Im Seeblick blieb es lange ruhig

Im Seeblick blieb es lange ruhig, nachdem das Ehepaar Bötz sich empfohlen hatte.

Der Wirt spülte Gläser.

Seine Frau stand in der Küchentür, die Schürze vorgebunden.

Jukki hatte sich wieder hingesetzt.

In der Ecke spielten sie Skat, als wäre überhaupt nichts gewesen.

Dann betrat der alte Jensen das Lokal, unter dem Arm das Halmabrett, im Schlepptau Helmut Paschke.

Sie setzten sich an ihren angestammten Platz am Fenster. Die Wirtin verzog sich in die Küche, um zweimal Wellfleisch vorzubereiten, der Wirt zapfte zwei Bier und stellte zwei Schnapsgläser zurecht.

Jensen blickte um sich.

„Wasn hier los? Nischt, wie?“

Einer der Alten am Tresen schüttelte den Kopf. „Nüscht wie ümmer, Jensen. Nur die Neuen vom Schloss.“

Jensen nickte bedächtig. „So so. Ham sie guten Tach gesagt, ja?“

Der Alte schüttelte erneut den Kopf. „Nee, guten Tach, so hat sich dat nich angehört. Eher wie ne Bettelei.“

Jensen fuhr fort, bedächtig zu nicken. „Ja, det kann ick mir vorstelln.“ Jensen war aus Berlin. „Det kann ick mir vorstelln, det die hier rinkomm un betteln um Aufmerksamkeit.“

Paschke baute sorgfältig die Figuren auf: grün für sich, blau für Jensen. Die roten Steine waren nicht mehr vollzählig, sonst hätte er die roten genommen. Aber die hatten sie damals, nach der Wende, voreilig weggeworfen.

„Die Roten, Paschke, die brauchen wir nu nich mehr.“ So hatte Jensen seinerzeit gesagt. Sie hatten dann jeder eine Handvoll Figuren genommen und von sich geworfen. Ein paar hatte Paschke später wieder eingesammelt.

Seither spielten sie mit blau und grün, was dauernd zu Streit führte, weil die Farben im Dunkel des Seeblicks nicht genau zu unterscheiden waren.

Der Wirt brachte zwei Bier und zwei Kümmel. „Wohlsein die Herren.“

Jensen stand auf, winkelte den linken Arm an – Jensen war Linkshänder – und kippte den Kümmel mit einer akkuraten Bewegung in den Hals.

Dann setzte er sich wieder.

Für das Bier ließ er sich mehr Zeit, wartete geduldig, bis Paschke die Figuren aufgestellt hatte. Dann prosteten sie einander zu.

Sie schoben das Brett zur Seite, als die Wirtin mit ihrem Wellfleisch herbeiwalzte.

„Mahlzeit, ihr beiden! Hoffe, es schmeckt.“

„Das wird es, Mutti, das wird es.“

Sie aßen schweigend, und die anderen erzählten von den Geschehnissen des frühen Abends.

„Und dann stand unser Jukki hier auf und hat ihnen zugesagt. Wir würden alle kommen, sagte er, und gerne obendrein.“

Jensen aß und schüttelte den Kopf. Paschke aß und hörte nicht zu.