Ein Wohlsein auf die Chefin!

„Ein Wohlsein auf die Chefin!“ – „Sie lebe hoch, die heißeste Brünette seit Eva Braun!“ – „Was haben wir ein Glück, dass wir so zivilisierte neue Herren bekommen haben, was, Paschke?“

Die Stimmen waren nicht zu unterscheiden. Es war auch gar nicht wichtig. Beate saß auf der obersten Stufe ihrer geliebten Freitreppe und hielt sich die Ohren zu.

Was hatte sie da angerichtet!

Diese Tiere. Ruinierten den Park, die geharkten Wege, die frisch angelegten Blumenbeete. Stiefelten durch den Rosengarten, pinkelten in den Rhododendron, der nun ganz gewiss niemals blühen würde, weder rot noch blau noch weiß.

Viktor, schrie es in ihr, Viktor, mach dem ein Ende! Bring mich heim nach Zehlendorf! Ich bin keine Scarlett O’Hara, und erst recht keine Melanie Dingsbums. Ich kann das nicht ertragen!

Die Party hatte so schön angefangen. In den Kastanien hingen bunte Lampions, das Grillfeuer loderte im Vordergarten, der Park war mit Fackeln beleuchtet. Später hatten sie ein Feuerwerk geplant, mitten im See. Der Feuerwerker hatte extra einen Ponton in die Seemitte geschleppt, und darauf hatte er seine Raketen aufgebaut.

Jetzt waren alle betrunken, und Beate hasste sie. Diese wildfremden Menschen. Und die Frauen erst! Mit bunten Kleidern, die einem die Tränen in die Augen trieben. Geschminkt, als wollten sie später noch auf die Tauentzien.

Niemand versteht mich. Und dann Viktor. Die Krönung überhaupt. Da stellt er mir doch tatsächlich seinen Architekten vor, der all das in so fabelhaft kurzer Zeit ins Werk gesetzt hat.

„Beate, Liebes, darf ich dir meine Architektin vorstellen? Sibylle Blabla.“

Tin?? ArchitekTIN? Niemals war davon die Rede gewesen. Nie. Daran könnte ich mich doch erinnern.

Sie schlang die Arme um ihre Knie und weinte auf ihren Rocksaum. Dass sie selbst zuviel getrunken hatte, entschuldigte sie mit all diesen überschminkten, grellen Figuren um sich herum, da musste man ja zum Kümmel greifen.

Der Kümmel.

Wo war nur dieser sympathische ältere Herr, der ihr den Kümmel angeboten hatte? Vielleicht könnte sie mit ihm den Abend gemütlich ausklingen lassen.

Zuerst ins Bad.

Sie blickte in den verschwommenen Spiegel und schmierte den Lidstrich zurück dorthin, wo er hingehörte.

Dann rückte sie ihr Dekolleté zurecht und lenkte ihre Schritte wieder in Richtung Treppe.

Da ist er ja. Der niedliche ältere Herr. Hihi, die Jacke ist ausgebeult, da, wo er den Kümmel versteckt. He, warten Sie! Er wartet. So ein Glück. Jetzt kann ich mich endlich jemandem anvertrauen.

„Kommen Sie, Sie niedlicher älterer Herr! Gehen wir auf die Terrasse.

Sehen Sie, wie das Mondlicht sich im See spiegelt? Idyllisch, nicht? Wie heißen Sie? Jensen? Das ist doch kein Name. Wie ist Ihr Vorname? Papa? Papa Jensen?
Na gut. Ich werde Sie Papa nennen. Sehen Sie, Papa Jensen, ich habe mir das so schön vorgestellt. Mein ganzes Leben habe ich neben diesem Geschäftsmann gefristet, und jetzt, in meinen besten Jahren, wollte ich hier etwas erschaffen. Kultur. Kunst. Eine Enklave der feinen Lebensart. Verstehen Sie, was ich sagen will?

Und nun sehen Sie sich diese verrückten Menschen an. Sind alle betrunken. Und Viktor mittendrin. Viktor ist mein Mann, wissen Sie. Viktor Bötz und Compagnon. Stoffe und Tuche. In dritter Generation. Aber nun sehen Sie mich an. Sieht so die Ehefrau eines Tuchhändlers aus? In Lumpen lässt er mich gehen. Blumenerde unter den Fingernägeln. Dabei wollte ich Kunst und Kultur und Schönheit unter diesem Dach vereinen.

Sagen Sie, Sie lieber alter Mann, wo wir hier gerade so nett miteinander plaudern: Wo ist denn dieser attraktive blonde Mann mit dem weichen Akzent, den ich neulich in diesem reizenden Lokal in der Innenstadt kennengelernt habe?

Wie heißt er, sagen Sie? Jukki? Und ist ein Finne? Das ist ja interessant. Und wo ist er nun? Er war doch eingeladen! Ich finde es ja unhöflich, wenn man eine Einladung ignoriert.

Er wohnt gar nicht hier? Sonder im Nachbardorf? Ach.

Sehen Sie! Das Feuerwerk. Ach, das ist ja schön. Wunderschön ist das. Sagen Sie, ob ich noch einen kleinen Schluck von diesem herrlichen Getränk bekommen kann?“

Sie kippte gegen die Schulter von Papa Jensen und schlief ein.

Dort fand sie Viktor, viel später. Er nickte dem weißhaarigen Herrn zu, der so gut auf seine Frau aufgepasst hatte, und setzte sich an dessen andere Seite.

„Sagen Sie, guter Mann – mein Name ist übrigens Bötz, Viktor Bötz, angenehm, ach, Papa Jensen? Ja, von Ihnen redet jeder im Dorf. Jensen also, sagen Sie, könnten Sie sich vorstellen, für mich zu arbeiten?

Sagen Sie nicht gleich nein! Überlegen Sie es sich noch. Ich bezahle gut! Und wir brauchen fähige Leute. Für jeden Bereich. Für den Garten. Für den Weinkeller. Als Chauffeur. Mir würden noch tausend Positionen einfallen, aber ich glaube, ich muss zuerst Frau Bötz zu Bett bringen.

Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Wie dämlich das klingt, in unserer Sprache, ‚ich muss eben Frau Bötz zu Bett bringen’? In jedem amerikanischen Spielfilm spricht der Held von seiner Frau als Mrs. Held, und jeder findet das ganz normal. Bei uns geht das nicht.

Auch ein interessanter Stoff, finden Sie nicht? Ich möchte ja so gerne ein Buch schreiben, wissen Sie. Was haben Sie in dieser Flasche da? Kümmel? Das passt gut. Mir ist nämlich ein bisschen kalt.

Ein Buch. Über Sprachphänomene. Darüber, warum wir gewisse Dinge als regelkonform akzeptieren, während wir anderes von vornherein ablehnen. Weil es nicht passt. Weil es komisch klingt. Verstehen Sie?

Wiedersehn, Wiedersehn! Schön, dass ihr gekommen seid! Ja, vielen Dank, ich werde es ausrichten, wenn meine Frau morgen wach wird! Ja, grüßen Sie auch zuhause, vielen Dank! Und kommen Sie bald wieder!

Ach, Papa Jensen. Ist das nicht eine verrückte Welt? Vorgestern waren wir noch in Berlin. Potsdamer Platz. Steglitz Schlossstraße. Villa in Zehlendorf. Und jetzt?

Jetzt sind wir hier, an einem See ohne Namen, unter einem anderen Himmel, bei ganz fremden Leuten. Und doch sind wir zuhause.

Was ist eigentlich auf der anderen Seite des Sees? Auch ein Dorf? Sieh da. Noch ein Dorf, jenseits des Sees. Und da leben lauter Anarchisten? Das müssen Sie mir genauer erklären, Papa Jensen. Aber heute nicht mehr. Ich muss jetzt meine Frau ins Bett bringen. Sie friert bestimmt.“

Er kippte gegen die andere Schulter von Papa Jensen und schlief ein.

Papa Jensen saß ganz still und blickte in den Mond. Er hatte alles gesehen und alles erlebt auf der Welt. Ein paar betrunkene Städter, die rechts und links an seiner Schulter lehnten und ihren Rausch ausschliefen, konnten ihn nicht schrecken.

Was ihn schreckte, war etwas ganz anderes. Diese Städter würden bleiben. Und sie waren nett. So hilflos. Der Mann: Geschäftsmann vom Potsdamer Platz. Und vom Potsdamer Platz brauchte dem alten Jensen niemand was zu erzählen. Er war schließlich nicht von gestern.

Und sie erst. Frustrierte Ehefrau aus Villa in Zehlendorf. Meine Güte, Zehlendorf. Wie lange war das her. Seine Kindheit. Mit dem Fahrrad an die Krumme Lanke, und dann kam der Krieg. Die alten Zeiten, nun kehrten sie zurück, mit diesem verrückten Paar, das keine Ahnung hatte, worauf es sich da einließ.

Er würde sie beschützen, das machte er jetzt und hier mit einem guten Schluck aus der Flasche mit sich aus.