Die Tage gingen einher

Die Tage gingen einher mit Hämmern und Sägen, mit Nageln und Feilen. Säckeweise wurde Schutt aus dem Gutshaus gekarrt, die Bauern schickten ihre Helfer und Knechte, wenn sie selbst keine Zeit hatten mit anzupacken. Paula fragte sich immer öfter, ob die Bauern nicht einen ganz eigenen Zweck mit ihrer Hilfsbereitschaft verfolgten.

„Weißt du“, sagte sie zu Jukki, als sie eines Tages im Gutshaus standen und auf den See hinausblickten, „ich habe noch nie in meinem Leben einen Bauern getroffen, der so bereitwillig noch einen zweiten Hof auf seine breiten Schultern genommen hätte. Die Arbeit auf ihren eigenen Ländereien ist doch schon anstrengend genug.“

Jukki zuckte mit den Achseln. „Vielleicht hast du noch nicht so viele Bauern in deinem Leben getroffen?“

Paula sah ihn erstaunt an. Mit einer so schroffen Antwort konnte sie nun gar nichts anfangen.

„Spinnst du?“, fragte sie einfach.

Jukki wandte den Blick nicht vom Fenster. „Sag mal, Paula, was ist das da drüben?“

Sie folgte seinem Blick, hinüber zur anderen Seite des Sees. An dieser Stelle war er besonders schmal, und man konnte die Spitze eines kleinen Turmes erkennen, der zu einem größeren Gebäude zu gehören schien.

„Das da? Das ist das Schloss von Anderdorf. Was interessiert dich daran?“

„Ein Schloss? Du meinst, ein richtiges Schloss?“

„Na ja, ein Schloss eben.“ Paula wandte sich zum Gehen. „Es ist noch verfallener als dieser Schuppen hier.“

An der Tür wandte sie sich um: Jukki starrte noch immer über den See.

„Kommst du? Es gibt Kartoffelsuppe.“

Sie wusste inzwischen, womit sie ihn überallhin locken konnte, sogar zur Arbeit.

Draußen liefen ihr Malte und der alte Benisch über den Weg.

„Hallo, Paula! Hilfst du uns? Wir wollen den Dachstuhl erkunden, vielleicht ist er noch nicht ganz hinüber und lässt sich an einigen Stellen abdichten.“

Sie folgte den beiden und winkte auch Peggy noch herbei, die wie immer ein bisschen ziellos in der Gegend herumstand.

„Komm Peggy, hilf uns den Dachstuhl erkunden.“

Peggy trug heute ihr dunkelrotes Kleid. Die Baskenmütze saß schief auf ihrem Kopf, was ihr keineswegs ein keckes, allerhöchstens ein schiefes Aussehen verlieh. Die roten Haare quollen unter der unförmigen Kopfbedeckung hervor, und Paula dachte bei sich, dass hier dringend ein Fachmann her musste.

Ganz oben auf ihrer Liste standen Handwerker, die sie ansiedeln wollte, irgendwann. Ein Laden musste her. Eine Kneipe. Was war ein Dorf ohne Kneipe? Es ging nicht an, dass sie sich weiterhin bei Wind und Wetter im Gutshof trafen und die Bierkisten leerten, die Malte regelmäßig aus der Stadt mitbrachte.

Dieser Malte war mit Gold nicht aufzuwiegen. Abgebrochener Student, Lebenskünstler. Es schien, als hätte er seine Lebensaufgabe gefunden. Er konnte alles. Sogar elektrischen Strom hatte er schon gemacht. Paula sagte das immer: Er hat Strom gemacht. Jukki regte das wahnsinnig auf. Na und? Für Paula war Strom machen etwa gleichbedeutend mit der Erschaffung der Welt.

„He, Paula, träum nicht! Hier, halt mal die Lampe. Wir wollen hier oben direkt ins Dachgestühl.“

Paula wollte etwas sagen, wurde aber von ihrem eigenen Husten unterbrochen, als eine Wolke von Staub und Dreck auf sie niederging. Die beiden Männer kletterten im Dachgebälk herum und riefen sich gegenseitig fachmännische Stichworte, die Analyse des Gebälkzustandes betreffend, zu.

Peggy lief davon, und Paula dachte schon, sie wollte sich wieder tatenlos in irgendeine Ecke stellen, da kam das Mädchen auch schon zurück und schwenkte einen Handbesen. Mehr hatte sie auf die Schnelle nicht gefunden. Aber mehr war auch nicht nötig. Peggy stob mit dem Besen in alle Ecken, fegte damit über die Dachbalken, die Sparren, die Fenstersimse. Sie ließ keine Ecke aus, sie staubte sogar Paulas Kleid ab, und nach einer Weile konnte man erste Erfolge sehen.

Malte und der alte Benisch kletterten aus dem Gebälk herunter und freuten sich über die fleißige Peggy, die offensichtlich ebenfalls ihre Lebensaufgabe gefunden hatte.

Zwei Tage später standen Paula und Jukki wieder in dem großen Raum des Gutshauses. Es schien Jukkis Lieblingsplatz geworden zu sein. Oft ging er hier auf und ab, mit gemessenen Schritten, als übte er schon mal, für später. Paula wusste genau, was in ihm vorging.

„Na Jukki, was denkst du über die Fortschritte, die wir machen?“

„Ich denke, es sind große Fortschritte. Ich freue mich darüber. Und ich frage mich, wann wir die ersten Früchte ernten werden.“

Paula legte die Hände auf den Rücken. „Ja, ich frage mich auch, wie lange sie noch aus lauter Spaß arbeiten werden. Wann sie die ersten Gewerkschaften gründen werden. Tarifverhandlungen. Lohnfortzahlung. Warum ist es heutzutage so schwierig, eine Lebensgemeinschaft aufzubauen? Geht das nur, wenn man viel Geld hat? Oder braucht man dafür vor allem Ideale?“

Jukki machte eine rasche Handbewegung, als wollte er sie zum Schweigen bringen. Seine manchmal an Unhöflichkeit grenzende Schroffheit kannte sie ja inzwischen, daran gewöhnen würde sie sich nicht.

„Was geht denn da drüben vor? Sieh mal! Da ist jemand im Turm!“

Paula blickte über den See, legte die Hände wie ein Fernglas um die Augen.

„Da ist jemand im Turm? Was hast du für einen Adlerblick? Ich sehe nichts.“

Jukki sah sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.

„Paula, ich mache einen Spaziergang. Brauchst du mich gerade für irgend etwas?“

Paula wedelte mit den Händen, als wollte sie sagen: ‚Wann hätte ich dich je gebraucht?’ und verließ den Raum. Jukki lief ihr nach.

„Paula, liebe Frau! Sei nicht böse! Ich bin heute nicht gut zu gebrauchen. Ich habe Kopfschmerzen. Ein Spaziergang wird bestimmt helfen, und heute Abend mache ich dich froh!“

Sie sah ihm nach. Seine bewusst gewählten Fehler im Satzbau kannte sie nun auch schon gut genug. Und eine Hilfe war er nicht. Von Anfang an hatte er sich erfolgreich um die wirkliche Arbeit herumgedrückt. Er plante, er redete, er schuf Illusionen. Wenn er den anderen erzählte, wie er sich den Hof später vorstellte, hingen alle an seinen Lippen. „Seht ihr, dort, da kommt ein Pferdestall hin. Früher war das dort hinten der Pferdestall. Aber er ist zu verfallen. Es lohnt nicht, ihn wieder aufzubauen. Wir sollten ihn abtragen, sehen, was wir noch gebrauchen können, und dann dort wieder aufbauen. Die Stelle ist auch viel besser geeignet, denn seht ihr, von dieser Seite kommt man in den Hof gefahren, dann die Biegung, die Gäste steigen aus, und der Kutscher fährt um die Kurve und hinein in den Stall.“

Was für Gäste und welcher Kutscher das sein sollte, schien sich außer Paula niemand zu fragen. Abends im Bett sagte er dann zu ihr: „Du verstehst mich ganz falsch. Freunde. Lieferanten. Boten. Arbeiter, die vom Feld heimkommen. Solche Leute. Alle von hier, die Sinnsucher, die Bauern, du und ich. Wir alle wohnen im Gutshaus, später. Wer will, wohnt im Gutshaus, wer nicht, der baut sich ein Haus im Dorf.“

Er war ein brillanter Rhetoriker. Aber irgendwann würde die Stunde der Wahrheit kommen, und sie fragte sich, wo sie dann sein würde.

Als sie nach draußen trat, liefen Malte und Peggy über den Hof. Malte schien dem Mädchen etwas zu erklären. Sie nickte eifrig und hielt den Handbesen wie eine Fackel.

Paula lächelte.