Jukki öffnete vorsichtig ein Auge

Jukki öffnete vorsichtig ein Auge, dann das andere, und dehnte seine Glieder. Sein Kopf brumte und er fror erbärmlich, deshalb war er wohl auch wach geworden.

Er versuchte, um sich herum etwas zu erkennen. Wo er sich befand, wusste er nicht, nur eines war ganz sicher: er lag nicht in Paulas Bett.

Ganz allmählich gewöhnten die Augen sich an die Dunkelheit, und er konnte eine ganze Menge von Leuten ausmachen, die um ihn herum auf dem Fußboden lagen.

Der Fußboden gehörte zu einem viereckigen Raum, und über ihnen war eine Zimmerdecke. Eine hohe Zimmerdecke. Nicht so wie bei Paula, wo man sich bei jedem Schritt vorsehen musste, weil vor allem die Türstürze so niedrig waren, dass man sich dauernd den Kopf stieß.

Es gab auch Fenster hier. Zwei Stück, durch Holzstreben in acht kleine Rechtecke geteilt. Da fiel schwaches Morgenlicht herein. Die Sonne müsste bald aufgehen.

Neben ihm bewegte sich jemand. Jukki tastete hinüber und fühlte Paulas Hand.

„Paula! Wo sind wir?“

Ihr unterdrücktes Lachen klang wie das Gluckern einer Kaffeemaschine.

„Wir sind im Gutshaus, Jukki! Erinnerst du dich nicht? Gestern bei der Versammlung ging es so hitzig zu, dass alle nach der dritten Kiste Bier beschlossen haben, das Gutshaus zu erobern und so dem Adel den Krieg zu erklären!“

Jukki hielt sich den dröhnenden Kopf. Allmählich dämmerte ihm, was am Abend vorher geschehen war. Sie hatten Revolution gespielt, so, wie Klein Fritzchen sich das wohl vorstellte. Lange Diskussionen, viel Gerede um nichts, Überlegungen, die so haarsträubend waren, dass man sich gar nicht daran erinnern mochte. Endlich hatte einer der Bauern eine Mistforke hervorgeholt und war auf das Scheunentor im rechten Seitenflügel zugestürmt. Das arme Tor hing ohnehin nur noch an einer Angel und gab angesichts der drückenden Übermacht von drei betrunkenen Männern mit ohrenbetäubendem Quietschen klein bei.

Die drei Männer – es handelte sich dabei um den Bauern, dessen Name Jukki entfallen war, um Malte, einer der beiden brotlosen Studenten, die den größten Teil des Tages mit Diskussionen über Nietzsche verbrachten, und um Jukki selbst – diese drei hatten anschließend das Gutshaus für erobert und den ausbeuterischen Besitzer für besiegt erklärt. Man würde sich später noch seiner annehmen.

Die Frauen hatten derweil frierend in einer Ecke zusammengesessen und darüber diskutiert, ob und falls ja wem man den Schaden am Scheunentor melden müsste und wer dafür gegebenenfalls aufkommen müsste. Paula hatte sich die Ohren zugehalten und war den Männern gefolgt.

Man hatte dann zunächst die Scheune inspiziert, was mangels elektrischem Licht nur zu unbefriedigenden Ergebnissen geführt hatte. Jemand brachte eine Fackel, und in dem unheimlichen Licht, jeder eine Flasche Bier in der Hand, waren sie von der Scheune ins Haupthaus geschlichen, jederzeit bereit, die adligen Horden mit ihrer Mistforke in Schach zu halten.

Im Haupthaus hatten sie dann ein Zimmer gefunden, das noch halbwegs intakt war: ein durchgehender Fußboden, der nicht in das darunter liegende Gewölbe zu stürzen drohte, sowie zwei unbeschädigte und verschlossene Fenster. Mit diesen beruhigenden Neuigkeiten waren sie zu den draußen Wartenden zurückgekehrt und hatten verkündet, man würde erst einmal eine Nacht über allem schlafen – „über alles“, hatte Jukki, der besser deutsch konnte als alle anderen zusammen, korrigiert – und dann würde man weitersehen. Ein paar Unentwegte hatten sich den erschöpften Kriegern angeschlossen und hatten Kissen und Decken in das Zimmer gebracht, das, obwohl unmöbliert, weit mehr Luxus bot als die Hütten der arbeitenden Klasse der näheren Umgebung.

Der Bauer hatte dann noch eine Flasche Kümmel unter dem Hemd hervorgeholt, wofür er umgehend mit einem Trullala belohnt wurde, und nachdem die Flasche mehrfach die Runde gemacht hatte, war man eingeschlafen in dem erhebenden Gefühl, etwas zur Beseitigung der Unterdrückung durch Unbefugte getan zu haben.

All das berichtete Paula flüsternd ihrem Jukki, der sich die meiste Zeit den Kopf hielt.

„Ich bin Finne und ich sollte eine Menge Alkohol vertragen. Aber so eine verrückte Gesellschaft habe ich noch nie erlebt. Das muss einem ja aufs Gemüt schlagen.“

Er zog die frierende Paula an sich und pustete ihr ins Haar. „Meine tapfere Amazone, und was machen wir jetzt? Setzen wir den Klassenkampf fort, oder gehen wir in dein Haus und dein Bett und lieben uns, dass die Matratze quietscht?“

Paula lachte so leise sie konnte und kuschelte sich in Jukkis Arm.

„Es kommt darauf an, was wir wollen, Jukki. Es kommt darauf an, ob es dir und mir wirklich um einen Klassenkampf geht.“ Sie sah ihm direkt in die Augen, inzwischen war es hell genug im Zimmer, dass sie seinen Blick finden konnte. „Ich glaube nämlich, dir geht es in erster Linie um den Hof.“

Jukkis Griff um ihre Schulter lockerte sich für einen Moment. Dann zog er sie noch fester an sich und flüsterte in ihr Ohr: „Und was wäre falsch daran? Dieses Haus verfallen zu lassen, ist eine Schande, für den Adel und für die Klassenkämpfer und für die gesamte Menschheit. Also lass uns etwas dagegen unternehmen! Und deine Sinnsucher hier, denen würde es gut tun, einmal weniger nachzudenken und dafür mehr zu handeln!“

Da sie sich in diesem Punkt einig waren, beschlossen sie, erst einmal nach Hause zu gehen und starken Kaffee zu kochen. Den füllten sie in alle Kannen und Gefäße, die sie finden konnten, und trugen diese zurück zum Gutshaus.

Ein Dorfbewohner nach dem anderen fand sich vor dem imposanten Gebäude ein, angelockt von dem duftenden Morgenkaffee. Auch die tapferen Kämpfer der Nacht fanden allmählich ihre Lebensgeister wieder.