Es regnete in Strömen

Es regnete in Strömen.

Paula stand am Fenster und starrte in die Welt.

Worauf habe ich mich da eingelassen? Was ist los mit mir? Bin ich ein kleines dummes Ding, ein hilfloses Weibchen, das den erstbesten Finnen in sein Bett holt und sich von ihm die Welt erklären lässt?

Der Gutshof steht da nicht erst seit voriger Woche. Der steht da seit Urzeiten, und ich hatte selbst die Idee, ihn aufzubauen und der Gegend ein Bild und einen Sinn zu geben. Aber ich hatte nicht die Energie dazu. Ich habe Angst vor den Bauern. Angst vor den anderen, die hier wohnen. Paula will uns sagen, was wir tun sollen? Die soll doch erst mal sehen, dass sie ihr eigenes Leben auf die Reihe kriegt.

Mein eigenes Leben. Als da wären: zehn Kilo Übergewicht, keine Familie, kein Geld, keine Talente.

Jukki hat zehn Kilo Untergewicht, keine Familie, kein Geld und höchstens ein Talent: er behält immer das letzte Wort. Und er überzeugt.

Sie wandte den Blick weg vom Fenster, weil ihre Füße nass wurden. Das Wasser, das sie zum Spülen eingelassen hatte, lief über den Rand des Spülbeckens und auf den Fußboden.

„Na herzlichen Glückwunsch, Paula. Siehst du, das ist dein Leben. Du vergrübelst die Zeit und währenddessen steht dir das Wasser bis zu den Fußknöcheln!“ Wenigstens konnte sie noch über sich selbst lachen.

Jukki betrat die Küche und wollte wissen, warum sie so lachte.

„Ach, weißt du, ich lache immer, wenn es regnet. Dann freut sich mein Garten.“

Sie hatte keine Lust, ihn in ihre Selbstzweifel einzuweihen, denn so gut kannte sie ihn inzwischen: er würde eine Antwort finden, die ihr kein bisschen weiterhalf, und er würde sich umdrehen und schwimmen gehen.

Paula, bleib sachlich. Lass es auf einen Versuch ankommen. Heute Abend ist wieder Hofversammlung, falls es bis dahin aufhört zu regnen. Und dann kannst du beweisen, ob du Jukkis Theorien in die Praxis umsetzen kannst oder nicht.

Weiter kam sie nicht mit ihren Gedanken. Jukki half ihr beim Aufwischen. Dazu fiel ihr nichts ein.

Umso mehr Mühe gab sie sich später, ihm einen entspannten, genussvollen Nachmittag zu bereiten, und umso mehr ärgerte sie sich über sich selbst. Denn sie fragte sich zum soundsovielsten Mal, wieso sie immer und immer wieder in diese Dankbarkeitsrolle schlüpfte. Er hatte ihr beim Aufwischen geholfen, na und?

Endlich wurde es Zeit, zur Versammlung zu gehen. Es hatte tatsächlich aufgehört zu regnen, und sie nahmen ihre Stühle und wanderten den matschigen Weg entlang zum Gutshof.

Jukki stellte seinen Stuhl dicht neben ihren und legte ihr den Arm um die Schulter. Das flauschige Gefühl, das ihr durchs Herz zog, versuchte sie vergeblich zu sperren.

„Hallo Peggy! Schön dich zu sehen. Wie geht’s deinen Hühnern? – Anna! Ich habe mich den ganzen Tag gefragt, ob du heute zum Spielen gekommen bist, bei dem Dauerregen! Du hast im Regen gespielt? Draußen? Davon musst du uns später erzählen! – Grüß dich, Malte! Und Jochen! Seid ihr durch den See geschwommen? Ihr seid ja völlig durchnässt!“

Sie begrüßte die anderen, als würde sie Audienz halten. Eine alberne Vorstellung: Sie, Paula, die als Gutsherrin ihre Untertanen willkommen hieß. Und doch – ein Gefühl der Behaglichkeit wärmte sie. Ob Jukki recht hatte? Blaues Blut in ihren Adern, zum Herrschen geboren?

Jukki stand auf. „Hallo alle! Und willkommen, wie an jedem Abend! Eine Woche bin ich jetzt hier, und immer noch ist dieser Brauch ungewöhnlich für mich. Er macht mir Freude, und ich hoffe, ich mache euch auch Freude.“

Paula sah an ihm empor; mühelos hatte er die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, und mühelos hatte er allen das Gefühl gegeben, sie müssten ihm dankbar sein, anstatt umgekehrt.

Wie macht er das nur? Er ist ein dünner, schlaksiger blonder Kerl, der manchmal nicht besonders gut riecht. Aber außer mir weiß das ja niemand. Trotzdem. Es ergibt keinen Sinn. Er hat noch keinen Handstreich getan, seit er hier ist. Er fragt mich dauernd aus, nach den anderen. Ich hab schon langsam das Gefühl, ihnen Abbitte leisten zu müssen; ich habe soviel über sie preisgegeben.

Andererseits: Was weiß ich schon über sie? Nur das, was ich Jukki über sie erzählt habe.

Nanu, die Bauern kommen. Hat er das arrangiert? Ohne mein Wissen? Er weicht mir doch keinen Moment lang von der Seite. Er ist ein Rätsel. Vielleicht sollte ich ihn nehmen als das, was er ist: Ein Rätsel, das verdammt viel Spaß macht im Bett.

Unwillkürlich lachte sie auf, so dass alle zu ihr hinsahen.

„Ach, entschuldigt bitte. Mir ist gerade etwas durch den Kopf gegangen. Das war lustig.“

„Und dabei regnet es gar nicht!“ Jukki grinste sie verschwörerisch an. „Erzähl uns davon, Paula! Etwas Lustiges können wir alle gebrauchen!“ Er streckte ihr die Hände entgegen, und wie immer hatte sie das Gefühl, er würde sie durchschauen und wüsste genau, worüber sie so unverhofft gelacht hatte.

„Nein, lass gut sein, so wichtig war es nicht.“ Sie stand ebenfalls auf und ignorierte die erstaunten Blicke. Ihre Worte hatten härter geklungen, als sie gemeint waren.

„Ihr Lieben, wir möchten euch einen Vorschlag machen. Jukki hat schon an seinem ersten Abend die Idee in die Welt gesetzt. Das Gutshaus. Hier steht es, leer, halb verfallen, mit einem verschimmelten Dach. Außen herum leben wir. Die einen bestellen das Land, die anderen sorgen sich um ihr Seelenheil.

Wenn wir nun alle zusammen anpacken und tatsächlich das Gutshaus zu neuem Leben erwecken, aber ohne den Geist der Herrschaft eines einzelnen, der ihm anhaftet. Wenn wir ein gemeinschaftliches Werk schaffen, wenn wir unser Experiment vom einzelnen weg zur Gesellschaft hintragen würden, was meint ihr dazu? Auch wenn es nur eine kleine Gesellschaft ist, so könnten wir doch etwas Großes ins Leben rufen.“

Sie brach ab, weil sie das Gefühl hatte, zu pathetisch geworden zu sein. „Ich danke euch.“

Jukki stand auf und begann zu klatschen. Nach einer Weile erhoben sich auch die anderen und klatschten ebenfalls. Es war wie neulich abends, als sie Jukkis Idee beklatscht hatten. Nur galt der Applaus heute ihr, Paula. Und heute waren sie aufgestanden, von ihren Stühlen und Bänken und Hockern.

Paula fühlte sich leer.

Dann wurde es still, und einer der Bauern meldete sich zu Wort. „Wem gehört denn das Anwesen? Habt ihr darüber schon nachgedacht?“

Das hatten sie natürlich nicht. Paula war froh, dass jemand die Stimmung so schnell wieder auf den Boden zurückgeholt hatte. Große Worte waren eine Sache; die praktische Ausführung eine andere.

„Nein, aber wir werden uns erkundigen. Lasst uns eine Liste von Fragen erstellen, die geklärt werden müssen, was haltet ihr davon?“

„Das ist eine gute Idee, aber vorher sollten wir abstimmen, ob wir das Projekt überhaupt in Angriff nehmen wollen. Wer dafür ist, der hebe die Hand.“

„Nein! Viel wichtiger wäre es, zunächst ein paar Argumente zu sammeln! Was kostet mich das Ganze?“ – „Ja, genau! Und wer soll welche Arbeit übernehmen? Gibt es einen Hauptverantwortlichen?“ – „Sind wir überhaupt ausreichend versichert?“

Paula stützte den Kopf in die Hände und hatte das Gefühl, das Projekt wüchse ihnen schon über den Kopf, bevor sie auch nur einen Nagel irgendwo eingeschlagen hatten. Jemand legte ihr eine Hand auf die Schulter, und sie sah auf, in der Annahme es wäre Jukki.

Es war nicht Jukki, es war der Bauer, der zuerst das Wort ergriffen hatte.

„Nicht den Kopf hängen lassen, mein Mädchen. Sie machen das schon! Sie sind ein patentes junges Ding. Uns haben Sie auf ihrer Seite. Sie müssen nur Ihre Theoretiker da überzeugen!“