Beate hatte ihren freien Tag

Beate hatte ihren freien Tag. Das hieß: Lange schlafen und von Viktor ein Tablett mit Kaffee und einem Butterhörnchen ans Bett, bevor er das Haus verließ. Dann zwei Stunden im Badezimmer. Ein heißes Bad mit Rosmarinöl; Nagelpflege; Beine rasieren. In ihrem Balkonzimmer las sie anschließend das Feuilleton der Tageszeitung und freute sich, dass der Rezensent die Inszenierung von „Kabale und Liebe“ ebenfalls scheußlich gefunden hatte, wenn auch aus anderen Gründen als sie.

Mittags kam das Mädchen, im Moment war es eine Französin mit dem hübschen Namen Natalie. Das veranlasste Beate, das Haus zu verlassen und shoppen zu gehen.

„Vergessen Sie nicht die Rahmen, wenn Sie die Fenster putzen! Alle Ihre Vorgängerinnen haben immer die Rahmen vergessen.“

Sie nahm die U-Bahn in Richtung Innenstadt. Beate liebte die U-Bahn und konnte das Jammern der übrigen Berliner nicht nachvollziehen. Viktor hatte einmal versucht, ihr den Unterschied zwischen einer U-Bahn-Fahrt morgens um halb sieben und einer U-Bahn-Fahrt mittags um eins zu erklären, war aber kläglich gescheitert.

Sie stieg in der Kurfürstenstraße aus und wandte sich hinüber zum Krantzler. Eine Tasse heiße Schokolade, das war genau das, was sie jetzt brauchte. Es war wieder kühler geworden, nachdem der April bis kurz vor Ostern so herrlich gewesen war.

Gerade wollte sie die Straße überqueren, als ihr Blick auf einen kleinen Buchladen fiel.

Da hing ein Bild im Schaufenster, von dem sie magisch angezogen wurde.

Sie ging näher heran und betrachtete das Plakat. Woran erinnerte sie diese Landschaft?

Es war ein Farbfoto aus der Vogelperspektive. Halb schräg von oben, als sei der Vogel im Sturzflug darauf zugekommen, um gerade noch rechtzeitig nach links abzubiegen. Ein See, genauer gesagt ein halber See. Das jenseitige Ufer war vom Bildrand abgeschnitten. Am hiesigen Ufer ein Schloss. Eher ein Schlösschen, ziemlich heruntergekommen. Ein Fußweg führte darauf zu, halb überwuchert von Gras. Rechts und links Bäume, eine Mini-Allee, höchstens vier, fünf Bäume, Kastanien mussten das sein.

Logisch, in allen Schlössern der Welt sind es Kastanien, die den Weg vom Parktor zum Schlosstor beschatten. Und dort war es auch so gewesen. In Anderdorf.

Jetzt wusste sie wieder, woran das Bild sie erinnerte. Sie hatte diesen Abend völlig aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Die Schuhe hatte sie am selben Abend noch weggeworfen, als sie endlich wieder im Hotel angekommen waren und sich vor dem Kamin aufwärmten.

„Jens, du hattest völlig recht“, hatte Viktor später zu ihrer neuen Bekanntschaft gesagt. „Ein Traum ist das! Ich fahre morgen gleich noch mal bei Tageslicht hin“, hatte er geschwärmt, während er den Bordeaux gegen das Licht hielt, um die Farbe zu prüfen. Sie hatte ihn entsetzt angeschaut.

„Du willst wirklich noch mal dorthin? Hast du immer noch nicht genug von dieser Schnapsidee? Dann mach das alleine, Viktor, mein Schatz. Ich will damit nichts zu tun haben. So ein Unfug. Diese Ruine, mitten in der Einöde. Bestimmt hausen lauter Verrückte in den Häusern rundum. Da hat sich doch kein Mensch blicken lassen, um mal zu hören, wer sich so spät noch draußen herumtreibt! Stell dir mal vor, wir wohnen da, und dann kommen ein paar Spinner vorbei und brechen die Tür auf, ermorden uns im Schlaf, zerstören die ganze Einrichtung! Und dann kommt niemand uns zu Hilfe! Nein, ohne mich.“

Viktor hatte gewartet, bis sie fertig war. „Aber es hat dir doch auch gefallen, oder nicht? Weißt du nicht mehr, der Balkon?“

Und dabei hatte er sie allen Ernstes in die Wange gekniffen.

Nein, nein. Sie wolle von Schlössern in der Mecklenburger Einöde genauso wenig wissen wie von Steinhäusern in den Pyrenäen, auch wenn das Ehepaar Heincke noch so überzeugend in seiner Begeisterung gewirkt haben mochte.

Sie riss sich von der Aufnahme los und ging nun wirklich hinüber ins Café Krantzler. Mehr denn je hatte sie Lust auf eine Tasse heißer Schokolade.

Doch das Bild ließ ihr keine Ruhe. Jetzt geriet sie ins Grübeln darüber, ob es wirklich dasselbe Schloss an demselben See gewesen war, und wenn ja, warum.

Dann sah sie die Zimmerfluchten wieder vor sich. Im ersten Stock, links von der Freitreppe, das hatte noch immer die Eleganz der Bel Etage ausgestrahlt; die Räume in hellen, femininen Tönen.

Wenn ich Sylvia dorthin einladen könnte. Und Bettina. Die vor allem. Mit ihrer popeligen Kaschemme in Mitte. ‚Man wohnt jetzt in Mitte’. Na, bitteschön. Wir wohnen in Zehlendorf. Das war immer gut genug für uns. Bestimmt hat Bettina die Aufführung von ‚Kabale und Liebe’ gefallen. So was mag sie. Wenn die Schauspieler sich für sie zum Deppen machen. Auf der Bühne rumkriechen wie geile Sexprotze. Und dann die Laute, die sie von sich gegeben haben. Vom Text hat man kein einziges Wort mehr verstanden.

Was für einen süßen Hintern der Kellner da hat.

Im Schloss könnte man wohl auch Theateraufführungen veranstalten. Natürlich nicht so was. Konzerte vielleicht.

Ob der schwul ist, der mit dem süßen Hintern?

Beates Gedanken drehten sich immer schneller im Kreis. Sie öffnete den obersten Knopf ihrer Bluse, denn ihr wurde auf einmal schrecklich heiß.

Ich könnte natürlich auch etwas mit den Händen tun. Tomaten ziehen, töpfern, diese Dinge. Karin erzählt ja immer ganz tolle Sachen von ihren Ferien auf Island. Wir könnten einen Gärtner einstellen. Einen jungen Gärtner. Mit einem knackigen Hintern.

Es wurde zuviel. Sie stand auf, bestimmt hatte sie einen hochroten Kopf. Jeder konnte sehen, worum ihre Gedanken kreisten, und bestimmt, nein, hoffentlich, würde dieser knackige Kellner ihr jetzt auf die Toilette folgen und – „Beate!“

Sie krampfte beide Hände um ihre Handtasche. „Karin! Das ist aber eine Überraschung!“ Ich klinge schrill. Mein Gott, ich muss sofort hier raus, ich halte das nicht aus.

„Ja, da staunst du, nicht? Ich wollte ja schon längst abgereist sein. Diesmal hatte ich ja Finnland gebucht, du erinnerst dich. Aber ich musste alles absagen, wegen Mutter.“

Beate setzte sich wieder und guckte besorgt. „Deine Mutter? Ist sie krank?“

„Aber nein, es geht ihr gut. Sie kriegt nur nächste Woche die Lieferung. Du weißt schon, die neue Wohnzimmergarnitur. Und es ist niemand da, der ihr hilft.“

„Sind denn keine Möbelpacker dabei?“

Karin gackerte wie eine Henne, die gerade ein Ei gelegt hat. „Aber natürlich, hineintragen muss sie die Möbel nicht. Aber das Ausrichten, die harmonische Gestaltung des Raumes, du weißt doch. Sie ist so unpraktisch in solchen Dingen.“

Beate hielt immer noch ihre Handtasche fest und stand dann abrupt auf.

„Liebes, sei mir nicht böse, aber ich muss jetzt los. Viktor kommt bald nach Hause, und wir sind heute Abend in der Oper. Es gibt noch tausend Dinge zu erledigen. Bis bald!“ Sie küssten einander an den Ohren vorbei und Beate rannte fast aus dem Lokal.

Weg von hier. Weg von Karin, weg von dem Kellner, und hinaus in mein Schloss, war alles, was sie denken konnte, als sie den Kurfürstendamm wieder überquerte und von neuem vor dem Bild stehen blieb.

Erleichtert stellte sie fest, dass es nicht ihr Schloss sein konnte. Es hatte keinen Balkon, hinten raus.