Es regnete in Strömen (II)

Es regnete in Strömen.

Viktor saß am Schreibtisch und starrte die Hertha-Uhr an.

Ich habe nicht gewusst, dass ich dermaßen reich bin. Allein unser Privatvermögen würde ausreichen, um das Schloss zu kaufen.

Allerdings haben wir dann ein Schloss, und das war’s dann. Wir brauchen Geld, um etwas daraus zu machen. Und dafür muss ich die Firma verkaufen.

Laut den Unterlagen von Schimmel würde der Verkauf der Firma einen zweistelligen Millionenbetrag einbringen. Davon ließe sich mühelos ein Schloss renovieren, notfalls auch zwei. Aber was soll ich mit zwei Schlössern?

Eins für mich und eins für Bea! Haha, das wäre mal ein originelles Geschenk. Liebling, mach die Augen zu, ich hab eine Überraschung für dich!

Aber jetzt mal im Ernst: will ich wirklich die Firma verkaufen? Bötz & Co., gegründet von meinem Großvater, weitergeführt von meinem Vater? Mein Kinderzimmer, meine Wohnstube, alles, was ich kann und gelernt habe? Ich habe sie von meinen Vätern übernommen, und ich habe mit meinen Pfunden gewuchert. Wie steht sie heute da, Bötz & Co., mit Handelspartnern in der ganzen Welt?

Andererseits: vererben kann ich sie ohnehin nicht. Und somit nehme ich nur vorweg, was nach meinem Tod ohnehin passieren wird. Mit dem feinen Unterschied, dass ich jetzt noch was davon habe.

Einfach ist es trotzdem nicht. Wie wird man eigentlich Schlossherr? Kann man das lernen? Oder hat man das im Blut?

Ich gehe jetzt was essen. Das wird mich auf andere Gedanken bringen.

Er sah aus dem Fenster. Der Dauerregen trug nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu heben.

„Helga, kommen Sie mit? Ich gehe zu Tisch.“

Helga sah erstaunt von ihrem Schreibtisch auf. „Sie gehen zu Tisch, und Sie fragen, ob ich mitkomme? Na klar, gerne komme ich mit! Moment, muss grade noch diese E-Mail rausschicken.“

Sie tippte ein paar Sätze, klickte auf der Maus herum und nahm dann ihren Schirm.

Draußen wandten sie sich nach links und liefen unter Helgas Schirm die Straße hinunter bis zur U-Bahn und stiegen in die Linie 2 Richtung Ruhleben. Am Wittenbergplatz stiegen sie aus, weil Helga sagte, sie wollte ihm was Besonderes bieten.

In einer kleinen Seitenstraße betraten sie ein gemütliches Lokal mit braunen Holztischen und lederbezogenen Stühlen.

„Das ist mal was anderes als Ihre ewigen Tomaten-Sandwiches, Chef! Hier kriegen Sie gute Hausmannskost. Den Koch kenne ich persönlich.“

Da kam der Koch auch schon aus der Küche. „Helga, mein Schatz! Das ist aber schön, du hast jemanden mitgebracht.“

„Papa, das ist Viktor Bötz, mein Chef. Chef, das ist mein Papa!“

Sie sah stolz aus, und Viktor schämte sich ein bisschen. Er hatte sich nie besonders für seine Sekretärin und ihr Privatleben interessiert. Warum auch. Er war nicht der Typ, der was mit seiner Sekretärin anfing. Eher schon mit dem Hausmädchen.

Was ein Psychologe wohl davon halten würde? Vielleicht liegt’s an meiner Vorliebe für das Orientalische. Bequem will ich’s zuhause haben. Im Geschäft sind allzu enge Bindungen nur hinderlich.

„Entschuldigen Sie, Helga, was haben Sie gesagt? Ich war gerade abgelenkt.“

„Ich sagte, nehmen Sie den Sauerbraten, Chef. Rheinisch. Papas Spezialität.“

Viktor sah von ihr zu ihrem Papa und zurück. Sie sahen sich ähnlich, die beiden. Die Locken musste sie von ihm haben. Und die knubbelige Nase, die bei ihr mädchenhaft, bei ihm schelmisch wirkte.

„Klar nehme ich den Sauerbraten. Rheinisch mag ich ihn am liebsten!“

Beate könnte auch mal wieder Sauerbraten machen. Oder machen lassen, das ist mir egal. Vielleicht könnten wir im Schloss eine Köchin einstellen.

Wir brauchen Personal, darüber habe ich ja noch gar nicht nachgedacht. Jede Menge sogar. Was hat man denn in Schlössern so an Personal? Butler, Gärtner, Chauffeur. Köchin, Hausmädchen, Zofe. Du liebe Zeit. Ich muss noch ein Geschäft eröffnen, dann kann ich noch eines verkaufen.

„Helga, Sie müssen mir verzeihen, wenn ich unaufmerksam bin. Ich schlage mich mit einer wichtigen, mit einer lebenswichtigen Entscheidung herum. Vielleicht können Sie mir sogar dabei helfen.“

Helga sah ihm neugierig ins Gesicht. „Ich habe schon kurz nach Ihrer Rückkehr aus dem Urlaub bemerkt, dass mit Ihnen was nicht stimmt, Chef. Sie wirken dauernd so abwesend. Träumen vor sich hin. Als hätten Sie in Mecklenburg was gefunden, womit Sie den Rest Ihres Lebens verbringen wollen.“

Viktor staunte. „Ich habe Sie unterschätzt, Helga. Aber vermutlich bin ich ziemlich leicht zu durchschauen. Meine – meine Frau sagt das auch oft.“

Sie stießen mit den Kölschgläsern an, die der Wirt inzwischen vor sie hingestellt hatte.

„Sehen Sie, Helga, ich wusste nicht einmal, dass Sie aus Köln stammen. Ich weiß überhaupt wenig über meine Mitarbeiter. Das muss in Zukunft anders werden.

Ich habe tatsächlich etwas gefunden, das mir den Rest meines Lebens versüßen soll. Ich möchte ein Schloss kaufen.“

Helga verschluckte sich fast an ihrem Bier. „Ein Schloss? Papa, bring uns noch zwei Bier! Ein Schloss. Junge, Junge. Sie langen gleich richtig hin, was, Chef? Ich hätte jetzt auf eine Jacht getippt oder so was. Ein richtiges Schloss, ja? Mit Stallungen und einem Butler? Vielleicht sogar ein Gespenst?“

Viktor lachte über die Phantasie, die sie an den Tag legte. Was für ein nettes Mädchen! Ein bisschen naiv allerdings. Diese Rosamunde-Pilcher-Fragen, die sie ihm da stellte. Nicht seine Kragenweite.

„Tja, so sieht’s aus, Helga. Ein Schloss. Ohne alles. Kein Butler, kein Stall, kein Chauffeur. Jedenfalls vorläufig noch nicht. Und es ist auch nur ein ganz kleines Schloss. Eher ein komfortables Herrenhaus.“

Der Wirt brachte zwei Portionen Rheinischen Sauerbraten, und beide langten herzhaft zu. Wirklich hervorragend, dachte Viktor, und er sagte es auch laut, vor allem, weil Helgas Vater abwartend neben ihm stand.

Später bestellten sie Kaffee und setzten das Gespräch fort.

„Aber Chef“, fing Helga an, „nicht dass Sie denken, ich wäre vorlaut oder so. Aber haben Sie sich das wirklich gut überlegt? Sie, mitten in der Wildnis, wie Sie sagen; allein in einem Schloss, nur Sie und Ihre Frau?“

Viktor lachte, dass seine Tasse auf und ab hüpfte und der Kaffee auf die Tischplatte tropfte.

„Das haben Sie aber schön gesagt, Helga. Nur ich und meine Frau. Mitten in der Wildnis. Das ist ja genau das Problem. Halten wir das aus, wir beide? Ich liebe meine Frau, nicht dass Sie das falsch verstehen.“ Und im Grunde geht es dich ja auch gar nichts an, Kindchen. Viktor, was ist nur in dich gefahren?

Er winkte dem Wirt, um die Rechnung zu verlangen, aber erwartungsgemäß lehnte der ab. „Nein, nein, Herr Bötz. Sie sind heute mein Gast. Der Chef meiner Tochter! Diese Ehre passiert mir ja nicht alle Tage.“

Viktor dankte und legte einen Schein unter den Bierdeckel. Beim Aufstehen sagte er: „Wissen Sie, Helga, Sie haben mir gewaltig geholfen. Ich werde weiter intensiv über diese Idee nachdenken. Und solange ich das tue, müssen Sie sich auch keine Sorgen um Ihren Job machen!“

„Ach, da haben Sie mal keine Angst, Chef. Das mach ich so oder so nicht. Zur Not komme ich immer hier bei meinem Vater unter!“

Viktor dachte bei sich, dass sie doch ganz schön vorlaut war, auch wenn sie es gut meinte.

Bea und ich. Ganz allein am See. Mit ein paar möglicherweise halbblöden Bauern in der Nachbarschaft. Inzucht und solches Zeug. Hört man ja immer wieder.

Ich werde mir ein paar Tage frei nehmen und noch mal hinfahren.