Jukki kam von Osten her

Jukki kam von Osten her auf das Dorf zu. Er wanderte sozusagen in den Sonnenuntergang, und dabei, so dachte er sich, fing die Geschichte doch gerade erst an. Er stammte aus Finnland und bereiste seit einigen Monaten den Kontinent. Blieb, wo es schön war, suchte und fand Arbeit und zog weiter, wenn er genug hatte.

Auf das Dorf zuzukommen lag nicht in seiner Absicht. Er wanderte einfach diese Straße entlang, kam von Osten, wollte nach Westen, weil der letzte Arbeitgeber ihn mit Fußtritten aus dem Bett der Ehefrau gejagt hatte.

Trotzdem kam das Dorf immer näher, ohne dass Jukki Anstalten machte, die Richtung zu ändern. Es war auch kein richtiges Dorf. Es war eher ein Slum ohne dazugehörige Stadt. Ein paar Häuser, Hütten fast, die sich links von der Straße in die Felder duckten. Was ihn veranlasste, in den armseligen, grasüberwucherten Feldweg einzubiegen, der auf die Häuser zulief, war die Ahnung, dass weiter südlich ein See liegen könnte. Das Gebiet wirkte sumpfig, und aus der Wiese vor ihm stieg ein Graureiher auf.

Ohnehin war es an der Zeit, ein Nachtlager zu finden; es war Mitte April und würde bald dunkel werden.

Diese Hütten taugten allerdings kaum für die Bitte um ein Nachtlager. Die Bewohner waren sicherlich bettelarm, und es gab nichts Trostloseres als einen Heuschober ohne Heu.

Er schritt weiter und wägte innerlich ab, für welche Tür er sich entscheiden sollte.

Da tauchte vor ihm ein größeres Gebäude auf.

Jukki blieb stehen. Er neigte den Kopf zur Seite, die weizenblonden, finnischen Haare fielen ihm in die Stirn.

Er neigte den Kopf zur anderen Seite, und ein Lächeln zog sich über sein kantiges Gesicht.

Das war ein Ort zum Bleiben. Nicht nur für ein Nachtlager. Hier würde die Geschichte beginnen, das war ganz sicher.

Ein Hund schlug an, und das veranlasste ihn dazu, weiterzugehen. Hier und da öffnete sich eine Tür. Jukki erwartete fast, alte Frauen mit schwarzen Kopftüchern in den Türrahmen zu erblicken, so südländisch armselig wirkte alles.

„He, Sie!“ Jukki zuckte zusammen, ließ sich aber nichts anmerken und ging weiter, auf das große, langgezogene Gebäude mit dem halb verfaulten Reetdach zu.

Die Stimme klang in seinem Rücken. „Was wollen Sie denn?“

Jukki drehte sich um und wollte der Stimme ins Gesicht lachen, stattdessen blieb er abrupt stehen.

Was für eine bildhübsche junge Frau!

Ein bisschen pummelig, vor allem in den Hüften. Aber ein apartes Gesicht unter dem taubenblauen Kopftuch, das sie im Nacken geknotet hatte.

‚Immerhin ist es nicht schwarz’, dachte Jukki, als er auf die junge Frau zuging und ihr schon im Gehen die Hand hinstreckte.

„Guten Abend, liebe Frau.“ Er wusste, dass er mit solchen Wendungen Eindruck schinden konnte: seine weiche Aussprache verriet sofort den Ausländer, und das gab Extrapunkte in der Kategorie Charme.

Prompt lächelte die junge Frau.

„Ich bin Jukki, und ich suche eine Ruhestätte für die Nacht. Ich komme von weither und meine Füße sind müde.“

Die Frau lachte und zeigte eine schmale Lücke zwischen den beiden oberen Schneidezähnen. Das machte sie in Jukkis Augen noch aparter.

„Ich bin Paula. Kommen Sie, ich habe gerade Tee gekocht.“

Sie führte ihn um die Hütte herum in den Garten. Der Garten war eine Überraschung. Gepflegte kleine Beete, ein Weg aus flachen Sandsteinen, Stachel- und Johannisbeersträucher. An der Hauswand rankte sich eine Wicke bis in den ersten Stock, fast unters Dach. Jukki ließ voller Bewunderung seine Blicke schweifen.

Sie nahmen auf ein paar wackeligen Holzstühlen Platz – blau gestrichen, wie Jukki zu seinem Vergnügen bemerkte. Blau war seine Lieblingsfarbe. Mattblau, die Farbe eines edlen, glänzenden Sportwagens. Oder eines sparsamen Septembermorgens.

„So, Jukki, nun haben Sie die Wahl. Sie können mir ausführlich erzählen, wer Sie sind, woher Sie kommen und wie es Sie hierher verschlagen hat, oder Sie warten eine halbe Stunde. Dann versammelt sich das ganze Dorf im Hof des Gutshauses.“

Jukki sah sie erstaunt an, während er in seiner Teetasse rührte.

„Ja, das tun wir jeden Abend. Wir sitzen zusammen und erzählen, was wir den Tag über erlebt haben. Vorausgesetzt, es regnet nicht.“ Sie nahm einen Schluck aus ihrer Tasse und sah ihn aufmerksam an.

„Das ist ein interessanter Brauch. So etwas habe ich auf meiner Wanderung noch nicht erlebt. Die meisten Leute schlagen mir die Tür vor die Nase, wenn ich komme.“

Paula lachte, sehr laut und sehr lustig. Er fand sie immer netter, vor allem, wenn er an die Frau seines letzten Arbeitgebers dachte.

„Wir machen hier ein Experiment, wissen Sie. Die meisten von uns sind aus mehr oder weniger großen Städten hierher gekommen. Wir sind alle auf der Suche. Anna sucht Musik, Günther sucht Religion, Peggy sucht das Glück.“

Jukki fragte: „Und Sie, Paula, was suchen Sie?“

Sie lehnte sich zurück, schirmte mit einer Hand ihre Augen gegen die sinkende Sonne ab und erwiderte: „Ich suche mich selbst.“

Das fand Jukki nicht so spannend. Die meisten Frauen, die er kannte, taten das. Er stand auf und ging im Garten umher. Ein frisch umgegrabenes Stück Land hatte es ihm angetan.

„Wen haben Sie hier beerdigt? Ihren treulosen Ehemann?“

Paula verzog das Gesicht. „Sieht wirklich aus wie ein Grab, nicht? Es sollten Primeln werden. Sie sind nicht gekommen, daher hab ich alles umgegraben und werde ein paar Astern für den Herbst pflanzen. Drunter liegt aber niemand, das müssen Sie mir glauben.“

Sie stand ebenfalls auf und brachte das Teegeschirr ins Haus. Jukki ging ihr ohne Aufforderung nach und sah sich neugierig in der kleinen Küche um, in die sie traten.

Ein wackliger Tisch, zwei weitere Stühle – offensichtlich hatte sie die anderen von hier nach draußen getragen –, ein kleiner Schrank mit ein paar Töpfen, an der Wand blaues Geschirr auf einem Regal.

„Kommen Sie“, sagte Paula und prüfte, ob ihr Kopftuch noch saß, „wir gehen. Ich bin gespannt, was die anderen sagen.“ Sie griff nach einem der beiden Stühle im Garten, Jukki zögerte nicht lange und nahm den anderen. Das schien Teil des abendlichen Rituals zu sein.

Die anderen sagten eine ganze Menge, und es dauerte bis in die Dunkelheit, dass Jukki dazu kam, seine Geschichte zu erzählen. Zuerst wunderte er sich noch darüber, fand es beinah unhöflich, dass sie den Neuankömmling hinten an stellten. Dann fand er, es sei eine gute Gelegenheit, die Leute zu beobachten, und er entspannte sich auf seinem blauen Stuhl.

Ungefähr fünfzehn Personen waren auf dem gepflasterten Hof des Gutshauses versammelt. Zusammen mit zwei Wirtschaftsgebäuden bildete das Anwesen ein breites U. Auf der rückwärtigen Seite grenzte das Grundstück an den See, den Jukki schon beim Einbiegen in den Feldweg erahnt hatte.

Schließlich stand Paula auf, hob die Arme und bat um Ruhe. Jukki sah ihr bei der folgenden kleinen Ansprache zu und fand, sie machte eine wirklich gute Figur als Rednerin. Ihre Hände flogen wie Schwalbenflügel, auch wenn sie ein wenig zu pummelig waren.

„Und nun möchte ich Jukki bitten, uns etwas über sich zu erzählen.“

Alle klatschten und blickten gespannt zu ihm hin.

„Hallo, ich bin Jukki. Ihr bekommt noch genug Gelegenheit, etwas über mich zu erfahren. Zuerst möchte ich etwas erfahren, und ich möchte etwas bekannt geben.“

Seine weiche Aussprache mit den schwingenden S-Lauten nahm die Leute gleich für ihn ein. Er wusste das.

„Ich möchte bei euch bleiben. Und ich möchte, dass wir zusammen dieses Haus wieder aufbauen. Es bietet Platz für uns alle und noch viel mehr Menschen, die etwas suchen. Musik, Religion, das Glück, oder auch nur sich selbst.“

Er setzte sich wieder hin, und lange blieb alles still. Dann fing Paula an zu klatschen, und allmählich schlossen die anderen sich an.