, Honig und Marmelade, Kannen mit heißem Kaffee, vielleicht ein paar gekochte Eier und kaltes Huhn.

All das schilderte sie jetzt ihrem Viktor, als sie sich von seinem Anblick erholt hatte und wieder in Fahrt gekommen war.

„Alles in allem braucht man für die Wanderung nicht länger als zwei Stunden. Wenn wir eine Pause in Treudorf einlegen – was für ein trostloser Ort, Viktor, wir müssen für meine Wegstrecke unbedingt für Bequemlichkeit sorgen! – und dann das Picknick am Waldrand berücksichtigen, ist man nach drei Stunden wieder im Schloss. Der Waldweg bietet jede Menge Schatten, und es gibt sogar einen kleinen Trimmpfad, stell dir das mal vor. Wie lange mag den keiner mehr benutzt haben?“

Beate lehnte sich erschöpft zurück in ihrem Schreibtischstuhl, und Viktor merkte, wie ihm der Magen knurrte, vermutlich seit sie von dem kalten Brathuhn angefangen hatte.

„Ich finde deine Idee ganz zauberhaft, Bea, lass uns bei Patricia nachfragen, was sie für heute gekocht hat, und dann öffnen wir eine Flasche von diesem fabelhaften Gascogner, den ich neulich bestellt habe und lassen uns auftragen. Dann können wir alles in Ruhe besprechen.“

Ihm war nicht ganz klar, worin in allem, was möglicherweise zu besprechen war, seine eigene Rolle bestehen sollte, aber wenn ihm der Magen knurrte, half alles nichts, der nächste kluge Gedanke würde sich erst nach dem Essen einstellen.

Als hätte sie auf ihr Stichwort gewartet, steckte Patricia Kowalski den Kopf durch die Tür und fragte, ob sie das Essen heute im Speisezimmer servieren solle. Es gäbe Hackbraten mit Pilzsoße, aber die Kartoffeln seien noch nicht ganz gar.

Viktor und Beate versteinerten beide bei diesen Worten, wenn auch beide aus völlig unterschiedlichen Gründen.

‚Hackbraten?‘, dachte Viktor. ‚Danach steht mir im Moment überhaupt nicht der Sinn.‘

„Hackbraten?“, rief Beate. „Patricia, Sie müssen nicht Ihren eigenen Speisezettel auf uns übertragen. Wenn Herr Bötz und ich gemeinsam zu Abend essen, dann sollte es schon etwas Gesundes sein. Essen Sie mit Ihrem Mann den Hackbraten, sobald die Kartoffeln gar sind. Ich richte uns etwas Salat und Gemüse. Es wird doch Salat und Gemüse im Haus sein?“

Damit verließ sie den Grünen Salon und ließ einen unglücklichen Viktor zurück, der selbst Hackbraten jedem Salat- und Gemüseentwurf vorgezogen hätte. Er faltete die Hände vor seiner gestreiften Kaftanbrust und schloss betrübt die Augen.