Anna war zeitig aufgestanden

Anna war zeitig aufgestanden, noch zeitiger als sonst. Seit es im Dorf an allen Ecken und Enden hämmerte und sägte, lachte und sang, hielt es sie nicht mehr im Haus.

Sie packte ihr Cello auf einen Handkarren und zog hinaus an den See.

Treudorf lag am nördlichen Ende des Sees und seine Felder erstreckten sich bis zur Hälfte westlich und östlich hinunter. Das Gutshaus stand auf einer Art Landzunge und ragte von allen Häusern am weitesten in den See hinein.

Das Haus von Anna und ihrem Vater lag in nordwestlicher Richtung weit weg vom Ufer, fast schon an der Kreisstraße, die an Treudorf vorbeilief.

Der Weg, auf dem Anna mit ihrem Handwagen und dem Cello entlang zuckelte, führte nicht ins Dorf, nicht zu den anderen, die hämmerten und lachten.

Er führte quer durch die Felder von Bauer Schmal, Bauer Peters und Bauer Sönkes. Die Namen, die Jukki sich nicht merken konnte, wie er immer wieder gern betonte.

Anna kannte die Bauern. Und sie kannte die Frauen und Kinder und Tiere auf den Höfen. Sie war mit all dem hier aufgewachsen. Anna hatte nichts gegen Veränderungen. Sie war nur misstrauisch gegenüber Fremden, die alles auf den Kopf stellten und wieder abzogen, wenn die Dinge sich nicht nach ihren Vorstellungen entwickelten.

„Guten Morgen, Bauer Sönkes!“ Sie winkte dem rotgesichtigen Mann zu, der auf seinem Traktor über die Felder zog, mit dem beschäftigt, was er seit Jahr und Tag erledigte: Pflügen, säen und ernten.

„Hallo Anna! Wieder auf dem Weg zum See? Hast mehr Ruhe dort, nicht? All der Lärm im Dorf.“

Anna nickte und zog weiter, hinunter zu der Stelle, an der Jukki sein Boot anzubinden pflegte.

Hier hatte man den schönsten Blick hinüber zum Schloss von Anderdorf, auf der südlichen Seeseite. Anna saß fast jeden Tag hier und übte. Sie hatte Musik im Blut, das wusste jeder, das konnte man sehen, wenn man sie anschaute. Ihre Hände schienen beständig zu zittern, nicht so wie die von Paula, die mit kräftigen Schwüngen die Luft teilten, wenn sie etwas erzählte, sondern wie Noten, die in der Atmosphäre nachhallten, nachdem sie entstanden waren.

Aber Anna glaubte nicht an sich. Sie hatte in Schwerin Musik studiert und im Orchester gespielt, aber die Stadt war ihr auf die Seele geschlagen.

Vor einigen Jahren war sie zurückgekommen und lebte bei ihrem Vater, in der Hoffnung, hier, an der Stätte ihrer Kindheit die echte Musik zu finden. Die Musik ihres Herzens.

Sie setzte sich auf ihren Hocker und stemmte das Cello zwischen die Beine. Ein Blick noch hinüber zum Schloss, das von Osten her von der Morgensonne angestrahlt wurde, und sie spielte.

Das Land verfiel in Schweigen. Selbst die Lerchen, die aufstiegen, um die Sonne zu begrüßen, verstummten und schienen auf Annas Lied zu lauschen.

Das Glitzern der Sonnenstrahlen auf dem See, das Schilf, das sich kaum rührte unter dem Hauch, der über den See blies, es war, als wäre die Zeit stehen geblieben. Anna spielte, als ginge es um alles. Sie war ganz nah dran. Sie spielte aus ihrem Herzen, es war kein Stück, das sie jemals gelernt hatte. Mit Haydn hatte sie angefangen, aber dann machten die Noten sich selbständig, wurden zu Tautropfen und zu feinem Goldstaub, der durch die Morgenkühle zog.

Mit einer Dissonanz, die Zahnschmerzen erzeugte, stellte sie ihr Spiel ein.

Es funktionierte nicht. Sie war auf dem richtigen Weg, und sie war fast angekommen, aber das Dorf, der Gutshof, und dieser Jukki – alles das versperrte den Weg in ihre Seele, in ihr Innerstes.

Müde blickte sie über den See. Die Sonne hatte sich hinter ein paar Nebelfetzen versteckt und das Glitzern war verschwunden. Auch jetzt herrschte eine unwirkliche Stille, aber es war eine bedrohliche Stille. Eine, die auf etwas zu lauern schien.

Ein Geräusch ließ sie zusammenschrecken.

Jukki tauchte aus dem Schilf auf. Er war nass, und er war nackt.

„Hallo, Anna! Guten Morgen. Ich wusste nicht, dass du hier sitzt und spielst. Aber warum hast du aufgehört?“

Er setzte sich direkt neben sie, und er machte keine Anstalten, sich zu bedecken. Sie sah zur Seite.

„Habe ich dich erschreckt? Das wollte ich nicht. Ich habe gebadet. Ich bade jeden Morgen. Wenn ich einen See sehe, muss ich hineinspringen. Ich bin ein Finne, weißt du.“

Ja, verdammt, du bist ein Finne, meine Güte, was denkst du, wie blöde ich bin? Hier ist Anna, die Dumme, die immer noch nicht kapiert hat, dass Jukki ein Finne ist und dass er unser Dorf kaputtmacht!

„Ich muss jetzt gehen. Ich muss für Pa und mich das Frühstück machen. Bitte lass dich nicht stören!“ Sie stand auf und packte ihr Cello wieder ein.

„O, bitte, geh nicht weg! Oder lass mich dir helfen. Das Instrument ist so groß, und du bist so eine zierliche Frau!“

Das weiß ich auch, du großer, aufdringlicher Mann. Ich will mit dir nichts zu tun haben, merkst du das denn nicht!

„Bitte, Jukki, lass doch. Ich komme schon zurecht. Ich mache das jeden Tag.“

Sie griff nach der Deichsel und zog davon. Bauer Sönkes stieg gerade von seinem Traktor, er hatte gesehen, dass etwas vorging da unten am See.

„Anna, brauchst du Hilfe?“

„Nein, schon gut, Bauer Sönkes! Lass gut sein, ich schaff das schon. Lasst mal alle gut sein. Ich bin doch kein Kind mehr. Es ist gar nichts dabei, wenn ein dummer Finne sich splitternackt neben mich setzt. Schließlich bin ich nicht prüde. Ich bin ein großes Mädchen. Und ich will meine Ruhe haben. Herrgott, lasst mich doch einfach in Ruhe!“

Sie sagte all das nicht laut, sie murmelte nur vor sich hin, während sie den Handwagen hinter sich herzog und den Blick auf den Boden gerichtet hielt.

Vielleicht hatte er genug von Paula. Vielleicht suchte er eine andere Frau, die für ihn sorgen sollte.

Aber ich werde das nicht sein. Der ungehobelte Klotz. Glaubt, er kann sich alles erlauben.

Als sie sich dem Dorf näherte, hörte sie Geschrei. Alle rannten aufgeregt herum.

Sie ließ den Handwagen stehen und lief über den Feldweg zum Gutshof. Das war Malte, der da so brüllte. Peggy stand da und schluchzte. Jetzt kam Paula dazu, und da waren die anderen Jungs, diese Studenten, die Malte und Jochen angeschleppt hatten. Und Viola war da. Günther hinter ihr, wie ein viel zu kleiner Schatten.

Sie schrieen durcheinander, und erst allmählich wurde Anna schlau aus dem, was sie da brüllten.

Die Stromleitungen waren durchtrennt. Maltes schöner neuer Strom. Alles kaputt.

„Sabotage! Jemand versucht, das Projekt zu blockieren! Alles kaputt. Alles noch mal von vorn. Paula, sag doch mal was! Wo steckt eigentlich Jukki? Der hat doch zu allem eine Meinung.“

Jukki badet, dachte Anna. Falls ihr es genau wissen wollt.

„Malte, beruhige dich. Das waren Mäuse. Ganz bestimmt. Vielleicht ein Marder, aber ganz sicher keine Sabotage! Komm, trink einen starken Kaffee.“

Paula versuchte zu schlichten, und die meisten stimmten ihr zu: Mäuse, oder ein Marder.

„Kaffee! Wie kannst du jetzt an Kaffee denken. Ein Schnaps wäre mir lieber.“

Anna drehte sich um und ging ganz still nach Hause. Pa wartete auf sein Frühstück.