Beate stand auf dem Balkon

Beate stand auf dem Balkon ihres Schlosses und blickte über den See.

Es war vollbracht.

Sie stemmte die Arme in die Seiten wie eine Bauersfrau, die Füße steckten in hellgrünen Gummistiefeln, an deren Sohlen noch das Preisschild klebte.

Über ihr kreiste ein Vogel, vielleicht ein Adler, vermutete sie. Gefährlich sah er jedenfalls aus.

Viktor trat zu ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter.

„Sieh mal, ein Adler!“, sagte sie.

„Das ist ein Fischreiher, Liebes. Komm, ich zeige dir den Hafen!“

Er trat wieder ins Zimmer, ohne auf ihre Verlegenheit zu achten. Sie stiefelte in den ungewohnten Schuhen hinter ihm her und nahm unterwegs die Gelegenheit wahr, die Veränderungen zu bewundern, die er mit der Hilfe eines teuren Architekten in den wenigen Wochen schon vorgenommen hatte.

Im April hatten sie den Kaufvertrag unterschrieben, jetzt war Ende Mai und sie konnten bereits einziehen. Seither waren die Wasserleitungen neu verlegt worden, sämtliche Fenster ersetzt und das Dach auf Schäden überprüft. Zum Glück gab es nur wenige undichte Stellen; man könnte bis Ende des Sommers warten, um komplett neu zu decken. Auch die Heizung sollte erst im frühen Herbst fertig werden, aber der Sommer versprach heiß zu werden, und schließlich hatte Beate beschlossen ein neues Leben anzufangen. Wenn sie frieren sollte, dann würde sie eben frieren.

Ihre Laune stieg wieder, als sie jetzt hinter Viktor herstolperte und die Einrichtung bewunderte. Helle, glänzende Tapeten bedeckten die hohen Wände; die stuckverzierten Decken trugen teilweise sogar Gemälde – Fresken hatte der Architekt das genannt – und wenn mal gar nichts anderes mehr zu tun wäre, dann wollten sie diese Gemälde restaurieren lassen.

Bisher war das Schloss äußerst spärlich möbliert, aber das, so hatte Beate sich ausbedungen, sollte ihre Aufgabe werden. Sie stellte sich vor, wie sie mit einem Transporter die Antiquariate und Flohmärkte abklappern und mit kleinen Kostbarkeiten zurückkehren würde, deren Wert die vorherigen Besitzer überhaupt nicht geahnt hatten.

Das Treppenhaus war ein Schmuckstück geworden. Wie auf Zwölfeichen, dachte Beate, wenn sie in der Halle stand und die gewundene Treppe hinaufblickte. Sie konnte die Mädchen aus „Vom Winde verweht“ förmlich die Stufen herunterschweben sehen, in ihren bunten, ausladenden Röcken, mit einem winzigen Sonnenschirm in der Hand.

Hier würde sie rauschende Feste geben und die wichtigsten Leute aus der ganzen Umgebung zu Gast haben.

„Viktor, mein Liebster, wir sollten eine Einweihungsparty geben!“

Viktor nickte und öffnete die Tür zum Garten. Hier war noch gar nichts geschehen, was auf eine neue Herrschaft im Schloss hindeutete. Und es gäbe so unendlich viel zu tun! Diese schrecklichen Büsche dahinten, was war das nur?

„Viktor, was sind das dahinten für scheußliche, armselige Büsche? Können wir die nicht als erstes entfernen lassen? Ich möchte, dass hier alles bunt ist im Sommer! Nicht so traurige grüne Sträucher.“

Viktor blieb stehen. „Bea, Liebes, das sind Rhododendron-Büsche! Du kennst doch Rhododendron. Der blüht lila und blau und rot und weiß, in allen Farben! Nur jetzt leider nicht. Der kommt in vier Wochen, du wirst sehen. Dein Schlafzimmer liegt direkt hier oben, du kannst jeden Morgen hinausblicken und alles wird bunt sein, glaub mir!“

Beate nahm auch diesen zweiten Rüffel schweigend hin. Woher verstand Viktor so viel von Gartenbau? Er war ein Stoffhändler.

Sie gingen den schmalen Weg entlang zu dem, was Viktor großartig einen Hafen genannt hatte. Es gab eine Mole, die halbkreisförmig in den See hineinragte, und es gab einen senkrecht in den See gebauten Anlegesteg. Ein einziges Ruderboot war im Moment daran festgebunden.

Beate klatschte in die Hände. „Viktor, lass uns eine Bootsfahrt machen! Komm, wir rudern auf den See hinaus. Das wird ein Spaß!“

Viktor lachte. „Ja, das wird ganz bestimmt ein Spaß. In dieses Boot setze ich mich nicht, siehst du, da steht Wasser drin. Bestimmt hat es ein Leck. Ich weiß nicht einmal, wem es gehört.“

Jetzt wurde es Beate langsam doch zu dumm. „Viktor, jetzt wird es mir aber langsam zu dumm! Die ganze Zeit machst du mich lächerlich! Ich kann einen Adler nicht von einem Reiher unterscheiden, ich kenne keinen Rhododendron, wenn er grade nicht blüht, und von Booten habe ich auch keine Ahnung. Macht dir das Spaß?“

Er sah sie erstaunt an, als würde er sich nicht einmal daran erinnern, wie rüde er sie in der letzten Stunde behandelt hatte.

„Komm, wir gehen ins Dorf. Vielleicht treffen wir ein paar Leute. Ich möchte herausfinden, ob es eine Art zentralen Treffpunkt gibt, einen Laden oder ein Lokal. Dort könnte man bekannt geben, dass wir anlässlich unseres Einzuges gerne alle zu einem Gartenfest einladen möchten.“

Beate war sofort wieder versöhnt. „Das ist eine fantastische Idee, Liebling! Aber sollte ich nicht etwas Passenderes anziehen? So glaubt mir doch kein Mensch, dass ich die neue Schlossherrin bin!“

Viktor schüttelte den Kopf.

Vom Hafen führte ein schmaler, grasbewachsener Fußweg, eher ein Trampelpfad, ins Dorf. Sie erreichten die Mitte des kleinen Ortes und fanden sofort, was sie brauchten: Auf der gegenüberliegenden Seite lag die Gaststätte „Seeblick“, das einzige Lokal im Dorf. Ein schiefer Fachwerkbau, der jeden Moment in sich zusammenfallen würde, da war Beate ganz sicher.

Sie stiegen die drei Stufen zum Eingang hinauf und betraten den düsteren Raum. Die Kneipe hatte gerade erst geöffnet, es war kurz vor halb sechs am Nachmittag. Trotzdem war die Theke schon voll besetzt, und alle drehten sich nach den Neuankömmlingen um.

Jedes Gespräch verstummte.

Beate fasste nach Viktors Hand, sie hatte das Gefühl, man würde sie gleich an die Wand neben den Toiletten nageln und dort als schlechtes Beispiel für alle künftigen Fremden hängen lassen, die auf die verrückte Idee kämen, das Schloss zu kaufen.

Endlich sagte jemand etwas: Der Mann hinter dem Tresen. Er polierte ein Glas, hielt es gegen das Licht, hauchte noch einmal hinein und polierte weiter. Dabei starrte er Viktor unentwegt an.

„Sieh da. Die neue Herrschaft. Willkommen in Anderdorf! Darf’s zur Begrüßung ein Helles sein?“

Viktor verneigte sich ganz leicht, es sah wirklich vornehm aus, fand Beate, die schräg hinter ihm stand und immer noch seine Hand umklammerte.

„Herzlich gern, vielen Dank. Meine Herren, das hier ist meine Frau Beate, und ich bin Viktor, Viktor Bötz. Wir sind gerade eingezogen, aber das wissen Sie ja schon.“

Er löste seine Hand aus Beates Griff und nahm stattdessen leicht ihren Arm, zog sie zu einem freien Platz am Tresen.

„Wir möchten Sie alle gerne kennen lernen, und wir möchten Ihnen Gelegenheit geben, sich das Schloss anzusehen, falls Sie das möchten. Deshalb geben wir eine Gartenparty.“

Er sah auffordernd zu Beate, und sie begriff quasi sofort, was er von ihr wollte.

„Ja, eine Party! Sie sind alle herzlich eingeladen, und bitte, bringen Sie ihre Familien mit! Sagen Sie es allen weiter, dem ganzen Dorf! Jeder soll kommen; vielleicht gibt es später auch Arbeit für Sie, wenn wir uns besser kennen!“

Das war kein guter Abschluss. Sie merkte es daran, dass alle sich wieder von ihnen abwandten und auf Viktors Trinkspruch nur mit einem lustlosen Heben der Gläser reagierten.

Viktor stand auf und legte einen Geldschein auf die Theke. Sie wollten schon das Lokal verlassen, als am gegenüberliegenden Ende des langen Tresens ein blonder, schlaksiger Mann aufstand und sich vor ihnen verbeugte.

„Bitte, die Herrschaften, natürlich kommen diese Leute zu Ihrer Party. Sie werden gerne kommen, und sie werden alle ihre Familien mitbringen! Herzlichen Dank für Ihre Einladung.“

Viktor erwiderte die Verbeugung und winkte dem jungen Mann dankbar zu.

Beate stand wie verzaubert.