Sie merkten es nicht sofort

Sie merkten es nicht sofort. Nicht am Tag nach dem fulminanten Einzug ins Gutshaus, und nicht in der folgenden Woche. Noch immer war der Abend mit seiner ausgelassenen Festlichkeit Gesprächsthema, noch immer tauschten sie sich voller Bewunderung aus über Annas Cellospiel, als sie völlig versunken in ihrer eigenen Welt den Bogen hatte über die Saiten gleiten lassen, so dass die einen eine Gänsehaut spürten, die anderen ihren Tränen freien Lauf ließen.

Noch immer sprachen sie über das große Gefühl des Zusammenhalts, das sie an dem Abend beflügelt hatte, über die Entschlossenheit, mit der sie die nächsten Ziele angehen wollten, über Ideen und Pläne, alberten herum und zogen sich gegenseitig auf damit, wie sie einander überboten hatten mit Träumen und Wünschen und unausgegorenen Vorschlägen.

Doch als der Oktober begann, sich einzutrüben, der Wind um das noch immer zugige Reetdach zu streichen begann und der Regen gegen die Scheiben klatschte – da saßen sie im großen Speisezimmer zusammen, die einen lasen, die anderen diskutierten, Elli strickte und Max und Jochen spielten Schach. Irgendwann stand Paula auf und holte sich einen dickeren Pullover aus ihrem Zimmer, das sie nebenan mit Jukki bewohnte.

Peggy war die nächste. Sie zog ihr dunkelblaues Kleid über das dunkelrote und dicke Socken über die bloßen Füße. Elli senkte den Blick konzentriert auf ihr Strickgut, das irgendwann zu einer Jacke werden sollte, und überlegte insgeheim, ob die Wolle wohl noch für eine Mütze und Handschuhe reichen würde.

Malte ging zum Ofen und legte einen dicken Holzscheit nach, doch entweder war der Scheit zu klein oder der Ofen – eine spürbare Veränderung trat nicht ein. Jeder dachte für sich dasselbe, niemand sprach es aus: es war saukalt in dem riesigen Raum, und auch wenn sie ihn als „Zimmer“ bezeichneten, so war es doch eher ein Saal. Die Fenster schlossen nicht ganz dicht, von der Tür her zog es, und der Fußboden schien die Kälte direkt aus dem darunter liegenden Gewölbe heraufzusaugen.

„Ja, es hilft wohl nichts. Wir müssen endlich ran an die Heizung.“ Kaum hatte Max diese großen Worte ausgesprochen, hellte sich die Stimmung auf, und draußen bracht für Sekunden die Sonne durch die Regenwolken, so dass hinter dem Gutshaus, zur Seeseite hin, ein Regenbogen erschien, leider für alle unsichtbar, da die Fenster zur anderen Seite hinausgingen.

„Oh, die Heizung? Ach was, so kalt ist es doch nicht!“ – „Nein, nein, ich friere auch nicht. Aber so als nächste Aufgabe, man sollte tatsächlich darüber nachdenken. Der Winter ist ja nicht mehr weit.“ Niemand wollte zugeben, dass die eisige Kälte an der Entschlossenheit zehrte, das Projekt als Ganzes weiterhin hochzuhalten.

Trotzdem hatte sich etwas gelöst bei ihnen, die Laune hob sich, und Paula ging in die Küche, um eine große Kanne Tee zu kochen. Man setzte sich an den größten der Tische, die bei der Einweihungsfeier zu einer Tafel zusammengestellt worden waren, und der als einziger noch im Speisezimmer stand – die übrigen waren nach und nach zu ihren Besitzern zurück oder in die verschiedenen inzwischen bewohnten Räume gewandert –, und Paula holte ihre große Mappe hervor, in der sie alle Ideen sammelte und zu jedem Plan ein Konzept entwickelte, über das dann gemeinschaftlich abgestimmt wurde. Da gab es große und kleine Ideen, einen Putzplan, Einkaufslisten, Spendenaufrufe und ein rotes Blatt Papier, das für die skurrilen Einfälle gedacht war: ein Bücherzimmer? Ein Gemeinschaftsbad? Tierhaltung?

„Also gut“, sagte Paula und blickte in die Runde. „Heizen. Was schlagt ihr vor? Was gibt es bereits, was ist die preiswerteste Lösung, die sinnvollste, die durchführbare?“

Alle sahen zu Malte. Malte sah überrascht zurück. „Warum schaut ihr mich an? Ich bin kein Heizungsinstallateur.“

Schon redeten alle durcheinander, versuchten Malte davon zu überzeugen, dass er doch das Gebäude am besten kannte, immer die besten Ideen hatte, überhaupt der beste und klügste war und pragmatisch und hands-on. Nur Jukki schwieg und blickte an die Zimmerdecke, was wiederum Paula ein missbilligendes Augenrollen entlockte.

Sie diskutierten bis spät in den Abend, eine zweite und dritte Kanne Tee musste her, niemand fror mehr, und am Ende gab es immerhin ein paar Zeichnungen, Notizen und verteilte Aufgaben. Das große Gewölbe unter dem Speisezimmer sollte eine Heizanlage bekommen, von der aus Rohre überallhin laufen sollten und in jedem Raum einen Heizkörper erreichen. Was für Körper und was für eine Anlage das sein sollten – Gas („kein Anschluss!“), Strom („viel zu teuer!“) oder gar Holz („braucht man dazu nicht jede Menge Kamine?“) –, darüber konnte an diesem ersten intensiven Abend keine Einigung erzielt werden, aber man war doch glücklich so weit gekommen zu sein und eine Basis für weitere Gespräche zu haben.

Jukki schwieg immer noch, und als er später mit Paula im Bett lag, sprach sie ihn direkt darauf an und wollte wissen, ob er nicht vielleicht auch einen Beitrag hätte leisten können zu dieser doch immerhin existentiellen Frage.

Er sah sie lange und aufmerksam an. „Paula, kleine kukka. Jetzt überleg doch mal. Heizen ist eine Sache. Das Dach ist eine andere. Strom kommt immer noch über den Dieselgenerator, den Bauer Schmahl versorgt. Und Wasser kommt zwar aus der Leitung, aber einen Abfluss gibt es nirgends, und wir gehen alle hinüber in die alten Häuser, wenn wir mal zur Toilette müssen.“

Er drehte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Das Ganze ist ein absoluter Wahnsinn, was ihr hier macht.“

Paula explodierte. „Wir? Und du? War es nicht ganz zu Anfang deine Idee? Was hast du denn bislang gemacht? Spielst den großen Erfinder und wenn es an die Umsetzung geht, dann schweigst du und machst ein bedenkliches Gesicht.“

Sie lamentierte weiter, aber Jukki antwortete nicht. Er war einfach eingeschlafen.

Paula ließ sich rücklings auf die Matratze fallen und stülpte sich das Kopfkissen übers Gesicht. „Aaarrghhhh!“ stöhnte sie in den dicken Stoff.

Denn das Schlimmste war: Jukki hatte recht. Wie immer. Aber was sollte das helfen?