Beate saß im kuschelig warmen Grünen Salon

Beate saß im kuschelig warmen Grünen Salon, denn im Schloss Anderdorf gab es eine Heizung. Zwar hatte Beate keine Ahnung, welcher Natur die Wärmequelle war, aber sie kam auch nicht auf die Idee, danach zu fragen. Warum sollte sie?

Viel dringlicher schien ihr die Frage nach einer sinnvollen Nutzung ihrer Tage, die mit dem neuen Pachtvertrag für Herlinde Schwan ja nun weiß Gott nicht ausgefüllt waren. Wieder und wieder wälzte sie Kataloge, Zeitschriften, Ratgeber, auf der Suche nach dem ultimativen Seminarprogramm, das sie für ihr Schloss adaptieren könnte. Sie sah Scharen frustrierter Zehlendorferinnen ein und aus gehen, auf dem Heimweg bepackt mit Tüten voller guter Wünsche und hilfreicher Artikel von – ja, was? Kosmetik? Tee? Selbstgekochter Marmelade? Bunter Origami-Tierchen?

„Patricia, meine Liebe, sind Sie so gut, bringen Sie mir doch eine Tasse Tee!“ Die Haushälterin war gerade draußen im Flur vorbeigehuscht, und wie immer fragte Beate sich, was sie und ihr Peter eigentlich den ganzen Tag zu tun hatten, wo doch Viktor kaum noch aus seinem Turmstübchen kam und sie selbst, Beate, nun wirklich überhaupt keine Wünsche an das Ehepaar richtete.

Patricia kam zurück, warf einen Blick auf Beates Schreibtisch und fragte ganz direkt: „Ist Ihnen nicht furchtbar langweilig, Frau Bötz? Wir könnten zusammen das Treppenhaus wischen.“

Beate erbleichte und setzte ihre Brille ins Haar. Bevor sie jedoch zu einer passenden Antwort kam, war Patricia schon wieder verschwunden und begann in der Küche herumzuklappern. Ob Beate jemals ihren angeforderten Tee bekommen würde, darauf wollte sie nicht warten. Stattdessen stand sie vom Schreibtisch auf, stürmte die Freitreppe hinunter, holte ihre grünen Gummistiefel aus dem Schrank und lief hinaus ins Freie.

Nach wenigen Metern kehrte sie um, holte sich den dicken Plüschmantel und startete zu einer ausgiebigen Wanderung.

Was für eine unverschämte Person. Die Treppe wischen! Wir beide zusammen! Wofür bezahle ich sie denn? Das Schloss ist doch keine dreckige Kommune, wo Putzpläne in Gemeinschaftsarbeit ausgehandelt werden.

Wütend stiefelte sie zum Hafen, wo Paschke ihr entgegenkam und freundlich Guten Morgen wünschte. Beate achtete gar nicht auf ihn, sondern wanderte weiter am See entlang, anstatt wie üblich ins Dorf abzubiegen. Was sollte sie in diesem Wrack von einem Dorf, wahrscheinlich würde der Wirt vom Seeblick sie gleich mal zum Spülen des Geschirrs hereinbitten.

Beate war ehrlich fassungslos, ihr gesamtes Zehlendorfer Weltbild war bis auf die Grundfesten erschüttert. Kaum gelang es ihr, einen klaren Gedanken zu fassen, sie merkte gar nicht, dass ihre Schritte schneller und schneller wurden, dass sie Patricia geradezu in den Mecklenburger Ackerboden stampfte mit ihren grünen Gummistiefeln.

So war es kein Wunder, dass innerhalb kürzester Zeit der Gutshof von Treudorf vor ihr auftauchte. Einen Moment lang verlangsamte sie ihre Schritte, denn sie war noch nie hier gewesen, hatte lediglich von dem Dorf gehört, das nach ihrer Vorstellung noch dreimal heruntergekommener war als Anderdorf. Sie sah immer halbverfallene Holzschuppen vor ihrem inneren Auge, wenn jemand – meist der alte Jensen – anfing, über das Dorf zu sprechen. Abgezehrte, dreibeinige Hunde liefen dann über die Dorfstraße, dreckige kleine Jungs mit laufender Rotznase jagten aufgeregt schnatternde Gänse, die versuchten, über eingedrückte Zäune zu entkommen. Sie wusste nicht, wo diese extrem deutlichen Bilder herkamen, in welchem dunklen Eck ihres Gedächtnisses da womöglich kindliche Erinnerungen vergraben waren und sich einen Weg nach draußen bahnten. Alles, was sie wusste, war, dass sie mit dem Dorf nichts, aber auch gar nichts zu tun haben wollte.

Doch dann fiel ihr plötzlich der blonde Finne ein, den sie im Seeblick getroffen hatte, damals, zu Beginn des Sommers. Sie ging jetzt ganz bewusst langsamer, umrundete das Gutshaus auf dem Trampelpfad, der abseits vom See daran entlangführte.

Das Dorf war tatsächlich recht trostlos, aber doch nicht ganz so heruntergekommen wie in ihrer Fantasie. Gänse gab es nicht, jedenfalls nicht auf der Dorfstraße, die auch viel gepflegter aussah als sie gedacht hatte.

Der Gutshof selbst war ein imposantes Gebilde, ein geräumiger Platz wurde auf drei Seiten von steinernen Gebäuden flankiert, die vermutlich unterschiedlichen Zwecken dienten, so genau mochte Beate sich nicht damit beschäftigen. Häuser interessierten sie eher von innen denn von außen, Baustile waren ihr vollkommen gleichgültig, Hauptsache, das Ganze machte einen stabilen, sicheren und repräsentablen Eindruck. Eine Freitreppe, wie in ihrem Schloss, gab es zum Beispiel schon mal nicht, eher wirkte das Ensemble wie ein überdimensionierter Bauernhof. Und mehr, so dachte Beate bei sich, wird es wohl auch nie gewesen sein. Emporgekommene Bauern, ohne Kultur und Lebensart.

Sie wandte sich der Dorfstraße zu, den Finnen hatte sie völlig vergessen, und nahm ihre Wanderung wieder auf. Allmählich hatte sie Spaß daran, sich komplett zu verausgaben, wer weiß, vielleicht schaffte sie es bis ganz um den See herum, Viktor würde Augen machen. Konnte er sie vielleicht sogar hier sehen, von seinem albernen Turmstübchen aus?

Beate legte die Hände wie ein Fernrohr um die Augen und blickte zu ihrem Schloss hinüber. Tatsächlich war das kleine Türmchen gerade noch zu erkennen, eines der vier Fensterchen in dem achteckigen Rund, aber kein Viktor. Oder es war einfach zu weit weg.

Sie schob die Hände in die Manteltaschen und ging weiter, aus dem Dorf hinaus, das nach ihrer Schätzung nicht mehr als fünfzehn weit auseinanderliegende Häuschen umfasste. Zwei, drei kleinere Bauernhöfe kamen noch, dann war Treudorf zu Ende.

Aus dem allerletzten Haus, das eigentlich recht hübsch und einladend aussah, trat eine dicke Person, die Beate misstrauisch musterte. Beate war inzwischen so daran gewöhnt, von allen als die Herrin von Schloss Anderdorf erkannt und entsprechend gegrüßt zu werden, dass sie huldvoll das Haupt senkte und der Frau einen dezent-freundlichen Gruß entbot.

Die Frau guckte nur weiter misstrauisch und bewegte sich Richtung Gutshof, wobei sie Beate nicht aus den Augen ließ. Dazu musste sie den Kopf immer weiter nach hinten drehen, denn schließlich befand der Hof sich in Beates Rücken.

Das ging eine Weile, bis Beate sich von diesem seltsamen Anblick losriss und kopfschüttelnd den Weg weiter in Richtung Landstraße ging, die weiter oben an See und Dorf vorbeiführte. Eigentlich hatte sie gehofft, ohne Straßenverkehr am See entlanggehen zu können, aber wegen der zu den Bauernhöfen gehörenden Felder ging das zunächst nicht mehr. Da die Straße oben jedoch quasi nicht befahren war, schritt sie bald wieder munter aus, in Richtung Westen, dem Ende der Geschichte entgegen, genoss die feuchtkalte Luft und dachte an präzise gar nichts.

Viola hingegen, die dicke Person aus dem letzten, hübsch und einladend aussehenden Haus in Treudorf, war stehengeblieben und sah ihr immer noch nach, bis sie aus dem Blickfeld entschwunden war. Ihr war instinktiv klargewesen, dass das die Herrin von Schloss Anderdorf sein musste, von der neuerdings alle redeten.

Viola und ihre Gedanken waren meist nicht leicht zu durchschauen, und besonders redselig war sie ohnehin nicht. Ihr Günther saß meist an seinen Manuskripten, während sie buk und Marmelade einkochte. Vermutlich hätte sie mehr Erfolg mit entsprechenden Seminaren für frustrierte Zehlendorferinnen als Beate, aber es stand außer Frage, dass diese beiden Frauen sich niemals über derartige Pläne austauschen würden, geschweige denn sie umsetzen. Beide aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Jetzt gerade aber, wenn irgend jemand die Begegnung zwischen diesen beiden Frauen beobachtet und danach in Violas Gesicht geschaut hätte, ihm wäre sofort klar gewesen, was in ihr vorging. „Das will ich auch“, stand in Violas Gesicht. „Was die kann, kann ich schon lange.“