Der Regen hatte aufgehört

Der Regen hatte aufgehört, und Viktor gönnte sich einen Spaziergang. Er hatte Helga nicht ins Büro zurückbegleitet, sondern an der U-Bahn-Station zu ihr gesagt: „Ich nehme mir den Nachmittag frei, Helga.“

Über die Ansbacher und die Lietzenburger gelangte er zum Bundeshaus und von dort in die Gerhart-Hauptmann-Anlage. Er suchte sich ein ruhiges Plätzchen und beobachtete von einer Parkbank aus die Tauben, die sich auf dem Rasen tummelten.

Nein, Viktor. Sei präzise. Tauben, die sich tummeln? Sie spazieren vielleicht herum, gurren und picken. Aber sie tummeln sich doch nicht.

Wäre das nicht eine Aufgabe? Ein Buch über den Sinn von Worten. Warum ergeben manche Verbindungen einen Sinn und andere nicht? Was steckt in den Begriffen, so dass wir stutzen, wenn wir sie falsch anwenden?

Er geriet ins Grübeln, ins Dösen, ins Schlummern. Mit Fez und Kaftan saß er auf seiner Ottomane, die durch alle seine Träume geisterte. Jemand brachte ein silbernes Tablett mit filigranem Teegeschirr. Ein junges Mädchen. Sie hatte rote Haare.

Rote Haare?

„Bitte, Herr Graf, Ihr Tee. Die Gräfin lässt fragen, ob Sie zu ihr in den Garten herunterkommen.“

„Ach, Jenny, das ist so lieb von dir, mein Kind. Meine Frau sitzt im Garten? Nein, ich gehe jetzt nicht hinunter. Sag ihr, ich sitze noch an diesem Kapitel. Es geht um die Verwendung von Begriffspaaren wie ‚hinauf’ und ‚herunter’, solche Dinge. Und sag ihr, sie soll nicht vergessen, sich die Hände abzuhacken. Heute morgen fiel mir auf, dass einer ihrer Nägel eingerissen ist.’

Das rothaarige Mädchen entfernte sich, und stattdessen flog eine Schar von Tauben durch die Löcher im Dach.

‚Ich muss dem Gärtner Bescheid sagen. Er soll den Dachstuhl zurückschneiden. Es geht ja nicht an, dass es Taubennester regnet.’

So plauderte er vor sich hin, während er mit spitzer Feder die Begriffspaare aufs Pergament zeichnete. Das eine Paar sah aus wie ein Klecks, das andere wie ein Rennwagen. Rorschach. Der Test, bei dem Kinder mit roter Farbe angemalt werden, damit man herausfindet, ob sie sich schon selbst waschen können.

Dieses Kind dort konnte sich bestimmt noch nicht selbst waschen. Es brüllte wie am Spieß. Holt denn niemand die Mutter? Die Mutter kommt und schüttelt es, und es wird immer größer und flattert und lässt etwas fallen.

Viktor erwachte mit einem Schrei, er saß breitbeinig und mit ausgebreiteten Armen auf seiner Bank, so als wöge er mindestens drei Zentner und könne seine Arme nicht mehr, wie früher, vor seinem Bauch verschränken.

Das Kind, das vor ihm auf den Boden geplumpst war, deutete auf Viktors Weste und lachte aus vollem Hals. Viktor sah an sich hinunter.

Da hatte doch tatsächlich eine Taube ihr Geschäft auf ihm abgelassen. So eine Schweinerei.

Er raffte sich auf und lief, so schnell er konnte. Unterwegs zog er ein Taschentuch hervor und rieb den Fleck in die Weste. Bravo Viktor. Fabelhaft hast du das gemacht. Jetzt sieh zu, dass du ein Taxi kriegst und nach Hause fährst. Die Weste taugt nicht mal mehr für die Russlandkiste.

Der Taxifahrer hörte schwermütige russische Volksweisen, und das trug nicht dazu bei, dass Viktors Laune sich besserte.

Als er zuhause in Zehlendorf den Schlüssel im Schloss der Grunewaldvilla umdrehte, war aus dem Fleck auf seiner Weste ein Ozean geworden, nein, kein Ozean, ein ausgetrockneter Salzsee. Groß und weißgrau und ziemlich ekelhaft.

Er riss sich Sakko und Weste vom Leib und lief die Treppe hinauf, die Slipper rechts und links von sich werfend.

Auf der Schwelle zum Schlafzimmer blieb er abrupt stehen. Das war doch nicht seine Bea!

Eine schlanke Brünette in ausgeblichenen Jeans und einem schlabberigen Hemd wühlte in Beas Kleiderschrank. Barfüßig, mit einem bunten Tuch um den Kopf, das die welligen Haare bändigen sollte.

„Was machen Sie denn da?“ Seine Stimme klang wie eine rostige Trompete, was ihn noch mehr verärgerte.

Die Schlanke drehte sich um und wandte ihm Beas Gesicht zu. Es war tatsächlich Bea, wie kam denn das?

„Bea! Wie siehst du denn aus?“, fragte er und fühlte im nächsten Moment etwas in sich aufsteigen, etwas Wildes und Männliches.

Sie kam auf ihn zu und küsste ihn. Leidenschaftlich, wie ihm schien.

„Viktor! Du bist schon da?“ Sie betrachtete ihn prüfend. „Und fragst mich, wie ich aussehe? Du kommst ja daher wie ein Landstreicher!“

Viktor musste erneut die Trompete bemühen, diesmal allerdings klang sie aus einem anderen Grund rostig.

„Bea! Was tust du denn hier?“

Sie warf die Arme hoch und den Kopf in den Nacken. „Ich räume auf, Viktor! Weg mit den Wohlstandskleidern, hin zur Bequemlichkeit! Sieh mal, findest du, ich kann so etwas noch tragen?“

„Warum räumst du auf?“

Bea zog einen Schmollmund. „Na, ich dachte, es wäre beschlossene Sache! Wir gehen aufs Land und werden Bauern!“

Er griff nach ihr und zog sie in die Arme.

„Wir werden keine Bauern! Wir werden uns ein paar Bauern kaufen! Mieten! Züchten, wenn du willst. Wir werden Schlossherren! Ich werde alles mit Bötz & Co. einrichten. Überall weiche Stoffe, dicke Kissen, gedämpftes Licht. Kerzen, Fackeln, Petroleumlampen.“

Er küsste sie und zog ihr das Hemd von den Schultern. Ihre Hose zu öffnen, war nicht so einfach. Sie spannte ein wenig im Bund.

„Im Keller ein Kerkerloch, mit einer eisernen Gittertür davor. Da kommen die Köche hin, die das Essen versalzen und die Zofen, die dein Haar nicht ordentlich machen.“

Endlich half sie ihm dabei, den Knopf der Hose zu öffnen. Sie fielen aufs Bett und er zerwühlte ihr Haar. Dabei fiel ihm ein, wie er sie vor wenigen Wochen noch kräftig an den Haaren ziehen wollte. Da hatte sie auf dem Mäuerchen des Schlosses gesessen und über ihre schmerzenden Füße gejammert.

Wie sich alles verändert hatte seitdem! Hier lag sie unter ihm und juchzte in einer Tonlage, die er noch nie an ihr gehört hatte.

„Ja, Viktor, komm, erzähl mir von den bösen Köchen und den unartigen Gärtnerjungen! Was machst du mit ihnen, wenn du sie erwischst, wie sie deiner Frau beim Baden zusehen?“

Viktor wusste nicht, wie ihm geschah. Vielleicht war es doch nicht seine Bea, die er da in ihrem Schlafzimmer überrascht hatte? Er sah sie aufmerksam an, doch sie schien die Unterbrechung nicht zu bemerken.

Sie war wunderschön.

Das brachte ihn zurück in die Ekstase, und auch er wurde zu einer anderen Person, wurde zum Herrscher, der sich seine Freuden nach Gutdünken bestellen konnte.

So waren sie beide zufrieden.

Und so war es beschlossen: Sie würden das Schloss kaufen, aber vorher würde Viktor noch mal hinfahren und alles genau inspizieren.

„Weißt du, Liebes, immerhin ist es eine ungeheure Entscheidung. Nur du und ich, ganz alleine in der Wildnis, zusammen mit ein paar inzuchtgeschädigten Bauern.“

„Ach was. Wir holen uns einfach andere Leute. In der Gegend ist jeder froh, wenn ihm Arbeit angeboten wird, das weiß man doch.“

Ja, das wusste man, in der Tat. Und schließlich war Viktor nicht umsonst ein reicher und erfolgreicher Geschäftsmann: weil er auch mal ein Risiko einging.

Als Bea eingeschlafen war, starrte er noch ein wenig an die Zimmerdecke.

Er drehte sich zur Seite und fragte sich im Einschlafen, wer die rothaarige Jenny gewesen war, die ihm den Tee serviert hatte.