Einer nach dem anderen kamen sie

Einer nach dem anderen kamen sie zum Schloss. Mehr oder minder hohen Hauptes; mit Blumen, mit einem Präsentkorb, mit einer Flasche Kümmel.

Wer wollte wissen, ob sie von Jukki oder von Papa Jensen geschickt worden waren.

Sie kamen einzeln und paarweise, zu dritt und wieder einzeln.

Viktor und Beate kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ihre misslungene Einstandsparty hatten sie aus dem Gedächtnis verdrängt und sich darauf eingestellt, Personal aus Berlin oder sonst woher rekrutieren zu müssen. Dieser Plan erübrigte sich jetzt.

Jensen bekam den besten Job von allen: den Verwalterposten. Das Torhaus wurde ihm zugeteilt, und er richtete als erstes das Herrenzimmer ein. Dort hängte er seine Jagdtrophäen auf und installierte den Spieltisch, an dem er und Helmut Paschke jeden Abend ihre Partien spielen würden, so, wie sie es seit jeher in Paschkes Hütte oder im Seeblick getan hatten.

Wo Jensen vorher gehaust hatte, das wussten weder Viktor noch Beate, und sie wollten es auch lieber nicht wissen. Den Job vergaben sie aus Verlegenheit, denn dunkel erinnerten sich beide an Jensens Geduld an jenem unglückseligen Abend.

Heute, bei seinem Antrittsbesuch, war ihnen weniger seine Geduld als sein stechender Geruch aufgefallen. Deshalb vergaben sie flugs den Verwalterposten und schickten ihn umgehend wieder fort.

Beate floh anschließend auf den Balkon und nahm ein paar Atemzüge frische Luft.

„Wer kommt als nächstes?“, fragte sie bei ihrer Rückkehr.

„Weiß nicht. Muss er uns selbst sagen. Einen Butler, der die Leute ankündigt, haben wir ja noch nicht.“

Der nächste stellte sich durchaus artig vor: „Mein Name ist Paschke, Helmut Paschke, wenn Sie gütigst erlauben wollen.“ Viktor fragte sich, wo der Mann sich diese Ausdrucksweise angelesen hatte.

„Herr Paschke, herzlichen Dank für Ihren Besuch. Ach, das ist aber nett von Ihnen. Was ist denn das?“ Er hielt die etikettlose grüne Flasche gegen das Sonnenlicht.

„Mais, wenn Durchlaucht belieben. Maisbranntwein. Selbstgemacht. Ganz hervorragend, Euer Ehren. Wenn Euer Durchlaucht gestatten, werde ich Ihnen – Euer – äh“

„Schon gut, Paschke, schon gut.“ Viktor konnte kaum an sich halten. „Was können Sie denn, Paschke?“

„Oh, ich kann alles, wenn beliebt. Ich kann Wagen waschen, Rasen mähen, Kühe melken. Was immer Sie anzubieten haben, Euer Durchlaucht.“

„Nun lassen Sie die Durchlaucht mal weg, Paschke. Wir leben ja nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert.“

„Nicht mal im zwanzigsten, um genau zu sein, haha!“ Das war Beate, die nun auch mal was sagen wollte.

„Genau, Liebes. Nicht einmal das. Wie die Zeit vergeht! Nun, Paschke, wie wäre es mit dem Hafen?“

„Der Hafen? Meinen Sie die Anlegestelle?“

„Genau. Vielleicht könnten Sie dort nach dem Rechten sehen? Wir werden dort alles neu anlegen, ein paar Boote kaufen, eine kleine Jacht vielleicht. Mehr so für Touristen, wissen Sie. Vielleicht kommen ja ab und zu welche in die Gegend.“

„Ach so, ja. Na ja, warum nicht? Der Hafen. Klingt fabelhaft, Euer – Herr Bötz. Vielen Dank auch!“

Viktor wischte sich über die Stirn, als Paschke den Raum verlassen hatte.

„Schatz, wenn das so weiter geht, brauche ich erst mal einen großen Schluck von Paschkes Maisbranntwein.“

„Liebling, du nimmst mir das Wort aus dem Mund.“

Sie setzten sich in die Fauteuils rechts und links des Kamins und öffneten die grüne Flasche. Beate schnupperte daran und fing an zu husten.

„Viktor, weißt du was? Ich hole uns lieber eine Flasche Cognac aus dem Grünen Salon.“

Der Grüne Salon war das Zimmer nebenan; er hieß so, weil Beate beim Einzug alle Topfpflanzen hatte hineinstellen lassen, um später zu überlegen, welche sie wohin platzieren könnte. Der Grüne Salon war überhaupt momentan das Kramzimmer: alles, was noch keinen endgültigen Platz gefunden hatte, war hier versammelt. Denn der Grüne Salon war nichts anderes als der Raum, der am nächsten zur Treppe lag.

Die Besucher empfingen sie hingegen im sogenannten Balkonzimmer; der Name bedurfte keiner weiteren Erklärung. Hier gab es einen Kamin und die beiden Sessel, die in Zehlendorf in Viktors Arbeitszimmer gestanden hatten. Sie waren mit schwarzem Leder bezogen und passten überhaupt nicht ins Kaminzimmer, aber etwas anderes gab es eben gerade nicht.

Beate kehrte mit einer Flasche Calvados und zwei passenden Gläsern zurück.

„Ich hoffe, als nächstes kommt eine Dame. Ich brauche dringend jemanden, der mir hilft, ein wenig Ordnung zu machen.“

Eine Dame kam nicht. Es kam ein Ehepaar. Klein und rund und glänzend aufgelegt.

Pat und Patachon, dachte Viktor, als sie das Zimmer betraten, und musste schon wieder alles geben, um nicht loszuprusten, als die beiden ihre Namen nannten: Patricia und Peter Kowalski.

Er verließ den Raum und überließ Beate die Verhandlungen. Draußen lief ihm Jensen über den Weg, der seine Rolle als Verwalter auszuprobieren schien und gewissenhaft in jedes Zimmer blickte.

„Jensen, kommen Sie her. Hier, nehmen Sie das. Und das. Das auch.“ Er drückte ihm Paschkes grüne Flasche, den Präsentkorb von Kowalskis und einen Kalender mit Motiven der Schwäbischen Alb in die Hand, der irgendwie in seinen Besitz gelangt war.

„Nehmen Sie alles mit und richten Sie sich gemütlich im Torhaus ein. Heute brauchen wir Sie noch nicht.“

Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass mir jetzt ständig Leute über den Weg laufen werden. So einfach ist das gar nicht, ein Schloss zu eröffnen.

Er ging hinunter in den Garten und spazierte zum Hafen. Dort traf er auf Paschke, der ebenso gewissenhaft wie Jensen seinen neuen Arbeitsplatz inspizierte. Um nicht wieder als Exzellenz oder Durchlaucht angeredet zu werden, versteckte er sich flink hinter einem Baum und machte kehrt, als Paschke gerade nicht herschaute.

Jetzt verstecke ich mich schon auf meinem eigenen Grund und Boden. Ich hoffe, ich verspiele hier nicht gerade meine Autorität, kaum dass wir angekommen sind.

Andererseits, wenn man es genauer betrachtet, habe ich sie ja schon am ersten Abend verspielt, als wir zugelassen haben, dass das halbe Dorf betrunken auf unserem Rasen gelegen hat. Zum Glück scheinen die sich nicht mehr so genau daran zu erinnern.

Oder sie brauchen tatsächlich so dringend eine Beschäftigung, dass es ihnen egal ist.

Vielleicht sind sie aber wirklich alle ein bisschen beschränkt.

Oder aber – wer weiß – vielleicht führen sie auch was im Schilde. Haben sich gegen uns verschworen. Wollen den Laden unterminieren. Auskundschaften und dann – zack! – wenn Beate schläft, und ich bin nicht da –

„Beate, Liebes! Wie lief es mit Pat und Patachon?“

„Pat und Patachon? Du meinst Patricia und Peter! Zauberhaft sind sie, Schatz, ganz entzückend. Sie kann kochen und er kann gärtnern. Ich glaube, mein Bester, wir sind jetzt rundum versorgt. Wenn wir alles besser überblicken, könnten wir ja Pachtverträge abschließen, was meinst du? Man müsste herausfinden, welche Rechte die Bauern an den von ihnen bewirtschafteten Feldern haben.“

Mit diesen Worten drehte sie sich um und kehrte ins Haus zurück. Viktor starrte ihr nach.

Was ist denn das? Beate wird erwachsen?

Na klasse. Wir haben einen Verwalter, einen Hafenmeister, ein patentes Ehepaar und Beate. Wozu braucht man mich denn noch?

Ein Buch. Ich schreibe ein Buch. Dann störe ich auch niemanden.