Viktor stieg aus dem Zug

Viktor stieg aus dem Zug, als kehrte er aus der Schlacht bei Königgrätz zurück. Er durchmaß den Bahnhof mit langen Schritten und passierte die große Schwingtür, die hinaus auf den Hardenbergplatz führte. Hier verhielt er einen Moment und verschränkte die Hände auf dem Rücken.

Was für ein Rummel. Berliner, die die Stadt verließen; Auswärtige, die hereinkamen; Taxifahrer, die um Kundschaft feilschten; hupende Parkplatzsucher; Familien, die den Zooeingang nicht finden konnten.

Wie schön war es doch bei ihm draußen am See. Diese Ruhe rund ums Schloss, die Einheimischen, denen jede Art von Krach Misstrauen einflößte.

Gut, abgesehen von den Handwerkern natürlich. Aber das würde ja irgendwann auch ein Ende haben. Und dann könnte er endlich in seinem kreisrunden Stübchen sitzen, meditieren, gesüßten Tee trinken und seine Studien für die Nachwelt festhalten.

Er wollte zum Taxistand hinüber, doch dort hinten stand jemand und winkte.

Bimböse.

Holte ihn hier vom Bahnhof ab. Dem Manne war auch nichts peinlich. Aber gut, warum nicht. Eine letzte Prüfung, bevor ich das alles hinter mir lasse.

„Bimböse! Das ist aber nett, dass Sie mich abholen. Woher wussten Sie denn, mit welchem Zug ich komme?“

Bimböse hielt ihm die Beifahrertür auf und stand da wie einer der Portiers vor dem Kempinski, die ihr Trinkgeld wie eine Beleidigung entgegennehmen.

„Ach, das war nicht schwer. So viele Züge kommen nicht herein aus Ihrer Einsamkeit da oben. Und ich weiß ja, wann Sie in etwa morgens das Haus verlassen. Im Büro sind Sie nie vor zehn Uhr eingetroffen. Also hab ich mich nach einer Verbindung umgesehen, die gegen neun aus Neustrelitz abgeht.“

Bötz hörte dem Sermon seines PR-Beraters zu und war ganz sicher, dass der Mann getrunken hatte. Wer käme denn wohl auf die Idee, so mit seinem Chef zu sprechen, selbst wenn dieser Chef ihm die Kündigung ausgesprochen hatte? Immerhin wollte Bimböse eine höhere Abfindung.

Er sagte jedoch nichts, denn Bimböse beim Fahren anzusprechen hieß, sein Leben aufs Spiel zu setzen.

Endlich erreichten sie das Bürohaus am Potsdamer Platz. Viktor wartete, bis Bimböse ihm die Tür öffnete, so blieb ihm etwas Zeit, seine zitternden Hände wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Oben erwartete sie Schimmel. Er kaute an einem Fischbrötchen und hatte einen Becher Kaffee aus seiner Thermoskanne vor sich stehen.

„Tag, Herr Bötz. Gut sehen Sie aus. Erholt. Macht noch Spaß da draußen, in der Pampa?“

„Tag, Schimmel. Ich sehe, Sie haben schon alles, was Sie brauchen. Feinschmecker sind Sie ja immer noch.“

Er setzte sich an seinen alten Schreibtisch und betrachtete die Hertha-Uhr über der Tür. Bimböse nahm auf dem zweiten Besucherstuhl Platz.

„Wo steckt eigentlich Helga?“

„Sie musste dringend weg. Ihr alter Herr. Herzinfarkt. Schlimme Sache. Kann die Kneipe nicht halten, es sei denn, Helga übernimmt sie.“

Viktor spürte einen Stich in Herznähe. Blöde Sache. Helga hatte seinerzeit ganz trocken gesagt, bei ihrem Vater fände sie immer ein Unterkommen; aber so hatte sie sich das sicher nicht vorgestellt. Mal sehen, was er für das Mädel tun konnte.

„Also, Schimmel, dann lassen Sie uns mal zur Sache kommen. Was haben Sie für mich, wo setzen wir an, und was hat Bimböse hier noch zu suchen?“

 

Zwei Stunden später war die Firma Geschichte. Bimböse hatte mit kalkweißem Gesicht das Büro verlassen, Schimmel war mit dem Namen des Käufers herausgerückt – eine hervorragende Wahl, wie Bötz zugeben musste – und der Kaufpreis entsprach vollkommen seinen Vorstellungen. Damit würden sie ohne jede Sorge in die Zukunft sehen können, er und Bea, egal, wie lange diese Zukunft dauern würde.

Schimmel hatte so etwas wie feuchte Augen bekommen beim Abschied und fest versprochen, einmal zu Besuch zu kommen, „da draußen, in der Pampa. Waren ja immer ein guter Klient, Bötz, alles was recht ist. Haben uns immer gut verstanden, nicht? Wünsche Ihnen viel Erfolg. Alles Gute.“ Es nahm gar kein Ende. Da wurde dieser ausgefuchste Anwalt auf seine alten Tage sentimental, wer hätte das gedacht.

Jetzt ging es auf in die nächste Runde. Die Grunewaldvilla in Zehlendorf. Zum Glück war Bea nicht mitgekommen. Sie hatte doch sehr an dem alten Steinhaufen gehangen.

Er rief die Makleragentur an und verabredete einen Termin für den nächsten Vormittag. So blieb ihm Zeit für einen anderen Besuch. Er ging zu Fuß und nahm Abschied von seinem geliebten Berlin.

Helgas alter Herr lag in der Charité. Unten an der Information erfuhr Viktor, dass er die Intensivstation noch nicht verlassen hatte.

Helga stand an der Glasscheibe und sah traurig aus. Sie wandte keinen Blick von ihrem Vater, der mit blassem, eingefallenem Gesicht da drin lag, als wäre er schon gestorben. Sie bemerkte Viktor erst, als er direkt neben ihr stand.

„Herr Bötz!“ Sie war so überrascht, dass ihr nicht einmal das altgewohnte „Chef!“ über die Lippen kam.

„Hallo, Helga. Ich hab’s vorhin von Schimmel erfahren. Es tut mir leid.“

Helga wandte sich wieder der Glasscheibe zu. „Ja, so ist das, Herr Bötz. Man lebt und schafft und scheffelt, und dann trifft’s einen aus heiterem Himmel. Papa hat immer gesund gelebt, obwohl er in seinem Gasthaus Hausmannskost angeboten hat, und die ist ja eher schlecht für die Arterien. Aber er selbst hat ja kaum was gegessen. Den ganzen Tag am Laufen, jeden Sonntag ins Schwimmbad. Zwanzig Bahnen, jede Woche. Und dann Herzinfarkt. Ich meine, wenn ein Schreibtischtäter, jemand wie Sie… Oh, verzeihen Sie, Herr Bötz, ich…“

Viktor schüttelte den Kopf. „Sie haben ja recht, Helga. Ich wäre viel eher prädestiniert für so einen Schlag. Aber das sollten wir jetzt nicht vertiefen.“

Er nahm sie beim Arm und zog sie zu einem kleinen Tisch, der in der Nähe stand. Sie setzten sich.

„Helga, ich möchte Ihnen etwas anbieten. Sie wissen doch, mein Schloss. Die Firma ist verkauft, morgen wird die Villa abgewickelt, und zum guten Schluss mache ich noch einen Besuch bei meinem Herrn Weber. Dann muss es gut sein, und dann kehre ich Berlin den Rücken.

Wenn es Ihrem Vater wieder besser geht, dann möchte ich, dass Sie uns mal besuchen. Es gibt diesen kleinen Ort, der zum Schloss gehört. Eine Kneipe gibt es auch schon, aber die will ich Ihnen oder Ihrem alten Herrn nicht zumuten. Kommen Sie, besuchen Sie uns, lassen Sie die Gegend und den See auf sich wirken, und dann überlegen wir, ob Sie bleiben wollen. Ihr Vater kann sich erholen, und Sie könnten – für mich arbeiten. Wie bisher. Oder für meine Frau. Die Bücher führen, meine Korrespondenz machen, solche Dinge.“

Er redete immer weiter, obwohl er die Ablehnung in ihren Augen längst gesehen hatte.

„Lassen Sie gut sein, Chef. Sie müssen nichts für uns tun. Wir kommen schon zurecht. Aber neugierig bin ich schon, auf Ihr Schloss. Einen Besuch werden wir bestimmt machen, wenn es Papa wieder besser geht. Alles weitere ist ja noch so weit weg.“

Viktor gab es schließlich auf, er wusste, dass sie recht hatte.

Als er die Charité wieder verließ, dachte er: „Bestimmt ist es besser so. Ich wollte ja alles hinter mir lassen. Nachher hab ich sie alle wieder am Hals: Helga, den alten Weber, und am Ende womöglich noch Bimböse. Und da sei Gott vor.“

Er wandte seine Schritte zum Hotel Adlon, wo er sich für die Nacht einquartieren wollte. Unter dem Arm trug er seine Hertha-Uhr, nunmehr das einzige Andenken an die Firma.