Am Freitag klingelte Beates Wecker

Am Freitag klingelte Beates Wecker um halb sieben.

Halb sieben? Was für ein Wahnsinn. Wieso soll ich dermaßen früh aufstehen? Nur wegen dieser dummen Gans?

Weiterschlafen. Wecker abschalten und weiterschlafen. War spät gestern.

Um neun wurde sie wieder wach.

Schon neun! Was für ein Irrsinn! Wie soll ich denn jetzt fertig werden? Um zehn kommt die Dame. Und ich wette, sie gehört zu den Pünktlichen.

Was ziehe ich an?

Was du anziehst? Geht’s dir noch gut? Du bist die Herrin dieses Schlosses, du kannst  sie notfalls im Morgenmantel empfangen!

Ja, mir fehlt nur der entsprechende Morgenmantel. Sieh doch mal, dieser Fetzen hier! Damit könnte man nicht mal mehr dem Gasmann die Tür aufmachen.

Also kein Morgenmantel; lieber das blaue Kostüm. Das passte immer und zu allem. Sogar zu einer abgetakelten Architektin.

Abgetakelt? So hatte sie auf der Party nicht ausgesehen. Und einen schlechten Geschmack konnte Beate Viktor nicht unterstellen, das fiele schließlich nur auf sie selbst zurück.

Die Türglocke ging.

Na fabelhaft. Da ist sie schon. Ich hab es doch gewusst: sie ist eine von den Pünktlichen.

Patricia Kowalski ächzte die Treppe herauf.

„Gnädige Frau, ein Bote. Frau – wie heißt die? – Frau Höxter wird sich verspäten. Sie wurde aufgehalten.“

Na herzlichen Glückwunsch, Beate! Und dafür bist du so früh aufgestanden. Diese Ignorantin. Verfügt über anderer Leute Zeit, als hätten wir zuviel davon. Jetzt glaubt sie wohl, dass ich hier rumsitze und auf sie warte? Das tue ich nicht. Ich gehe in den Garten. Mal sehn, was Kowalski da so treibt.

Eine halbe Stunde ging sie im Garten auf und ab, gab Kowalski ein paar Anweisungen, sah bei Jensen vorbei, ob er irgendwas brauchte – „Ja, gnädige Frau, wenn Sie mal wieder was in der Stadt bestellen: mein Pfeifentabak wäre alle“ – sein Pfeifentabak. Wie kam sie eigentlich dazu, den Pfeifentabak ihres Verwalters zu finanzieren? Wo hatte er ihn denn früher herbekommen? Vermutlich den Knaster geraucht, den es im Gasthof zu kaufen gab. Jetzt musste es natürlich was Besseres sein.

Sie ging wieder hinauf und besprach mit Patricia den Speisezettel fürs Wochenende. Wenn Viktor wieder da wäre.

Ein Auto kam die Einfahrt herauf.

Sibylle Höxter.

Na endlich.

„Frau Bötz, es tut mir so unendlich leid! Ich hatte einen Termin drüben auf der anderen Seite des Sees. Die bauen dort ein Gutshaus neu auf, aber nicht zu vergleichen mit dem hier. Ein Haufen Alternativer, wissen Sie. Die Substanz des Gebäudes ist nicht schlecht, Gott sei Dank, sonst hätten sie schon alles ruiniert. Jetzt hab ich ihnen ein paar Tipps gegeben, wie sie preiswert weitermachen können. Lange geht das natürlich nicht mehr gut. Manches müssen ausgebildete Handwerker erledigen. Da war so ein Blonder, ein Schwede glaube ich, der wollte mich dann gleich über den See rudern. Ich hatte den Eindruck, er wäre am liebsten mitgekommen. Aber ich habe gesagt, nein, danke. Ich wusste schließlich nicht, ob es Ihnen recht wäre, wenn ich den Dänen mitbringe.“

„Finnen.“

„Bitte?“

„Den Finnen. Er ist ein Finne.“

Sibylle Höxter sah sie über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Ach, Sie kennen ihn schon?“

Beate erwiderte nichts darauf, sie war froh, dass sie den Redeschwall hatte abbrechen können. ‚Und noch dazu mit einer Überraschung für dich, du Labertasche’, dachte sie und lächelte dämonisch.

Sie hatten während Frau Höxters Monolog den Turm erreicht und stiegen die Wendeltreppe hinauf.

„Vorsicht, Frau Höxter. Lassen Sie mich vorausgehen. Die Stufen sind äußerst gefährlich. Jeden Moment kann die Treppe in sich zusammenfallen.“

„Ach, da machen Sie sich mal keine Sorgen, Frau Bötz. Eine Wendeltreppe fällt nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen in sich zusammen. Wissen Sie, die sind nämlich so konstruiert, dass…“

„So, da wären wir.“ Beate würde sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Ganz gewiss nicht. Schon gar nicht von dieser bebrillten Blondine.

Sie standen nebeneinander in einem Rund, das sich seiner eigenen Kahlheit zu schämen schien. Die Wände bröckelten seit Jahr und Tag vor sich hin, bis auf halbe Höhe waren sie gefliest, mit scheußlich grünen Kacheln. Es sah aus wie in einem Swimmingpool, aber in einem, der seit einem halben Jahrhundert kein Wasser mehr gesehen hatte.

Der Boden war mit Linoleum in undefinierbarer Farbe belegt; die Wände oberhalb der Kacheln wiesen Reste einer Blümchentapete auf.

„Wer war das denn?“ Frau Höxter fand kaum Worte für diese Scheußlichkeit. „Welcher Suizidgefährdete hat sich denn diesen Raum eingerichtet?“

Beate konnte nicht anders: Sie lachte. Es war zu komisch. Die blonde Bebrillte mit ihrem hellgrauen Kostüm in all dieser Scheußlichkeit.

„Es tut mir leid, Frau Höxter. Aber Sie nehmen mir die Worte aus dem Mund. Ich habe allerdings den größten Respekt vor meinem Mann: Er muss ein ausgeprägtes Visualisierungsvermögen besitzen, wenn er sich ausgerechnet diesen Raum herrichten lassen möchte.“

Frau Höxter nickte. „O ja. Daraus lässt sich durchaus etwas machen. Ihr Mann besitzt einen außerordentlich guten Geschmack, Frau Bötz. Ich kann das beurteilen, glauben Sie mir.“

Beate versteifte sich. „Frau Höxter, ich muss Sie nun bitten, zu gehen. Ich habe noch eine ganze Menge zu tun. Sie verstehen das sicher: so ein Schloss verlangt eine vielseitige Hand mit Verantwortungsbewusstsein. Sie schicken uns dann einen Vorschlag samt Kostenaufstellung zu, ja? Ich danke Ihnen. Einen schönen Tag! Auf Wiedersehen!“

Schon hatte sie die Architektin aus dem Turm und vom Grundstück komplimentiert. Gerade, dass Sibylle Höxter ihre notwendigen Vermessungen hatte vornehmen können.

Beate ging erneut hinüber zu Jensen und fragte nach Handwerkszeug. Sie erklärte Jensen genau, was sie wollte, ohne seinen erstaunten Blick zur Kenntnis zu nehmen.

Jensen suchte in seinem Verwalterhäuschen herum; dann rief er nach Paschke; der suchte Kowalski; Kowalski kam auf die Idee, bei den Handwerkern nachzufragen, die noch immer damit beschäftigt waren, verschiedene Räume im Schloss zu renovieren.

Schließlich fand man das Gesuchte: Einen Hammer, einen Meißel und ein paar Arbeitshandschuhe.

Beate zog sich um: eine alte Hose, ein verwaschenes Hemd und ein Paar Turnschuhe.

Dann stieg sie erneut auf den Turm – die einfallsichere Wendeltreppe hinauf – und stellte sich mitten in Viktors Stübchen.

Sie sah sich um, und dann schlug sie zu. Auf die Kacheln. Von rechts, von links, von oben, von unten. Es splitterte und krachte, und im Nu bluteten kleine Wunden auf ihrem Unterarm.

Einer der Handwerker kam heraufgeklettert, um nachzusehen, was die Chefin da wohl trieb mit seinem Werkzeug.

„Um Himmels willen, was tun Sie denn da!“ In einem Schnellkurs brachte er ihr bei, wie man professionell Kacheln von Wänden holt, ohne die Kacheln, die Wände oder sich selbst allzu sehr zu beschädigen, und dann überließ er Beate ihrer Zerstörungslust.

Sie schlug auf Sibylle Höxter ein; auf Natalie und all ihre Komplizinnen; auf Viktor; und ein bisschen auch auf den blonden Finnen, der um ihr Anwesen herumschlich und zu feige war, sich hier blicken zu lassen.

Ein bisschen schlug sie auch auf Beate ein.