Günthers Schreibstube lag im rückwärtigen Teil

Günthers Schreibstube lag im rückwärtigen Teil des kleinen Hauses, das er und Viola bewohnten. Es war ursprünglich die Vorratskammer gewesen; entsprechend eng war alles geraten. Der Schreibtisch nahm die gesamte Fensterwand ein, und wenn Günther auf dem Schreibtischstuhl Platz nahm, stieß er mit der Rückenlehne an die andere Längswand.

An der Wandseite gegenüber der Tür waren Papiere, Unterlagen und Pamphlete aufgestapelt, die Günther für sein Vorhaben brauchte. Über seinem Stuhl hing ein kleines Regal mit Devotionalien, die er aus Berlin mitgebracht hatte, als sie noch in Reinickendorf gelebt und regelmäßig Flohmärkte abgeklappert hatten. Ein einziges Stück ragte aus der Sammlung hervor und erweckte des Eindruck von etwas wirklich Bedeutsamem: Eine Spieluhr, auf deren Deckel sich ein kleine Ballerina drehte. Viel wichtiger aber war für Günther ein kleiner Gegenstand auf der Fensterbank, den er immer wieder in die Hand nahm, betrachtete, drehte, ins Licht hielt und wieder ablegte: ein ringförmiger Stein, in Form und Größe einem Donut nicht unähnlich, wenn auch nicht ganz so regelmäßig gestaltet.

Der Stein war Günthers Leben. Er hatte ihn vor Jahrzehnten am Ostseestrand gefunden und eine heilige Welle durch seinen Körper strömen gefühlt. Der Stein der Weisen, der ihn zu seinem ewigen Thema führen sollte: die Ringparabel, die Vervollkommnung der Welt durch Aussöhnung der großen Religionen, Friede auf Erden und er, Günther aus Reinickendorf, der Verkünder.

Steine mit Loch gab es zahlreich am Ostseestrand, sogenannte Hühnergötter. Die Wissenschaft hat eine einfache Erklärung für deren Entstehung: unterschiedlich harte Materialien, so dass der Stein durch stetige Reibung mit Wasser innen ausgehöhlt wird. Aber dafür hatte Günther kein Interesse. Sein Stein war viel mehr als eine Laune der Natur.

Der erste Beweis dafür war die Tatsache, dass ihm, kaum hatte er den Stein gefunden, Viola über den Weg lief. Sie war damals schon groß und umfangreich gewesen, und er, das kleine, dünne Hemd, kaum sichtbar, hatte seinen ganzen Mut zusammengenommen und sie angesprochen, abends, in der kleinen Hotelbar am Timmendorfer Strand.

Viola hatte Geld, aber überhaupt keinen Geschmack. Als Erbin der Tütenberger Keksdynastie brauchte sie sich um ihr Auskommen nicht zu sorgen, und es war ein Leichtes für sie, Günther unter ihre Fittiche zu nehmen, so dass er an seinem großen Traum der Donut-Parabel arbeiten konnte. Viola brauchte nicht viel zum Glück; wenn sie an ihrem Einkochtopf stand oder Kuchenteig kneten konnte, war die Welt für sie in Ordnung. Sie buk und kochte so viel ein, dass die Vorratskammer zu klein wurde. Deshalb wurde sie auch ausgeräumt, die Vorräte kamen ins Gewächshaus ganz hinten im Garten, und Günther bezog die Vorratskammer.

Dass Viola trotz ihrer Leibesfülle so knöchern und hölzern wirkte, hatte mit ihrem grenzenlosen Geiz anderen gegenüber zu tun. Sie kochte ein und buk für sich und Günther; der Dorfgemeinschaft davon abzugeben, kam ihr nicht in den Sinn. So kam es, dass Treudorf die beiden Einsiedler hinnahm als das, was sie zur Schau trugen: ein seltsames Paar.

Günther hatte sich eben wieder an seinen Schreibtisch gesetzt, nachdem er Violas Butterzopf probiert und gelobt hatte, als die Türklingel ging. Günther stand wieder auf und ging zur Tür. Malte stand davor.

„Malte! Komm herein, wie schön, dich zu sehen!“ Malte kam jeden Tag vorbei, aber Günther schien jedes Mal ernstlich überrascht. Malte war überhaupt der einzige, der die beiden besuchte, ohne genau zu wissen, was ihn eigentlich dorthin zog, ins letzte Haus im Dorf, bevor die endlosen Felder der Bauern anfingen.

Meist setzten sich die beiden Männer, der alte und der junge, auf die Bank hinter dem Haus, und guckten einfach so in den Garten. Nach einer knappen Stunde verabschiedete sich Malte wieder und ging. So taten sie auch heute, doch anders als sonst, verlief ihr Treffen nicht in tiefem Schweigen.

„Kommst du weiter mit deiner Parabel?“ fragte Malte. Günther sah ihn erstaunt an. Über das Thema hatten sie noch nie gesprochen, und als er Malte jetzt ins Gesicht blickte, fiel ihm auf, dass der Junge ganz durcheinander war.

Günther wandte den Kopf wieder dem Garten zu. „Nein.“ Er unterdrückte ein Seufzen. Wieviele Jahre grübelte er jetzt über seiner großen Analyse, und wie wenig war dabei herausgekommen.

„Es ist ganz einfach“, sagte Malte und beobachtete Viola, die mit einem Tablett voll Marmeladengläsern durch den Garten ging, auf dem Weg zu ihrer Gewächshausvorratskammer. „Die Frauen. Es fehlen einfach die Frauen. Sie könnten ganz ohne Religion leben, egal welche. Sie verschwinden sowieso in jeder Religion.“

Günther versuchte, das zu verarbeiten. „Aber es sind doch überall genug Frauen da. Maria, Fatima, Eva, Sara…“

Malte zuckte die Achseln. „Aber sie brauchen keine Religion. Sie sind da, sie gebären, sie fegen und kehren, sie kochen ein, sie suchen nicht nach einer Erklärung.“

Günther nickte, lange und ausdauernd. Viola kam mit leerem Tablett aus dem Gewächshaus zurück und blieb neben den Stachelbeersträuchern stehen, um zu sehen, ob sie demnächst reif genug sein würden, um gepflückt und eingekocht zu werden.

„Vielleicht hast du recht. Vielleicht hast du wirklich recht.“ Er überlegte, was das nun zu bedeuten hatte. Sollte er sein Projekt einfach aufgeben? Nach so vielen Jahren? Oder sollte er über die Frauen in Abrahams und Noahs und Mohammeds Leben schreiben? Was für eine schwierige Frage.

Malte ergriff wieder das Wort. „Günther, was ist mit meinem Strom passiert?“ fragte er. „Ich bin so durcheinander, ich kann mir nicht vorstellen, dass das ein Marder veranstaltet hat. Dafür ist die durchtrennte Stelle viel zu glatt. Wer sabotiert uns? Und warum?“

Günther wurde noch kleiner auf seiner Bank und ein bisschen bleich. Er hatte einen schlimmen Verdacht bezüglich des Stroms, aber selbstverständlich galt seine Loyalität der Frau in seinem Leben, und so schwieg er. Malte, der schwermütig zu Boden starrte, merkte nichts von der Veränderung in Günthers Gesicht.

Bald darauf standen sie beide auf, wie immer, als wäre die Stunde beim Therapeuten um, und verabschiedeten sich voneinander.