Viktor hatte beschlossen

Viktor hatte beschlossen, den Zug zu nehmen. Er fuhr gern mit dem eigenen Wagen, und manchmal ließ er sich auch chauffieren. Heute wollte er den Zug nehmen.

Die Stunden im Abteil, mit der Zeitung und einem Becher Kaffee; den Blick aus dem Fenster auf die vorübergleitende Landschaft; es gab nichts Besseres, um sich auf Ungewohntes vorzubereiten.

Dies hier war etwas ganz Besonderes. Halb ungewohnt, ein wenig schon vertraut. Viktor fuhr in seine Zukunft.

„Sie sind auf dem Weg zu einem Termin, stimmt’s?“

Die tiefe Stimme löste ein angenehmes Kribbeln bei ihm aus. Neugierig betrachtete er die Dame im Sitz gegenüber. Blond, ein bisschen füllig. Mitte vierzig, mindestens. Selbständig. Alleinstehend.

So schwer war das gar nicht mit der Psychologie, fand er. Was er für sich an Menschenkenntnis verwerten konnte, das erkannte er durchaus.

Diese Frau konnte man gebrauchen. Möglicherweise.

„Wie man’s nimmt. Ich kaufe ein Schloss.“

„Ach. Doch so wichtig!“ Sie lachte, und bei ihrer Stimmlage hallte das nach, in den Eingeweiden.

Schade, dass sie so füllig war. Und Mitte vierzig.

„Und Sie?“

„Ich muss nach Rostock. Sanierungsarbeiten. Eines der Hafengebäude.“

„Sie sind Architektin?“

„Ich bin Architektin. Höxter mein Name, Sibylle Höxter.“

„Wann müssen Sie denn in Rostock sein?“ Viktor schüttelte sich im Geiste selbst die Hand. Wie er das immer machte, diese Zufallsbekanntschaften. Das hatte man, oder man hatte es nicht. Eine Architektin! Wenn das kein Zeichen war.

„Übermorgen. Ich wollte unterwegs jemanden besuchen. Warum? Wollen Sie mir Ihr Schloss zeigen?“

„Zeigen und Ihre Meinung hören. Da winkt ein fetter Auftrag für Sie!“

In Neustrelitz stiegen sie gemeinsam aus dem Zug und nahmen ein Taxi.

„Wo wollen Sie hin? Anderdorf?“

Viktor sah den Taxifahrer misstrauisch an. „Will ich. Und?“

„Nichts. Sie sind der Chef“, erwiderte der Fahrer mit einem Glucksen.

„Bin ich. Und jetzt fahren Sie, Mann.“ Viktor ärgerte sich, dass die Architektin diesen seltsamen Auftritt miterlebte, was würde sie jetzt von ihm und seinem Projekt denken? Doch Sibylle Höxter ließ sich nichts anmerken.

Sie fuhren und schwiegen.

Dann tauchte Anderdorf auf, und Viktor zuckte zusammen. Es war ja so trostlos! Himmel und Erde. Diese Dorfstraße. Keine Katze wollte hier überfahren werden.

Rechts und links einheitsgraue Häuser. Bunte Vorhänge und bunte Wäsche in den Gärten, ein eigentümlicher Kontrast war das.

Schon waren sie durch, und schon tauchte zur Rechten die Einfahrt zum Schloss auf.

Viktor sah, wie Frau Höxter sich kerzengerade hinsetzte. Sie sog die Luft ein, als witterte sie den modrigen Geruch der alten Gewölbe.

Nein, diese Frau war nichts fürs Bett: Dies war sein künftiger Kompagnon.

Sie standen ehrfürchtig vor dem Gemäuer, Seite an Seite. Keiner sagte ein Wort.

Das Schloss hatte nur einen nennenswerten Turm auf der linken Seite. Man erwartete jeden Moment, dass Rapunzel dort ihr Haar herunterlassen würde.

Das Hauptgebäude trug einen verwitterten, ehemals sonnengelben Anstrich; die Freitreppe schwang sich zweiflügelig zum Eingang hinauf.

Sie gingen durch die Tür und standen in der kühlen Halle.

„Es riecht gut“, sagte Sibylle. „Es riecht nicht feucht, das ist schon mal was.“

„Wir werden den Boden schwarz-weiß fliesen, was halten Sie davon?“, fragte Viktor.

„Schwarz-weiß? Das haben doch alle. Lassen Sie das Schloss auf sich wirken, dann wissen Sie, was in die Halle muss. Kommen Sie, wir besichtigen alle Räume, und Sie versuchen, dabei ganz leer zu bleiben. Keine vorgefassten Meinungen. Dann finden Sie das Herz des Gebäudes.“

Sie ging voraus, die geschwungene Treppe hinauf.

„Ich zum Beispiel muss an Italien denken, wenn ich mich hier bewege. Viel beige, viel orange, viel Terrakotta.“

Viktor folgte ihr und staunte. Sie hatte recht. Jetzt sah er es auch. Kleine Bögen, türlose Durchgänge, überall Grünpflanzen. Hier und da eine Statuette, die irgend etwas auf dem Arm trug. Kein Kitsch. Nur Ruhe, Kühle und Schwerelosigkeit.

Als sie auf dem Balkon standen und über den See blickten, überkam Viktor wieder dieses romantische Gefühl. Er konnte nicht anders: er musste Sibylle den Arm um die Schulter legen.

Und Sibylle verstand, was in ihm vorging. Sie lächelte, und im Geiste rechnete sie.

„Herr Bötz, Sie haben mich. Wenn Sie wollen, mache ich Ihnen hieraus eine Residenz. Sie brauchen keinen Finger zu rühren. Wir beide haben das Herz gefunden, das in diesem Gebäude schlägt.“

Sie erkundeten die übrigen Räume, das Erdgeschoss, den Küchentrakt, aber das Muster war klar. Es gab keinen Zweifel: dies hier würde eine italienische Residenz werden, und Viktor würde darüber herrschen, milde und gerecht. Auch zu Italien, so dachte er bei sich, passt ein orientalischer Herrscher.

Orient trifft Okzident. Und er, Viktor Bötz, mittendrin. Als Verkörperung von beidem: dem Westen und dem Osten; die Inkarnation des Vereinten.

Er wurde sentimental, und er konnte nicht verhindern, dass seine Augen feucht wurden. Viktor Bötz, der Verkünder einer Botschaft der Ruhe und des Friedens. Alle unter einem Dach – oder doch zumindest in einer Gemeinschaft. Man würde ihm huldigen – aber man würde voller Respekt die Distanz wahren.

Kein kommunistischer Einheitsbrei. Da schüttelt’s mich ja. Mann, Mann. Nein, ich brauche Abstand. Nicht in die Höhe – nur in die Ferne.

Den Turm sparten sie sich, denn Viktor traute der alten Wendeltreppe nicht über den Weg, auch wenn Sibylle ihm die Vorzüge einer einsturzsicheren Wendeltreppe darzulegen versuchte.

Viktor beschloss, einige Nächte in Neustrelitz zu bleiben und die Gegend zu erkunden. Auch wollte er mit dem Eigentümer in Kontakt treten.

Sibylle schüttelte ihm die Hand. „Auf das Italienische in uns, Herr Bötz!“