Der Einzug ins Gutshaus

Der Einzug ins Gutshaus.

Das war ein Spektakel.

Sie kamen mit Decken und Kissen und Bettzeug. Sie trugen Koffer und Kisten und Körbe, sie schleppten Möbel und Karren und Kleinkram.

Paula saß in der Halle und verteilte sie auf die einzelnen Räume. Sie selbst wäre am liebsten in dem großen Allzweckraum geblieben, den sie in der letzten Nacht bezogen hatte, aber das war natürlich Unsinn. Dieser Raum würde als Speisezimmer dienen. Und sie nannten ihn absichtlich Speisezimmer. Nicht Raum oder Saal; sie wollten eine Atmosphäre der Wärme schaffen, das Kleine war wichtig. Nichts durfte uferlos wirken, auch die Namen nicht.

Alle wurden in den Zimmern im Obergeschoss untergebracht. Malte und Jochen; Max und seine Elli; Piet und Gustav und zwei von Jochens Studienfreunden; Peggy und zwei andere Mädchen. Paula und Jukki zogen in das kleine Zimmer im Erdgeschoss, in dem sie damals, vor Wochen, ihre allererste Nacht auf dem Gutshof verbracht hatten.

Die Zimmer oben waren Durchgangszimmer. Niemand konnte sich einschließen; aber jeder konnte eine Tür zumachen. Die Küche war unten, gleich neben dem Speisezimmer; daran schloss sich der Krämerladen an.

Es gab immer noch jede Menge Platz, und jeder, der später nachkommen wollte, war willkommen. Paula wartete vor allem auf Anna; aber die sagte, sie wolle lieber bei ihrem Vater bleiben, „er wird langsam sonderbar, Paula.“ Paula glaubte nicht an den sonderbaren Vater; sie wusste, dass Anna das ganze Projekt ablehnte. Die Musikerin hatte kaum einen Finger gerührt; sie hatte ein bisschen beim Streichen der Fensterrahmen geholfen und ihren Karren zur Verfügung gestellt, wenn Schutt wegzubringen war. Aber sie war auch geblieben, und das genügte Paula.

„Ach, lass doch die Anna. Die spinnt doch“, sagte Jukki, der von seiner Begegnung mit Anna am See nichts erwähnt hatte. „Die hat nur ihre Musik im Kopf und ist sich zu fein für uns.“

Paula sah ihn an, wie sie ihn neuerdings häufig ansah: als könnte er nicht bis drei zählen. Das machte ihn wütend.

„Sieh mich nicht immer so an, Paula! Ich bin nicht dumm!“

„Ich weiß, Jukki. Ich weiß, du bist nicht dumm, und ich frage mich mehr und mehr, was du willst. Aber das ist jetzt grade nicht wichtig. Hilf mir mal mit dem Regal hier.“

Viola kam herüber und blieb in der Halle stehen. Auch sie und ihr Günther hatten sich bisher kaum einmal blicken lassen; sie kamen jeden Abend zur Versammlung, aber sie blieben im Hintergrund. Günther zusätzlich im Hintergrund von Viola.

„Hallo?!“ Es klang wie eine Frage und wie ein Befehl gleichzeitig. Paula steckte den Kopf durch die Tür.

„Viola! Das ist schön, dass du vorbeischaust. Darf ich dich herumführen?“ Paula fragte sich, was die Dicke wollte und versuchte, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen.

„Nein, danke. Ich kenne das ja alles. Ich wollte fragen, ob wir heute Abend zum Essen kommen können? Wäre doch schön; wir verlagern die Versammlung vom Innenhof in den Gutshof!“

Paula schmunzelte. „Na klar könnt ihr zum Essen kommen! Auch alle anderen! Wir haben noch keinen großen Tisch, aber Gustav hat versprochen, uns einen zu zimmern. Nein, zu schreinern heißt das wohl. Also komm nur; und vielleicht hast du auch noch etwas im Vorratsschrank, was ihr beisteuern könnt, du und Günther!“

Viola zog eine Augenbraue hoch. „Selbstverständlich bringen wir etwas mit, Paula! Was denkst du denn, wir sind doch keine Schmarotzer.“

‚Nein, natürlich nicht’, dachte Paula, als Viola sich zum Gehen wandte.

Sie ging und suchte Gustav. Er stand im Hof und schaute Peggy dabei zu, wie sie die Fensterbänke abfegte. Von innen und von außen.

„Hallo Gustav! Was machst du gerade?“

Gustav wandte ihr sein freundliches Gesicht zu. Paula hatte das sofort empfunden. Man könnte Gustav gar nicht besser beschreiben, fand sie: Der Junge mit dem freundlichen Gesicht. Ein Grübchen im Kinn und winzige Fältchen um die hellblauen Augen. Dazu die Blässe der Rothaarigen. Dabei waren seine Haare dunkelbraun, aber auf der Nase und auf den Wangenknochen tummelten sich die Sommersprossen. Seine leicht abstehenden Ohren vervollständigten das Bild, das Paula sich seit eh und je von einem Lausbuben gemacht hatte. Gustav sah aus, als wäre er einem Buch von Erich Kästner entsprungen.

Sie hatte Gustav auf Anhieb gemocht, und jetzt fand sie, er und Peggy würden geradezu ein perfektes Paar abgeben.

„Hallo Paula! Ich mache nichts Besonderes. Ich schaue Peggy dabei zu, wie sie fegt. Peggy fegt dauernd irgend etwas, stimmt’s?“

„Ja, stimmt! Peggy mit dem Handbesen haben wir sie getauft. Sie hat es gern sauber. Aber sie kann auch noch eine ganze Menge andere Dinge. Sie kann zum Beispiel fabelhaft kochen. Peggy, Schatz, was kochst du uns heute zur Feier des Tages?“

Peggy wurde rot bis zu den Ohren. „Ich habe Pfannkuchenteig gerührt. Jede Menge Pfannkuchenteig. Er steht im Kühlschrank. Die meisten Leute rühren den Teig und gießen ihn sofort in die Pfanne. Das ist falsch. Man muss ihn stehen lassen. Eine Stunde, zwei Stunden.“ Sie verschwand vom Fenster und lief in den ersten Stock, um dort etwas zum Fegen zu suchen.

Paula sah Gustav an. „Sie ist ein bisschen schüchtern.“

Gustav lachte. „Das macht nichts. Das bin ich auch.“

Er bot ihr seinen Arm. „Gehen wir an den See, Paula?“

Sie hakte sich unter und fand das eine tolle Idee.

Abends versammelten sie sich in der Halle. Peggys Pfannkuchen dufteten. Die anderen hatten die Beilagen herbeigeschafft: Apfelkompott, Marmelade in allen Sorten, Zucker und Zimt, Bananen. Auf dem Herd stand außerdem eine große Pfanne mit Hackfleischsoße, für diejenigen, die lieber etwas Deftiges auf ihren Pfannkuchen hatten.

Große Schüsseln mit grünem und buntem Salat standen auf den Tischen. Sie hatten alles hereingetragen, was in Form und Größe passte, um eine lange Tafel herzustellen. Jetzt hatte jeder Platz gefunden. Die dreizehn Gutshausbewohner – Paula war nicht wohl bei dieser Zahl –, außerdem die Bauern mit ihren Familien, dann Anna und ihr Vater und, nicht zu vergessen, Viola und ihr Günther. Insgesamt waren fast dreißig Personen in dem großen Speisezimmer versammelt, und trotzdem war es nicht ein bisschen eng.

„Was hatten die Menschen Platz früher! Wer wohl alles in diesem Haus gewohnt hat, als es gebaut wurde? Doch bestimmt nicht mehr als zehn Personen. Der Gutsherr, seine Frau, die Kinder. Vielleicht eine unverheiratete Schwester? Die Dienstboten hatten ja wohl in diesem Raum nichts verloren.“

Die Gespräche wanderten zurück in alte Zeiten, als der Hof noch den Bauern der Umgebung für Lohn und Brot diente. Man labte sich an Peggys Pfannkuchen, an Bier und Landwein. Es gab große Kannen mit kaltem Tee, mit Wasser und Saft und mit Apfelmost. Es gab überhaupt alles und reichlich davon.

Jukki klingelte mit seinem Messer an seinem Glas. Jeder sah zu ihm hin, doch er wies mit beiden Händen hinüber zu Paula, die ihm gegenüber saß. Paula stand langsam auf.

„Ich bin so gerührt!“, fing sie an. „Jetzt sind wir alle hier, und alles ist so schön geworden. Ihr habt mit angepackt, wir haben alle zusammen geholfen, und jetzt ist Platz für jedermann und noch mehr. Was soll ich noch groß reden? Ich bin eine von euch. Lasst uns feiern und keine großen Ansprachen halten. Seid alle willkommen, und habt alle Dank!“

Sie setzte sich wieder und fasste sich innerlich an den Kopf. Was war los mit ihr? War sie in eine Zeitmaschine gestiegen? So redete doch kein Mensch.

Aber sie klatschten. Alle. Sogar Viola und Günther. Die Atmosphäre war einfach so, was sollte man da sagen. Der Raum, das Essen, die Holzbänke. Es fehlte nur noch, dass jemand einen Bratspieß hereinbrachte, an dem sich ein Spanferkel drehte. Paula sah bittend zu Anna hinüber, und Anna stand auf und verschwand.

Ein paar Minuten später war sie mit ihrem Cello wieder da.