Jukki trank sein Bier aus

Jukki trank sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal, wobei jeder ihm ein paar freundliche Worte nachrief.

Er hatte das Dorf in den letzten Wochen häufiger besucht, seit er mitbekommen hatte, dass jemand dabei war, in das Schloss einzuziehen. Im „Seeblick“ hatte er sofort Kontakt gefunden.

Jetzt stand er vor der Tür des Lokals und sah diesem Ehepaar nach, das sich so unmöglich eingeführt hatte. Sie gingen die Dorfstraße entlang, die dreihundert Meter weiter zum Schloss abzweigen würde.

Der Mann schien ganz patent zu sein, bestimmt ein Geschäftsmann, aus Berlin vermutlich. Sie dagegen – eine Katastrophe. Dumm wie Stroh. Konnte bestimmt keinen Adler von einem Fischreiher unterscheiden.

Er nahm den Trampelpfad zum See und stieg in sein Boot. Das Wasser am Boden störte ihn nicht, und bisher hatte er auch kein Leck finden können. Das Boot hatte er im Schilf gefunden, und seit er damit über den See ruderte, von Treudorf nach Anderdorf und zurück, hatte niemand ein Anrecht darauf reklamiert. Also gehörte es jetzt ihm.

Jukki saß und ruderte und versuchte, sich über seine Gefühle klar zu werden.

Er hatte alles, was er wollte. Der Gutshof entwickelte sich zu einem Schmuckstück, alle fassten mit an, die verrücktesten Talente kamen zum Vorschein. Dieser Malte war ein wahrer Wunderknabe. Der hatte sein Schicksal gefunden. Mittlerweile hatte er ein paar Studienkollegen angeschleppt, die über den Sommer helfen wollten; einer der Bauern hatte Handwerker aus der kleinen Stadt mitgebracht, in der er seine Erzeugnisse auf dem Markt verkaufte.

Es lief verteufelt gut, zu gut fast. Und da war Paula. Die kleine, pummelige Paula mit der süßen Zahnlücke. Er hatte sie unterschätzt. Sie war beharrlich und sie hatte Mut.

Aber irgendwann würde jemand kommen und Fragen stellen. Man konnte nicht einfach so von einem halbverfallenen Haus Besitz ergreifen und damit anstellen was man wollte. Das war einfach nicht erlaubt, in Hamburg nicht, in Berlin nicht, und auch nicht in irgendeinem vergessenen Kaff in Mecklenburg.

Und wer würde dann für alles gerade stehen? Er hatte kein Geld. Ob Paula Geld hatte, wusste er nicht. Wovon die anderen lebten, war ihm schleierhaft.

Inzwischen hatte er das andere Seeufer erreicht, ließ das Boot auf den kleinen Kiesstrand auflaufen und stieg aus. Hier hatte er einen Pflock in den Boden gerammt, an dem er das Boot jetzt festband.

Er stieg hinauf auf die Böschung, die hier den See begrenzte und schlenderte zurück in sein Dorf.

Am Eingang begegnete ihm die kleine Rothaarige, Peggy mit dem Handbesen, wie sie neuerdings genannt wurde.

„Hallo Jukki! Schau dir an, was Malte gemacht hat!“

Malte, Malte, Malte. Es wurde Zeit für eine neue Idee, eine Vision. Malte war so praktisch. Alle hörten auf Malte.

Paula war ähnlich wie Malte. Sie führte Buch, über alles und jedes. Sie legte Listen an mit kleineren und größeren Einfällen der Gemeinschaft, sie überdachte die Möglichkeiten und präsentierte dann Vorschläge auf den abendlichen Versammlungen.

Dort wurde hin und herdiskutiert, dann wurde Malte gefragt, und dann wurde eine Entscheidung gefällt.

So hatten sie beschlossen, dass in den vorderen Teil des linken U-Beines ein Laden installiert werden sollte. Bisher gab es in dem Fünfzehn-Häuser-Dorf keinen Laden. Bestellungen wurden Bauer Schmahl mitgegeben – diesen Namen hatte Jukki sich gleich merken können, denn der Mann war alles andere als schmal. Schmahl fuhr jeden Mittwoch zum Markt in die Stadt und brachte auf dem Rückweg alles Wichtige mit.

So hatten sie schon jahrelang autark gelebt, auch bevor die Sinnsucher gekommen waren.

Jetzt sollte ein Laden her, und alle waren fieberhaft damit beschäftigt. Jukki musste eingreifen. Sonst würde er nie in sein Gutshaus einziehen können. Das Dach musste erneuert werden, und zwar dringend.

„Zu teuer“, sagte Paula jedes Mal, wenn er sie darauf ansprach. „Wer soll denn das bezahlen, Jukki? Wir müssen Wege finden, uns zu finanzieren. Und ein Laden bringt Geld.“

„Ich verstehe dich nicht, Paula“, sagte Jukki dann. „Du willst eine Gemeinschaft. Du bist eine moderne Kommunistin. Wie kannst du so kapitalistisch denken?“

Paula wurde dann ungeduldig und warf mit Dingen um sich, einer Tasse oder einem Paket Nudeln oder einer Kartoffel, was sie gerade in der Hand hatte.

„Jukki, es kostet Geld! Kohle! Mäuse! Es sei denn, du findest einen Dachdecker, der das für eine warme Mahlzeit erledigt! Ich hab doch den Geldkreislauf nicht erfunden. Meinetwegen bräuchte niemand für irgendwas zu bezahlen. Jeder gibt, was er kann, und nimmt, was er braucht. Aber leider haben wir noch keinen, der ein Dach decken kann.“

Deshalb hatte Jukki angefangen, nach Anderdorf hinüber zu rudern. Er wollte sich anschauen, wie die das mit dem Schloss machten. Und wenn sie dort gerade das Dach deckten, dann wollte er sie anheuern, bei ihm auch eben mit anzupacken. Der reiche Sack, der dort eingezogen war, der würde das gar nicht merken, wenn er die Rechnung bezahlte.

Er wusste, dass er sich Schwierigkeiten einhandeln würde. Vor allem mit Paula. Aber am Ende war Paula nur Paula, und da stand sein Gutshof, von dem er Besitz ergreifen wollte.

„Was habt ihr denn gemacht, du und dein Malte?“, fragte er Peggy, aus lauter Höflichkeit.

„Wir haben ein Fenster eingebaut! Hier, siehst du? Das erste selbst eingebaute Fenster! War ganz schön schwierig“, verkündete sie so stolz, als hätte sie es tatsächlich selbst gemacht.

„Toll“, sagte Jukki, der auch noch nie ein Fenster irgendwo eingebaut hatte und deshalb nicht wusste, ob das schwierig war.

„Es bleibt nicht offen“, sagte er, als er den einen Flügel öffnete und der prompt zurückschwang.

Malte guckte grimmig. „Ja, ich weiß. Ich muss noch ein bisschen rumprobieren, bevor ich den Bauschaum draufsprühe. Das sitzt noch nicht richtig.“

Er nahm seinen Zimmermannshammer zur Hand und Jukki setzte seinen Weg fort, hinüber zu Paulas Haus. Als er die halbe Strecke zurückgelegt hatte, hörte er lautes Klirren von zersplitterndem Glas und noch lauteres Kreischen von Peggy. Er grinste.

„Hallo Jukki“, begrüßte ihn Paula und küsste ihn auf den Mund. Er nahm sie in die Arme und fuhr zärtlich mit der Zunge über ihr Gesicht, wie ein Hund, der seine Herrin begrüßt. Sie liebte das, und manchmal wurde sie ganz wild davon.

Heute auch.

Später lag er mit dem Kopf auf seinem Lieblingsplatz, auf ihrem Bauch, und sagte: „Was ist denn das da mit Malte und Peggy? Gehören die zusammen?“

Paula lachte, und ihr Bauch wippte. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich dachte immer, Malte und Jochen sind ein Paar. Und was Peggy ist, keine Ahnung. Manchmal denke ich, sie hat noch nicht einmal die Pubertät hinter sich, dabei ist sie bestimmt schon über zwanzig.“

„Ich mag es, wenn du lachst und dein Bauch wippt. Übrigens sind heute die neuen Leute im Schloss eingezogen.“

Paula strich über seine Haare. „Was du immer mit dem Schloss hast! Sind wir dir nicht gut genug hier, mit unserem popligen Gutshof?“

Jukki richtete sich auf und strich mit seiner Nase über ihre Nase, wie ein Eskimo.

„Ich liebe euch alle, ich liebe den Gutshof, ich liebe den See, und ich liebe deine Zahnlücke. Ich gehe aber gerne hinüber und sehe, wie die es machen. Und vielleicht decken sie irgendwann ihr Dach.“

Jetzt lachte Paula so laut, dass nicht nur ihr Bauch wippte, und sie zog den grinsenden Jukki an sich und küsste ihn.