Die Stimmung war schlecht

Die Stimmung war schlecht. Alle schlichen herum und versuchten vor allem Malte nicht zu reizen. Der hatte sich zuerst geweigert, auch nur einen Fuß in den Gutshof zu setzen, solange nicht sichergestellt war, dass seine Arbeit künftig nicht mehr sabotiert würde.

„Wenn du mich fragst“, sagte Jukki zu Paula, „dann soll er es lassen. Wir brauchen keine Heulsusen, die bei den ersten Schwierigkeiten die Flinte in den Brunnen werfen.“

Paula erwiderte nichts darauf, aber bei sich dachte sie: ‚Wir brauchen auch keine, die große Töne spucken und selber gar nichts tun.’

Sie packte ihre Tassen und Teller und Töpfe in einen Wäschekorb, dazu Handtücher und Bettwäsche. Ihren Kleiderschrank hatte sie bereits leergeräumt, alles hatte in einem mittelgroßen Koffer Platz gefunden.

„Du wirst dir den Tod holen“, sagte Jukki. „Du kannst nicht auf dem Fußboden schlafen. Es ist viel zu kalt, selbst im Hochsommer.“

Paula sah ihn an und verzog keine Miene. „Du könntest mir ja helfen, das Bett abzubauen, hinüberzuschaffen und wieder zusammenzubauen.“

Sie wandte sich ab und fuhr fort, ihre Sachen zu verstauen. „Ich kann aber genauso Malte fragen. Vielleicht heult er gerade nicht und hat etwas Zeit für mich.“

„Paula, was ist los mit dir? Strengt dich das Projekt zu sehr an? Ich hatte geglaubt, du wärst stark genug. Aber du nimmst alles zu ernst.“

Paula ließ fallen, was sie gerade in der Hand hatte. Zum Glück war es nur ein Kissen, das ihr auf den Fuß fiel.

„Jukki, ich werde nicht mit dir streiten. Ich werde dir nicht sagen, dass du es bist, der nicht stark genug ist. Der immer nur Weisheiten absondert und keinen Handstreich selber tut. Der außer Charisma und guter Ratschläge keinen weiteren Beitrag leistet. Ich werde jetzt hinüber ins Gutshaus ziehen, damit ich vor Ort bin und notfalls den Marder mit bloßer Faust erschlagen kann, falls er sich wieder an Maltes Stromleitungen wagt. Du kannst mitkommen, oder du kannst auf den Garten aufpassen, wie du möchtest.“

Sie verließ das Haus und trug den Wäschekorb vor sich her. Von hinten sah sie aus wie ein Waschweib, fand Jukki.

Was die Frauen immer hatten. Suchten sich selbst, ihr Glück, ihre Bestimmung, und wenn man ihnen dabei helfen wollte, wurden sie zickig.

Draußen ging Anna vorbei, mit ihrem Handwagen und dem Cellokasten. Die prüde Anna. Neulich war sie noch nicht bereit gewesen. Vielleicht würde sich das ändern, wenn sich herumsprach, dass er jetzt alleine in Paulas Haus lebte. Denn das konnte sie sich abschminken, die liebe Paula: Er würde nicht wie ein kleiner Hund hinter ihr herlaufen.

Jedenfalls jetzt noch nicht.

Jetzt hatte er anderes zu tun. Er ging hinunter zum See und stieg in sein Boot, um nachzusehen, ob die drüben nicht allmählich anfangen wollten, ihr Dach neu zu decken.

Paula erreichte den Gutshof und stellte ihren Wäschekorb ab. Da lief Peggy. Sie trug ihr dunkelblaues Kleid. ‚Schon wieder Montag’, dachte Paula. Peggy war zuverlässig wie ein Kalender.

„Peggy, Schatz, hilf mir mal.“ Peggy kam näher und packte mit an.

„Paula, du willst hier einziehen? Und wo ist Jukki?“

„Weiß nicht. Meditiert. Oder badet im See. Komm, wir tragen ihn in das hintere Zimmer, mit Blick auf den See. Ich glaube, da bin ich am besten aufgehoben.“

„Ja, zieht denn Jukki nicht mit dir hier ein?“

Paula blickte sie streng an. „Du tust ja grade so, als wären wir verheiratet! Jetzt im Moment bin ich hier. Jukki wird schon noch kommen.“

Und wenn nicht, dann nicht, dachte sie bei sich.

Malte kam herein.

„Paula! Du ziehst hier ein? Und Jukki, kommt der auch?“

Paula seufzte. „Jukki rasiert sich gerade. Dann zieht er ein frisches Hemd an, nimmt den Mercedes und holt mich später ab für die Oper.“

Malte und Peggy sahen sich an. Paula verließ das Zimmer und ging zurück zum Haus, ihren Koffer holen.

„Paula! Warte. Das war blöd. Wir sind es so gewohnt, dass ihr beide keinen Schritt getrennt unternehmt. Komm, lass dir helfen. Was brauchst du noch?“

Malte war einfach unbezahlbar. Sie sah ihm zu, wie er in Minutenschnelle das Bett auseinanderschraubte und die Einzelteile sorgfältig stapelte, so dass man sie später mit einem Handwagen abholen und in derselben Reihenfolge wieder zusammenbauen konnte.

Schade, dass er schwul war.

„Danke, Malte.“

Als sie zusammen wieder in Richtung Guthaus marschierten, bog ein Wagen von der Straße ein auf ihren Feldweg. Sie blieben stehen und warteten, bis er bei ihnen angekommen war.

Ein Kombi. Genau so etwas könnten wir hier gut gebrauchen, dachte Paula.

Ein Mann stieg aus, eine Frau und noch zwei Männer.

„Hallo! Sind Sie Paula?“

„Ich bin Paula. Wer will das wissen?“ Sie streckte dem Fahrer die Hand hin.

„Max. Max will das wissen. Also ich. Das ist Elli, meine Lebensgefährtin. Das ist ihr Bruder Piet, und das ist Gustav. Wir haben von Ihrem Projekt gehört. Und wir würden gerne helfen. Wenn wir dafür mit einziehen dürfen.“

Paula und Malte begrüßten die Neulinge, einen nach dem anderen, das dauerte. Dann kam Peggy dazu, Jochen, Bauer Schmahl, ein paar von den anderen. Jeder stellte sich vor, alle schüttelten den Neuen die Hand.

Endlich kam Paula wieder zu Wort: „Was können Sie denn?“

Max hob die Hand und fing an, abzuzählen: „Ich kann kochen. Piet ist Maurer, Elli Sängerin, und Gustav hat mal Schreiner gelernt. Ich weiß aber nicht, ob Sie so was hier brauchen können.“

„Also, erstens mal können wir im Moment noch jeden gebrauchen. Vor allem jeden, der wirklich mit anpackt“, das sagte sie so vor sich hin, weil sie in diesem Moment sah, wie Jukki über den See zurückgerudert kam. Hatte wohl wieder mal beim Schloss herumgelungert.

„Sagen Sie, können Sie ein Dach decken?“, diese Frage richtete sie an den Maurer.

Piet zuckte die Achseln. „Versuchen kann ich’s ja mal.“

„Diese Antwort war richtig, vielen Dank, Piet! Euch können wir hier gebrauchen! Euch, und nicht zuletzt euren Kombi.“

Alle lachten und zogen gemeinsam hinüber zum Gutshof. Die Neuankömmlinge wurden zunächst auf verschiedene Hütten verteilt, und auf der Abendversammlung wurde beschlossen, dass am nächsten Tag der große Einzug ins Gutshaus beginnen sollte, jetzt, nachdem Paula den Anfang gemacht hatte.

Erst spät am Abend, als Paula in ihrem Bett lag, das Max und Gustav aufgestellt hatten, fiel ihr ein, dass die Neuen nach ihr, Paula gefragt hatten.

Niemand hatte nach Jukki gefragt.

Ein Geräusch ließ sie hochfahren und nach der Schaufel greifen, die sie neben ihr Bett gelegt hatte, um gegen Marder und andere Untiere gewappnet zu sein.

Dann ging ein Licht an.

„Paula?“

Sie ließ sich zurücksinken. „Jukki! Hast du mich erschreckt. Kommst du also doch?“

„Ich habe nie gesagt, dass ich nicht komme. Außerdem hast du ja unser Bett mitgenommen.“ Er schlüpfte unter die Decke und rieb seine warmen Hände an ihr.

Paula lachte und beschloss, nicht länger mit ihm zu grollen. Es war ja ohnehin sinnlos.