Viola betrat das Gutshaus

Viola betrat das Gutshaus durch den Haupteingang und wandte sich nach links, den kleinen Gang hinunter zu dem Raum, den Paula zu ihrem Büro erkoren hatte. Wie zu erwarten, saß Paula an ihrem Schreibtisch, zurückgelehnt in einen ihrer blauen Küchenstühle, die Hände vor dem Bauch gefaltet und – schlief. Ein ganz leises Schnarchen drang aus ihrem leicht geöffneten Mund. Viola staunte nicht schlecht, hatte sich aber schnell gefangen und nahm mit einem besonders lauten Ächzen in dem zweiten blauen Küchenstuhl Platz, der für Besucher auf der anderen Seite des Schreibtischs stand.

Paula zuckte zusammen, schüttelte sich und starrte Viola überrascht an. Sie fuhr sich mit der Hand an die Lippen und wischte unauffällig etwas Speichel fort, der sich in ihrem Mundwinkel gesammelt hatte.

„Viola, meine Liebe! Wie nett, dass du mich besuchst. Geht es euch gut, dir und Günther?“

Eins musste man Paula lassen, sie fiel nie aus ihrer Rolle der Mediatorin und freundlichen Gastgeberin. Viola war dementsprechend auch sofort eingelullt und holte zu einer längeren Rede aus.

„Ja, geht schon. Ich würde gerne etwas mit dir besprechen, Paula. Diese Schlossherrin…, also, ich wollte sagen, ich habe Geld und ich will euch unterstützen. Sonst wird das ja nie was hier. Eiskalt ist es auch.“ Sie blickte missbilligend um sich und zog die Arme um ihren Leib.

Für Viola war dies tatsächlich eine sehr lange Rede, jedoch saß Paula und blickte sie aufmerksam an, ob noch etwas kommen würde, doch nein. Das war schon alles, für den Moment.

Nach einer Pause, die länger dauerte als Violas Ansprache, erhob sich Paula, um Tee zu kochen. Sie werkelte an dem kleinen Bord herum, auf dem der Wasserkocher stand, den sie regelmäßig mit Wasser aus der Gutsküche befüllte, wobei sie darauf achtete, keinen Tropfen zu verschütten, denn schließlich gab es ja keinen Abfluss. Mit dem Rücken zu Viola bastelte sie an einer Antwort zu deren erstaunlicher Eröffnung.

„Danke, Viola, Liebes! Das ist ja ein ganz schön großes Wort von dir. Entschuldige, ich bin ein bisschen unausgeschlafen, war ein langer Abend gestern“ – sie hätte auch sagen können, eine kurze Nacht, aber diese Details gingen nur sie und Jukki etwas an, wie sie fand – „und ich kann nicht denken ohne eine Tasse starken Tee. Möchtest du auch?“

Damit dreht sie sich um und hielt Viola den zweiten Becher hin.

Viola warf einen Blick auf den henkellosen Pott und schnaufte. „Danke, nein. Ich muss auch bald wieder, Günther wartet.“

„Natürlich. Das verstehe ich.“ Paula ließ zwei Stücke Würfelzucker in ihren Becher fallen und grübelte weiter darüber nach, wie sie nun auf dieses seltsame Angebot eingehen sollte.

„Entschuldige, Viola, was genau meinst du damit, du hast Geld?“ Sie wählte ganz einfach den direkten Weg, damit war sie bislang immer am weitesten gekommen.

„Ich bin die Erbin der Tütenberger Keksfabrik. Das kannst du nicht wissen. Aber wir sind seit vier Generationen sehr erfolgreich in der Produktion von Butterkeksen mit Zitronenaroma. Vor einigen Jahren haben wir auch Orangenaroma mit ins Programm genommen, ich weiß noch nicht, ob das eine gute Idee war.“

Viola verstummte, soviel wollte sie gar nicht preisgeben über sich und ihre Familie.

Paula blickte sie erwartungsvoll über den Rand ihres Teebechers an. „Das wusste ich tatsächlich nicht, Viola, Schatz. Aber wenn du sagst, du bist die Erbin, aber die Firma besteht doch noch? Wie verhält es sich denn dann mit dem Vermögen, von dem du gesprochen hast?“ Sie merkte selbst, wie ungelenk sie daherredete, das musste an der Kälte liegen, ihre Finger wurden nur langsam warm an der Teetasse.

„Ach, das ist eigentlich ganz unwichtig. Jedenfalls habe ich genug, um euch den Hof aufzubauen und der Schlossherrin von drüben eins auszuwischen.“

Darum ging es also. Aber das war Paula auch völlig egal. Wer hier mit welchen Motiven lebte und arbeitete und mithalf oder eben auch nicht – ihr einziges Ziel bestand darin, ein Gemeinwesen aufzubauen, das Hand in Hand ging, jeder auf seinem Platz, nach seinen Fähigkeiten. Ob das in einigen Jahren noch sie und Jukki sein würden oder ob ganz andere Leute kämen, spielte keine Rolle. Die Idee zählte.

„Puh, ja, das muss ich erstmal verdauen, Liebes. Ich weiß gar nicht, was sollen wir denn jetzt machen? Einkaufen und du bezahlst die Rechnung? Man könnte als allererstes einen Heizungsinstallateur suchen, ein Angebot einholen, nein? Vielleicht könnte Malte…“

Viola stand abrupt auf. „Wie ihr das genau macht, interessiert mich nicht. Aber es muss schnell gehen. Ich hab nicht ewig Zeit. Schick mir einfach alle Rechnungen, die so anfallen.“

Sie sah noch einmal nach dem Bord, auf dem die Teebecher und ein paar angeschlagene Untertassen standen. „Und macht hier mal ein bisschen sauber. Man schämt sich ja vor den anderen.“

Damit war sie auch schon verschwunden, wobei ihre schweren Schritte noch durch den Flur hallten.

Paula saß mit offenem Mund, fing an, hilflos zu lachen, hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. „Vor den anderen? Welche anderen? Die Schlossherrin etwa? Wow. Viola, du alte Schabracke, da lässt du mich hier sitzen, einfach so, wirfst mir dein Geld vor die Füße und meckerst wegen meiner mangelnden Ordnung?“

Ganz langsam stieg ein riesiger Zorn in ihren müden, übernächtigten Kopf. Sie umfasste den Teebecher, den henkellosen, sah ihn durchdringend an und warf ihn mit Schwung gegen die Tür, die jedoch offenstand, so dass der Becher weiterflog und erst an der gegenüberliegenden Flurwand zerschellte.

„Was bildet diese Person sich eigentlich ein? Es ist, wie ich immer gewusst habe. Leute haben entweder das eine oder das andere. Geld oder Charakter. Beides zusammen geht nicht.“ Sie betrachtete ihre vor Wut zitternden Hände und überlegte, ob sie Viola hinterherrennen und sie anschreien sollte, obwohl sie natürlich genau wusste, dass das überhaupt nichts bringen würde.

Plötzlich stand Jukki in der Tür. Er betrachtete Paula, sah die Scherben im Flur, sah wieder zu Paula, in deren kalkweißem Gesicht die Augen wie Flammen loderten und fragte ganz lahm: „Was ist denn passiert, kukka?“

Paula ließ sich auf ihren blauen Küchenstuhl fallen und versuchte, eine kurze Zusammenfassung dieses denkwürdigen Morgens zu geben. Jukki hörte aufmerksam zu, nickte und sagte: „Ja, und? Nimm das Geld und sieh zu, dass hier geheizt wird. Ist doch klasse, wenn die Dicke dir aus lauter Neid auf die Berliner Eleganz einen Blankoscheck ausstellt.“

Damit drehte er sich um und verschwand.

Paula resignierte. „Es ist tatsächlich nicht so, wie ich gedacht habe. Es gibt auch Menschen, die haben keins von beidem. Weder Geld noch Charakter.“

Sie sah sich suchend in dem kleinen Büro um und holte ihre Listen hervor, auf denen die dringlichsten Arbeiten vermerkt waren. „Heizung!!!“ stand ganz oben. Paula nahm einen dicken roten Stift und malte einen Kringel um das Wort. „Viola“ schrieb sie daneben. „Preis spielt keine Rolle.“ Dann stand sie auf und verließ das Büro, um Malte zu suchen.