Erzähl mir von allen

„Erzähl mir von allen, die abends im Hof sitzen“, bat Jukki. Er lag mit Paula im Bett, ein Platz, den er gleich am ersten Abend bezogen hatte. Alle fanden das völlig in Ordnung. Er war Paula zugelaufen, und nun kümmerte sie sich um ihn.

„Puh, was soll ich dir von ihnen erzählen? Peggy ist die Dünne mit der Baskenmütze. Sie sitzt immer ganz hinten, sagt fast nichts, vielleicht ist sie dir noch gar nicht aufgefallen.“

„Doch, ist sie. Ich wusste gleich, dass das die Frau sein muss, die das Glück sucht.“

Paula lachte, dass ihr Bauch wackelte, auf dem Jukkis Kopf lag.

„Da könntest du recht haben. Sie sieht wirklich aus, als könnte sie ein wenig Glück gebrauchen. Ich glaube, sie ist erst zwanzig, woher sie kommt, weiß keiner. Sie trägt jeden Tag dasselbe Kleid in einer anderen Farbe.“

„Du meinst, sie trägt das gleiche Kleid.“

Paula überlegte. „Ja, natürlich. Das gleiche Kleid. Derselbe Schnitt, ein anderes Stück. Verschiedene Farben. Dunkelblau, dunkelgrün, dunkelrot. Sogar das Gelbe ist irgendwie dunkel.

Sag mal, Jukki, wie kommt es, dass du so gut deutsch sprichst?“

Jukki knabberte an ihrem Bauchnabel. „Ach, du weißt doch, wir Finnen. Wir sitzen den ganzen Tag im Kalten und Dunklen und haben nichts zu tun. Manche trinken, manche lernen. Jetzt erzähl weiter“, sagte er, um sie abzulenken, und fing an, ihre Schenkel zu streicheln.

Paula zog die Beine an und konzentrierte sich wieder auf die Hofrunde.

„Als nächstes haben wir Anna und ihren alten Herrn. Benisch wohnt schon immer hier, und Anna ist hier geboren. Eine Künstlerfamilie. Anna spielt Cello, und ihr Vater malt. Er malt wirklich gut, seine Galeristin aus Neu-Strelitz holt regelmäßig seine neuen Sachen ab. Anna ist nicht glücklich. Sie hat in Schwerin Musik studiert und spielt im Landesorchester. Wunderschön spielt sie, das sagen alle, außer ihr selbst. Die Musik käme nicht aus ihrem Inneren, sagt sie. Sie hofft, in der Einsamkeit und unten am See findet sie die Musik in ihrem Inneren wieder.“

Jukki veränderte seine Position, legte seinen Kopf in ihre Armbeuge und kam mit der streichelnden Hand immer höher.

„Ja, und ihr Vater, das ist der liebenswerteste alte Herr, den ich kenne. Grantelt den ganzen Tag vor sich hin, aber wenn du seine Bilder siehst, dann wird dir ganz froh ums Herz.“

Jukki hob den Kopf und sah sie an. Er lächelte spöttisch. „Dir wird froh ums Herz? Wenn du alten Männern beim Malen zuschaust? Pass auf, was ich mache, dann wirst du richtig froh!“

Er rollte über sie und schob sich tief in sie hinein. Paula, die zuletzt nur mit Mühe über ihre Mitbewohner sprechen konnte, stieß einen kleinen Schrei aus und bewegte sich unter ihm, so dass er es bequem hatte.

Sie rollten auf dem Bett herum, und sie redeten weiter und plauderten und verstanden nichts, von dem was sie sagten, und der Mond stand direkt vor dem Fenster und sah ihnen zu.

Etwas passierte mit ihnen, sie trieben sich gegenseitig an, als gelte es, ein Rennen zu gewinnen, sie riefen sich beim Namen und Paula krallte ihre Finger in seinen Rücken und er biss sie in den Nacken, und dann kamen sie beide zu einem Höhepunkt, dessen Wellen der eine beim anderen spüren konnte.

Paula atmete schnell und keuchend, ihre Brust hob sich und senkte sich ohne Pause. Sie starrte blind an die Decke und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war.

„Jukki, was ist da gerade passiert? So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Jukki lag neben ihr, nur seine Hand berührte sie noch. „Ich auch nicht, ich auch nicht.“ Mehr deutsch fiel ihm im Moment nicht mehr ein.

Es dauerte lange, bis sie sich beruhigt hatten, und dann fing Jukki wieder an zu sprechen. Er sammelte seine deutschen Wörter in seinem Kopf und es gelang ihm, klare Sätze zu formen.

„Paula, ich glaube, das ist ein Zeichen. Sieh mal, der Mond. Der schaut direkt hier ins Fenster. Und dahinten, links unten im Rahmen, da kann man das Gutshaus sehen. Ein Stückchen vom Wirtschaftsgebäude.

Paula, was ich am ersten Abend gesagt habe, war kein Quatsch. Wir haben danach nicht mehr davon gesprochen, es war, als hätten wir am ersten Abend ein Theaterstück aufgeführt. Ich will kein Theater spielen. Ich will das Gutshaus aufbauen, und dann können wir alle gut hier leben und eine Gemeinschaft bilden.“

Paula kuschelte sich an ihn heran, ihre Hand strich sanft über seine Brust.

„Ich weiß, Jukki. Ich weiß, dass du kein Theater spielst. Wir werden das machen. Wir haben hier alle überhaupt kein Geld, aber wir können zusammen arbeiten, und dann werden wir das Gutshaus zu einem Prunkstück machen.“

„Lass uns morgen Abend beim Treffen den anderen davon erzählen. Du kannst das gut, du bist eine gute Rednerin.“

„Ach, du bist ein Dummkopf, Jukki. Du weißt gar nichts über die Menschen hier. Die hören einer wie mir nicht zu.“

„Einer wie dir? Was soll das denn heißen?“

Paula überlegte. „Weißt du, es gibt die Leute, von denen ich dir schon ein paar vorgestellt habe. Peggy, Anna, Annas alter Herr. Dann sind da noch Viola und Günther, das verrückteste Ehepaar, das ich je gesehen habe –„

„Wieso?

„Hast du sie nicht gesehen? Viola der Panzer und Günther die Haselmaus?“

Jetzt lachte Jukki. „Die beiden? Auf der kleinen Bank gleich vorne? Viola saß mit gefalteten Händen, wie bei einer Andacht. Und Günther sah aus, als würde er schlafen.“

„Genau, die beiden. Er schreibt an einem Buch. Seine Leidenschaft ist die Religion, das hab ich dir ja schon am ersten Abend erzählt. Er versucht, die drei abrahamitischen Religionen unter einen Hut zu bringen. Die Zukunft, sagt er, liegt bei Abraham.“

Jukki biss in sein Kissen. „Das ist wirklich ein verrückter Haufen, der hier zusammenlebt. Aber jetzt sag mir, warum meinst du, die würden dir nicht zuhören?“

Paula setzte sich auf und umschlang ihre Knie. „Die vielleicht schon. Aber die können ja auch kein Gutshaus renovieren. Die können daneben stehen und sagen: ‚Das sieht nicht aus, als ob es lange halten wird!’ Wir brauchen richtige Arbeiter für diese Aufgabe. Und die Bauern, die außer uns noch hier leben, die werden nie im Leben mitmachen. Die haben ganz andere Sorgen. Und sie verachten uns.“

Jukki streichelte im Liegen ihren Rücken. „Das glaube ich nicht. Wir machen eine Versammlung. Da sollen auch die Bauern kommen. Dann schauen wir sie uns an, und dann sagen wir ihnen: Wir können alle zusammen etwas Neues schaffen. Eine neue Welt. Da kann jeder finden, was er sucht: die Musik, die Religion, das Glück.“

Paula drehte sich zu ihm um, ihr Blick sagte ihm, dass er sie nicht überzeugt hatte. „Du kannst es ja mal versuchen. Morgen Abend. Aber bis dahin ist noch viel Zeit!“ Mit diesen Worten beugte sie sich zu ihm hinunter und begrub ihn unter ihren Küssen.

Er brachte es trotzdem fertig, das letzte Wort zu haben: „Pass auf Paula! Denk an meine Worte! Du und ich, wir schaffen es. Wir sind bestimmt dafür.“