Viktor legte den Füllfederhalter aus der Hand

Viktor legte den Füllfederhalter aus der Hand. So ging das nicht weiter.

Er sah zu der Uhr mit dem Hertha-Emblem, die an der Wand gegenüber hing – ein Geschenk seiner Mitarbeiter zu seinem fünfzigsten Geburtstag – und stand auf. Viertel nach zwölf. Kein Wunder, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Zeit zum Mittagessen.

Beim Hinausgehen griff er nach seinem Sommermantel. „Helga, ich bin zu Tisch. Falls Bimböse sich meldet, sagen Sie ihm, ich will morgen die geänderte Präsentation auf dem Tisch haben. Er soll mich nicht wieder vertrösten. Wird ja langsam albern, das Ganze.“

„Ist gut, Chef. Denken Sie an den Termin mit Schimmel, heute Nachmittag, vier Uhr? Er erwartet Sie im Adlon.“

„Logisch, im Adlon. Er weiß ja, dass ich die Rechnung übernehme. Der alte Knauser.“

Er verließ das neue Gebäude am Potsdamer Platz. Erst vor einem halben Jahr war die Firma hierher gezogen. Bötz Co., Textilwaren. Seit der Gründung durch Viktors Großvater hatten sie das Kontor in Steglitz gehabt. Jetzt musste es der Potsdamer Platz sein. Viktor war immer noch nicht sicher, ob das eine gute Entscheidung gewesen war.

Ein Taxi brachte ihn ins Hauptlager, das nach wie vor in Steglitz an der Schlossstraße lag. Bis heute war das Befühlen, Befingern, Beriechen der Stoffbahnen und Teppiche seine Inspiration, sein Lebenselixier.

„Tag, Chef“, begrüßte ihn Weber, sein Lagerleiter. „Was machen die Geschäfte?“

„Das müssen Sie doch am besten wissen, Weber. Ich wollte mir die Lieferung ansehen.“

Weber führte ihn nach hinten, in den Raum mit den Stichproben der Gesamtlieferung. Dass er als Lagerleiter eines Textilgroßhändlers den Namen Weber trug, darüber lachten in der Firma nur noch die Lehrlinge.

Er schloss hinter dem Chef die Tür und ließ ihn allein. Viktor sah sich um.

Berge von Stoffrollen. Seide, Samt, Kaschmir. Gleich vor ihm waren einige Proben ausgebreitet: kräftige, warme, erdige Farbtöne. Ein rostroter Wollstoff hatte es ihm angetan. Daneben lag eine Bahn ockerfarbener Baumwolle, dick und flauschig wie Fleece. Er legte die beiden Stoffe übereinander, seine Hände strichen über die weiche Oberfläche und wühlten sich in den kuscheligen Flausch.

Er ging die Tische entlang, wählte ein Stück goldene Seide, ein paar Meter dunkelroten Samt und etwas Moosgrünes aus Wolle. Nahm alles mit nach vorne, breitete die Bahnen aus, drapierte sie auf dem Tisch. Holte ein paar Kissen, eine Menge Kissen, stapelte alles auf den Zuschneidetisch, breitete seine Stoffauswahl darüber aus und schwang sich hinauf.

Dort saß er dann, mitten in seiner orientalischen Pracht, wickelte sich in ein Stück grün-golden gestreiftes Tuch und faltete die Hände vor dem Bauch. Er versank in eine meditative Ruhestellung.

Viktor hatte nicht wirklich einen Bauch. Er war gut trainiert für seine fünfzig Jahre, ging regelmäßig ins Studio, spielte Tennis. Nur sein Haar wurde bereits spärlich, und die Wangen ließen darauf schließen, dass er irgendwann fleischig werden könnte. Die rundlichen Finger waren gepflegt, die Nägel wiesen perfekte Halbmonde auf. Viktor achtete auf sich.

Seufzend erhob er sich schließlich aus seinem selbstgebauten Nest.

Wie gut, dass mich hier keiner sehen kann. Was Schimmel denken würde! Der alte Knauser. Wie ein Punchingball sieht er aus. Könnte auch mehr für sich tun. Aber zuerst muss er mal was für mich tun. Dieses alte Schlösschen. Mann, Mann. Heincke hatte schon recht. Da lässt sich was draus machen.

Andererseits: am Ende der Welt. Keine Menschenseele weit und breit, nur als sie sich auf den Rückweg gemacht hatten, waren sie auf einen späten Spaziergänger gestoßen, der sie nur mürrisch angestarrt und das Wite gesucht hatte. Ob Bea recht hat? Ein Fluch? Über einem Dorf mitten in Mecklenburg? So ein Unsinn.

Ein Schloss ganz für mich allein. Mann, Mann. Und für Bea, na klar. Muss ja. Nach siebzehn Jahren Ehe, da kann ich sie nicht zuhause lassen.

Zuhause? Wir beide, in Mecklenburg? Im Niemandsland. Aber in einem Schloss. Ich muss nachdenken; ich brauche irgendwann mal fünf Minuten zum Nachdenken. Jetzt muss ich erst zu Schimmel. Der wird staunen: Der alte Bötz zieht aufs Land.

Oder doch nicht?

Viktor hatte alle Stoffe wieder säuberlich zusammengerollt, nichts war ihnen anzusehen. Nur der grün-golden gestreifte, der wies jetzt ein paar Falten auf, die ließen sich nicht kaschieren. Soll Weber ihn runtersetzen. Dreißig Prozent Rabatt. Dann nimmt ihn noch jemand.

Beim Hinausgehen winkte er Weber zu und machte eine Geste, als würde er eine Gabel in den Mund schieben. Weber nickte und rieb sich den Bauch.

Im Bistro gegenüber verzehrte er Salat und ein Baguette mit Mozzarella. Dazu Mineralwasser mit einem Spritzer Weißburgunder. Viktor achtete auf sich.

Als er später das Hotel Adlon am Pariser Platz betrat, saß Schimmel schon im rückwärtigen Teil der Halle und hatte eine Portion Thunfischsalat und ein Bier vor sich stehen. Außer Schimmel würde vermutlich niemand in dieser Stadt auf die Idee kommen, im Adlon zu dieser Zeit Bier und Thunfisch zu sich zu nehmen.

Viktor schüttelte kaum merklich den Kopf und durchquerte die Halle.

„Tag, Schimmel.“ Er setzte sich in einen der feingliedrigen Sessel mit gestreiften Bezügen aus der Kollektion Bötz & Co. von 1996.

„Hallo, Bötz.“ Schimmel kaute zu Ende und spülte mit einem Schluck Bier nach. „Wie geht’s Ihnen? Habe gehört, Sie haben Urlaub gemacht. Sollte mir mal passieren. Weiß gar nicht mehr, wie das ist.“

Viktor lachte. „Sie? Ihre Kanzlei überwintert doch auf den Kanaren!“

Er bestellte Mokka bei der Bedienung und wandte sich wieder an Schimmel.

„Ja, wir waren im Urlaub. Oben, in Mecklenburg, Seenplatte. Wunderschöne Landschaft, müssten Sie auch mal machen. Viele Möglichkeiten, um Sport zu treiben. Segeln, Radfahren, Wandern.“

Schimmel verzog den Mund und wischte sich mit der Serviette die fettigen Lippen ab.

„Jedenfalls“, fuhr Viktor fort, bevor der andere etwas sagen konnte, „haben wir uns fabelhaft erholt, und jetzt brauche ich etwas von Ihnen, Schimmel.“

Schimmel sah ihn an. „Sie von mir? Ich von Ihnen! Sie wissen doch, warum wir hier versammelt sind.“

Schimmel liebte diese Art von Humor. Viktor ging nicht darauf ein, sondern fuhr fort: „Es ist nämlich so, wir haben dort ein Ehepaar aus Kiel kennengelernt – oder war es Flensburg? Egal, Heinckes jedenfalls. Sie haben schon vor Jahren in ein Schnäppchen investiert, ein altes Schulhaus, glaube ich. Tolle Sache, hab mir die Fotos angesehen. Jetzt gehen sie nach Südfrankreich, Pyrenäen. Vielleicht auch schon Spanien, ganz verstanden hab ich das nicht.“

Er trank seinen Mokka, den die Bedienung vor ihn hingestellt hatte. Schimmel sah ihn erwartungsvoll an.

„Ja, und? Jetzt wollen Sie das Schulhaus übernehmen, oder was?“

Viktor lachte erneut. „Schimmel, Sie überraschen mich immer wieder. Nein, das Schulhaus ist schon verkauft. Für das Startkapital. Ein Hotel, oder eine Kneipe, irgendwas in den Pyrenäen eben.

Nein, Heincke hat mich auf ein Schloss aufmerksam gemacht dort. Direkt an einem See. Ziemlich marode, aber es lässt sich was draus machen.“ Viktor dachte an die Balkonszene mit Beate und ihm wurde ganz warm ums Herz, oder irgendwo da. „Ja, dieses Schloss also. Mitsamt einem kleinen Dorf. Mehr eine Ansammlung von Häusern.“ Er beugte sich vor, stellte die Mokkatasse ab, sah Schimmel direkt in die Augen.

„Ich brauche von Ihnen eine komplette Aufstellung meines Vermögens. Mobilien, Immobilien, Aktien, der Sparstrumpf meiner Frau. Alles. Vor allem den Wert der Firma.“

Er lehnte sich wieder zurück in seinen gestreiften Sessel und beendete seinen kleinen Vortrag mit den Worten: „Dann können wir auch wieder über Ihr Anliegen sprechen.“