Viktor und Beate saßen im Garten

Viktor und Beate saßen im Garten, als Viktors Handy klingelte.

„Ja, Bötz!“ Er lauschte. „Ach, Sie sind es, Bimböse. Was gibt’s denn?“

Er lauschte wieder und verdrehte die Augen. Gelangweilt hob er die Brauen und senkte die Lider; er bewegte den Kopf im Takt zu Bimböses Sermon; er hob die andere Hand und bewegte Daumen und Finger gegeneinander wie eine Kastagnette. „blablabla“ hieß das, und Beate hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut herauszulachen.

„Ja Bimböse. Ist gut, Bimböse. Ja, übermorgen. Ich sehe Sie dann bei Schimmel.“

Er drückte den Ausknopf und sah Beate von unten her an, wie ein Wolf, der gleich seine Beute anspringen würde.

„Dieser Ausbund an Unfähigkeit. Jetzt will er mir das Leben schwer machen, akzeptiert die Abfindung nicht, die ich ihm bezahlen wollte und die ihm gar nicht zusteht. Die Firma wird verkauft, da gibt’s keine betriebsbedingte Kündigung und nix. Da werden die Verträge beendet. Die Abfindung ist purer Goodwill meinerseits. Und er stänkert. Die Mimose, die elende.“

„Und jetzt willst du hinfahren?“

„Ich muss, Liebling. Ich muss. Schimmel will mich ohnehin sprechen, Notartermine und solche Dinge. Aber du kannst mich ja ein paar Tage entbehren, oder nicht? Ich gehe dann auch noch bei dem Makler vorbei, der die Villa verkauft.“

Beate hatte damit kein Problem, im Gegenteil.

Endlich ein paar Tage allein. Sie würde den Laden auf Vordermann bringen. Jensen sollte schließlich nicht nur herumlungern, sondern das Gut verwalten. Paschke saß den lieben langen Tag an der Mole und bis spät in die Nacht bei Jensen. Da wurde gespielt und getrunken, und am nächsten Tag konnte er kaum aus den Augen gucken.

Und schließlich hatte sie den Verdacht, dass Patricia sich an der Bar im Grünen Salon gütlich tat. Die Vorräte gingen zur Neige, und sie konnte sich nicht denken, wer sonst in den Grünen Salon schleichen mochte und die Spirituosen leerte.

„Ach, aber da ist eine Sache, Bea. Frau Höxter wollte Ende der Woche vorbeikommen, wegen eines neuen Projektes. Vielleicht kannst du das übernehmen.“

Beate zerbrach sich den Kopf darüber, wer Frau Höxter sein mochte.

„Ich dachte mir nämlich“, fuhr Viktor fort, „dass wir daran gehen sollten und den Westturm renovieren. Und ich denke, Sibylle hat da eine Menge guter Ideen.“

Ach, die Architektin. Natürlich. Beim Gartenfest hat er sie mir vorgestellt. Na, die kommt mir gerade recht.

„Ich möchte nämlich mein eigenes Zimmer.“ Viktor spann seine Idee vor ihr aus, aber sie hörte gar nicht hin.

Sibylle. So so. Die soll mich kennenlernen, deine Sibylle.

„Ach, tatsächlich? Wie interessant.“

Sie wurde erlöst von Patricia. Die Köchin brachte eine Platte mit frischem Streuselkuchen und ein Tablett mit Kaffee.

„Danke, Patricia. Stellen Sie es einfach ab.“

Beate gewöhnte sich mehr und mehr an ihr Leben als Schlossherrin. Fantastisch, so bedient zu werden. In Zehlendorf hatte sie ja außer der Putzhilfe niemanden gehabt. Ab und zu, wenn sie eine Einladung gegeben hatten, wurde ein Koch oder ein Partyservice engagiert. Aber das hier, das war das Richtige. Im Garten sitzen und sich mit Streuselkuchen verwöhnen lassen.

Im nächsten Moment wurden sie wieder gestört. Jensen kam ums Haus herumgelatscht, in der Hand eine Harke.

„Chef, muss Sie mal was fragen.“

„Was gibt’s denn, Jensen?“

Jensen überlegte. „Hab’s vergessen, Chef. Schuldijung. Komme später wieder.“ Er schlurfte wieder von dannen.

Beate sah ihm nach. „Was war das denn jetzt?“

Viktor zuckte die Achseln.

„Also, hast du das verstanden, Bea? Mein Zimmer soll ganz oben in den Turm. Unters Dach. Keine Möbel, keine Tapeten. Dielenboden, und hellen Verputz an die Wände. Den Dachstuhl offen. Helles Holz für die Dachsparren.“

Beate nickte, ja, sie hatte alles verstanden. Hielt er sie denn für blöde? Es wurde Zeit, dass sie ein paar Erfolge vorwies.

Viktor reiste am nächsten Morgen ab und Beate war allein zuhaus.

Am Dienstag stand sie zeitig auf, inspizierte Haus und Hof und Garten, ging ins Dorf und betrachtete jedes Haus, blickte in jede Seitenstraße, lief einmal außen herum und war um halb elf wieder zuhause.

Sie legte sich hin und verschlief den Nachmittag.

Abends nahm sie ein heißes Bad in Rosmarinöl, manikürte sich die Nägel und rasierte sich die Beine.

Am Mittwoch schlief sie bis in den hellen Nachmittag, ließ sich eine heiße Suppe ans Bett bringen, plauderte ein wenig mit Patricia Kowalski und entschloss sich dann, aufzustehen.

Sie streifte eine alte Hose über, ein Hemd von Viktor und zog die neuen Gummistiefel an. Damit begab sie sich in den Garten und wies Peter Kowalski an, die Rhododendronbüsche abzuholzen.

„Wir machen da was ganz anderes hin. Graben Sie alles um, Herr Kowalski. Legen Sie Beete an. Kräuter und Tomaten und Gurken und lauter Nutzgemüse. Zucchini vielleicht.“

Danach ging sie zum Torhaus und leistete Jensen und Paschke bei einer Partie Backgammon Gesellschaft.

Sie ging zu Patricia in die Küche und besprach mit ihr den Speisezettel für den nächsten Abend.

„Gnädigste, ich kann alles, was Sie wollen und was Ihnen schmeckt. Filet Wellington oder eine Gemüsesuppe. Was Sie wollen.“

Beate gab ihr und ihrem Peter für den Abend frei. Sie selber begab sich in den Grünen Salon und überlegte bei einem Glas Calvados, was sie mit diesem langen Abend anfangen könnte.

Nach dem dritten Glas war die Flasche leer und sie hatte sich noch nicht recht entscheiden können.

Sie griff nach der grünen Flasche, die Paschke ihnen zum Vorstellungsgespräch mitgebracht hatte.

Gar nicht so übel, das Zeug.

Beate, Gräfin zu Anderdorf, ich trinke auf dein Wohl. Noch nie in deinem Leben warst du so glücklich, und noch nie hast du dich so gelangweilt.

Sie schlief im Sessel ein und wurde später von Patricia zu Bett gebracht.

Am Donnerstag stand sie mit grauenvollen Kopfschmerzen auf und beschloss, ein anderer Mensch zu werden.

Sie zog Sportschuhe an und lief in den Wald, der sich im Süden ans Dorf anschloss. Um den See zu laufen traute sie sich nicht so recht, sie wusste, dass auf der Nordseite ebenfalls ein Dorf lag, und sie wollte nicht unbedingt fremden Menschen begegnen, die sie wiederum auf der Stelle dem Schloss zuordnen würden.

Beim Laufen hatte sie viel Zeit zum Nachdenken, vor allem, weil sie immer wieder stehen blieb oder sich auf einem umgestürzten Baumstamm eine kleine Verschnaufpause gönnte.

Sie fragte sich, was sie hier verloren hatte.

Sie fragte sich, wer der Blonde war, den sie seit dem ersten Abend in der Dorfkneipe nicht wiedergesehen hatte und der auch nicht zur Gartenparty gekommen war. Und sie gestand sich ein, dass er der Grund war, warum sie nicht um den See joggen mochte.

Sie fragte sich, wie lange sie diesen Zinnober hier noch mitmachen sollte und wann Viktor sie nach Zehlendorf zurückholen würde.

Beate, du bist eine dumme Gans. Jetzt läufst du auf der Stelle weiter und holst dir deine Traumfigur zurück. Eine Frau kann auch mit vierzig noch aussehen wie zwanzig, wenn sie es richtig anstellt. Du hast die Chance deines Lebens. Natur, wo du hinschaust. Und in spätestens drei Wochen joggst du um den See.

An diesem Abend ging sie gut gelaunt zu Bett und war am Freitag auf alles vorbereitet, was ihr in Form von Sibylle Höxter so passieren könnte.