Eine Frau lief durch das Dorf und schrie

Eine Frau lief durch das Dorf und schrie. Sie lief durch alle Gassen, über den kleinen Marktplatz, die Straße hinunter zum Schloss.

Beate stand am Fenster oben im Grünen Salon; Viktor saß auf der Terrasse und döste. Jensen ging auf und ab, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und sah Peter Kowalski beim Unkrautjäten zu.

„Du könntest mir ruhig ein bisschen helfen, du Gernegroß“, knötterte Kowalski vor sich hin. „Du hast auch einen Stock verschluckt, seit du hier den Verwalter markierst. Hast für unsereins nichts mehr übrig, was? Sogar Paschke jammert rum, du würdest neuerdings beim Halma bescheißen.“

Jensen hörte gar nicht hin. Stattdessen blickte er über den Zaun hinweg in die Richtung, aus der das Geschrei zu vernehmen war.

Die Frau kam immer näher und schwenkte die Arme. Ihre Frisur hatte sich aufgelöst, es war wohl eine Art Knoten gewesen. Um die Hüften trug sie eine Schürze, die beim Laufen zwischen ihre Beine schlug.

„Hilfe, so helft doch! Mein Schwein, meine Sau, meine Selma!“

Leben kam ins Schloss. Beate stürzte die Treppe herunter, Viktor kam ums Haus gezuckelt, Jensen stapfte die Einfahrt hinunter. Sogar die Handwerker, die mit dem Ausbau von Viktors Turmzimmer beschäftigt waren, ließen den Hammer liegen und sahen zu, was es gab.

Beate hatte die Frau noch nie gesehen. Das mochte aber an ihr liegen. Frauen nahm sie nicht zur Kenntnis, es sei denn, sie taten etwas für sie. Diese Frau war ganz bestimmt noch nie im Schloss gewesen.

Viktor ergriff das Wort.

„Und wer seid Ihr, gute Frau?“

Beate starrte ihn an, als wäre er nicht mehr bei Trost.

„Bist du nicht mehr bei Trost?“, formten ihre Lippen. Er machte aus seinen Augenbrauen ein Fragezeichen, was sie dazu veranlasste, der Frau mit einer Handbewegung Warten zu signalisieren und Viktor am Arm zu packen. Sie zog ihn hinter eine der Säulen, die den Eingang umrahmten.

„Viktor! Bist du noch bei Trost? Wie sprichst du denn mit der armen Frau?“

„Wie spreche ich denn mit der armen Frau?“ Viktor hatte wirklich keine Ahnung, wo das Problem war.

Beate stieß ihn von sich und schwebte die Freitreppe wieder hinunter.

„Bitte entschuldigen Sie meinen Mann. Die Sonne. Es muss an der Sonne liegen. Wir haben aber auch einen Sommer dieses Jahr, finden Sie nicht? Fing im April an und – aber gut. Sie haben ganz andere Sorgen. Nun erzählen Sie mir: Was ist passiert? Warum rennen Sie an so einem heißen Tag durch die Hauptstraße und schreien wie am Spieß?“

Die Frau starrte Beate mit offenem Mund an und Beate dachte: ‚Inzucht. Es muss an der Inzucht liegen. Das ist ja nicht normal. Beate, bleib ganz ruhig. Wenn Viktor schon einem Sonnenstich erliegt, dann musst du ganz ruhig bleiben.’

„Ja, also, mein Schwein!“ Die Frau versuchte sich zu sammeln, und Beate belohnte sie durch einen leichten Druck auf ihren Arm.

„Ihr Schwein. Gut. Das ist ein Anfang. Kommen Sie, wir gehen nach hinten, da gibt es Bänke, einen Tisch, Stühle, was immer Sie möchten. Sogar ein Mäuerchen. Wir können uns setzen, und Sie erzählen mir von Ihrem Schwein.“

Sie gingen langsam um das Schloss herum, die Bäuerin in ihren schweren Schuhen, Beate auf leichten Sandaletten, die sie gerne im Haus trug.

„Was für ein Schwein ist es denn? Ein Hausschwein? Ein Hängebauchschwein? Ein argentinisches Trageschwein?“

Beate wusste viel mehr über Schweine als irgendein Mensch ahnte.

„Es ist ein Schwein. Eine Sau, vielmehr. Eine Muttersau, die letzte Woche neun Ferkel geworfen hat. Und die sind alle tot. Und die Sau auch. Abgestochen, einfach so. Über Nacht. Gestern Abend hab ich sie noch gefüttert. Die Sau. Die Ferkel musste ich nicht füttern, die säugen ja noch. Aber tot sind sie auch.“ Die Frau fing unkontrolliert an zu heulen und Beate musste an einen jungen Seehund denken. Auf Langeoog hatte sie mal welche gesehen. Heuler.

„Na, na, na. Nun kommen Sie mal wieder zu sich, liebe Frau. Wie heißen Sie denn eigentlich? Schwan? Herlinde Schwan? Was für ein außergewöhnlich schöner Name, Frau Schwan! Und die Sau? Hatte die auch einen Namen? Selma! Ja, das ist ein Name, um den tut es einem leid, wenn die Sau tot ist.“

Sie erschrak über ihre eigenen Worte, empfand sie fast als Sakrileg angesichts des Leides dieser Herlinde Schwan, aber die nickte eifrig, denn auch ihr tat es außerordentlich leid um ihre Selma.

„Aber, was soll ich denn jetzt machen? Wird man den Mörder finden? Selma war unsere beste Zuchtsau. Die Ferkel waren schon verkauft, bevor sie geworfen waren.“

Beate strich der Frau Schwan beruhigend über die Schulter. „Wir finden den Mörder, Frau Schwan, seien Sie unbesorgt. Wir finden ihn. Und falls nicht, dann bekommen Sie eine neue Zuchtsau. Wir bezahlen sie. Und wissen Sie was? Wir kümmern uns um alles. Um den Verkauf der Ferkel, um die Aufzucht und Pflege, um alles. Was Sie wollen. Dafür müssen Sie uns nur Ihren Hof abtreten. Dann bezahlen Sie einen klitzekleinen Betrag monatlich, eine Art Pacht, wissen Sie. Nur einen symbolischen Betrag. Aber wir kümmern uns um alles, Viktor und ich. Wir sorgen für unsere Schützlinge. Sie und Ihr Mann und alle Ihre Schweine. Hühner. Kühe. Was Sie wollen.“

Eine Stunde später ging Herlinde Schwan nach Hause mit dem Gefühl, sie hätte das Geschäft ihres Lebens gemacht. Und Beate hatte die erste Pächterin gewonnen. Die Grundlage für ihre Zukunft. Falls Viktors Geld mal ausginge.

„Viktor! Hast du dich beruhigt? Mein Gott, was war denn los mit dir?“

„Ich weiß ja immer noch nicht, wovon du sprichst, Bea. Ich habe der Frau doch nur guten Tag gesagt!“

Beate sah ihn an. Wie eine Mutter ihren Sohn anschaut, der schon wieder vom frisch eingekochten Gelee genascht hat, von dem er Magengrimmen bekommt.

Sie zog sich in den Grünen Salon zurück. Neuerdings war das ihr Arbeitszimmer. Nach der deprimierenden Woche ohne Viktor, in der sie vor lauter Langeweile und Überflüssigkeit nicht mehr gewusst hatte, was sie hier eigentlich suchte, war ein eigenes Zimmer ihr oberstes Ziel gewesen.

Man mochte von Beate Bötz halten was man mochte: Ziele setzte sie um. Gleich. Ohne Zögern, ohne Zweifeln. Die kamen erst später. Zunächst stürzte sie sich voller Zuversicht auf ihre neuen Ziele. Nach ein, zwei Wochen traten die ersten Anzeichen dafür auf, dass es vielleicht doch nicht so die Erfüllung war mit diesem Ziel.

Jetzt hatte sie ein Arbeitszimmer, in dem lauter Grünpflanzen standen und ein Barschrank, der mit Aktenordnern gefüllt war.

Sie legte Listen an mit den Namen der Leute im Ort; sie verzeichnete die Größe der Höfe und der Felder; sie führte auf, wie viel Stück Vieh die einzelnen Bauern zu versorgen hatten.

Beate war glücklich. Für die nächsten vier Wochen.

Viktor befand sich in einem Übergangsstadium. Er wartete darauf, dass sein Turmstübchen fertig wurde. In der Zwischenzeit stand er in schriftlichem Kontakt mit Weber und Schimmel. Bei Weber bestellte er Stoffe, Kissen und Zuschnitte; von Schimmel ließ er sich über den Fortgang des Firmenverkaufs und über die finanzielle Lage informieren.

Das Leben auf Schloss Anderdorf nahm ganz allmählich Formen an.