Lass uns umkehren

„Lass uns umkehren. Wir haben uns total verlaufen. Jens hat gesagt, fünfhundert Meter durch den Wald, und wir laufen bestimmt schon zwei Stunden.“ Beate blieb stehen und schüttelte ihren linken Schuh aus, in dem sich die Steinchen vom Wegesrand sammelten.

Viktor schritt zügig aus und achtete nicht auf sie.

„Da vorne muss es sein. Bestimmt. Ich kann den See schon riechen.“

Vorher mussten sie noch eine Straße überqueren, und zu ihrer Überraschung handelte es sich wirklich um eine Straße. Nicht um eine notdürftig geteerte Schotterpiste.

Östlich von ihnen wurde die Landstraße zu einer Dorfstraße, halbverfallene mausbraune Häuser hoben sich aus der zunehmenden Dämmerung.

„Wir sind da!“ Viktor jubelte fast. Noch schneller wurden seine Schritte, als er auf die Häuser zuging, und beinahe verpasste er die Abzweigung links zum See.

„Warte! Renn doch nicht so“, keuchte Beate. „Hier ist ein Schild!“

Sie folgten dem Wegweiser und gerieten nach kurzer Zeit an einen schmiedeeisernen, mannshohen Zaun, der sich rechts und links in der Ferne verlor. Viktor blieb stehen und bewunderte die kunstvolle Arbeit des zweiflügeligen Tores. Es stand offen, und Viktor ging hindurch.

„Viktor, nun warte doch. Wir können doch nicht einfach das Grundstück betreten. Oh sieh mal, das hübsche Häuschen hier! Ist das ein Torhaus?“

Viktor nickte und setzte seinen Weg fort. „Ein Torhäuschen. Was muss das für ein Besitz sein, der sogar…“ Weiter kam er nicht, denn jetzt tauchte in der beginnenden Dämmerung ein gewaltiges Gebäude vor ihnen auf. Erneut blieben sie stehen.

„Das ist es“, brachte Viktor nach einer Weile hervor.

„Das ist es?“, fragte Beate. „Es ist groß. Und bestimmt gibt es Fledermäuse. Oder Ratten. Komm, lass uns endlich umkehren. Warum eigentlich konnten wir nicht mit dem Auto bis ganz heranfahren und mussten durch diesen unheimlichen Wald laufen?“

Viktor hörte nicht zu sondern umrundete das Gebäude. Von einem Gutshaus hatte Jens Heincke gesprochen. Sie hatten ihn und seine Frau Brigitte in ihrem Urlaubsdomizil kennengelernt und waren ins Plaudern gekommen über die Möglichkeiten, die das Land noch immer zu bieten hatte, wenn man nur gründlich suchte. Das hier war mehr als ein Gutshaus. Es war ein Schloss.

Und es stand zum Verkauf. Zu einem Spottpreis.

Jenseits des Parks begann der See. Ein Fußweg lief rechts entlang, vermutlich bis zu dem kleinen Hafen, den Heincke ihm auf der Karte gezeigt hatte.

Er stapfte langsam zu Beate zurück, die sich auf einem Mäuerchen am Eingang zum Park niedergelassen hatte. Sie rieb ihre Füße und redete von einer Tanzveranstaltung abends im Hotel, die sie nicht verpassen wollte, schon gar nicht für so ein verwünschtes Schloss ohne Strom und Heizung und… . Er sah auf sie hinab und widerstand dem Wunsch, sie kräftig an den Haaren zu ziehen.

„Nun komm schon, lass uns einen Blick hineinwerfen. Ich will wissen, wie es drinnen aussieht. Bestimmt ist es gar nicht so verfallen wie es von außen wirkt.“

Beate blickte zu ihm auf.

„Du willst da hinein? Jetzt? Es wird bald dunkel. Es gibt kein Licht, keinen Führer, und ganz sicher ist alles voll mit Spinnweben. Ich will jetzt auf der Stelle zurück, sonst fange ich an zu schreien.“

Viktor seufzte, holte sein Handy hervor und wählte die Nummer von Heincke.

„Kein Netz. War ja klar. Also gehen wir jetzt rein.“

Er hörte gar nicht hin, als sie von neuem anfing zu lamentieren. Sie kehrten zurück zum Haupteingang, der stilecht über eine Doppeltreppe zu erreichen war. Die Tür war verschlossen. Viktor warf sich einmal mit seinem nicht unerheblichen Gewicht dagegen und sie gab nach.

Dann standen sie in der Halle. Von Spinnweben keine Spur. Von besonderem Komfort allerdings auch nicht. Viktor suchte nach einem Lichtschalter.

„Du kannst doch jetzt kein Licht machen! Gleich steht das ganze Dorf hier drin, und bestimmt haben sie Dreschflegel oder solches Zeug.“

Viktor war kurz davor, sie nun aber wirklich kräftig an den Haaren zu ziehen. Er fand einen Lichtschalter, der jedoch nicht reagierte.

„Na schön, dann eben ohne Licht, so dunkel ist es ja noch nicht, und wenn irgend so ein Bauer hier auftaucht, mit oder ohne Dreschflegel, dann wird er mich kennenlernen. Ich gehe jetzt nach oben, kommst du mit?“

Sie stöberten durch das Haus und dachten an nichts mehr, nicht an Heinckes, nicht an die Tanzveranstaltung, nicht an Dreschflegel. Sie genossen einfach die morbide Pracht, die sich vor ihnen entfaltete.

Zimmer reihte sich an Zimmer; hohe Wände, gewölbte Decken, Fliesenböden im Karomuster; Doppeltüren mit Einlegearbeiten; breite Fensterbänke; Erkerchen und Türmchen; ein gelber Salon, ein blauer Salon; es gab immer mehr zu entdecken, und Beate stieß einen Jubelschrei nach dem anderen aus.

„Das ist ja hinreißend! Entzückend! Atemberaubend! Sylvia fällt tot um, wenn ich ihr das erzähle!“

„Sylvia?“

„Ja, du weißt doch. Die aus dem Yoga-Kurs. Mit dem Bürstenhaarschnitt.“

Viktor verzog das Gesicht.

Sie benahmen sich wie die Kinder, zogen die Schuhe aus und schlitterten auf Strümpfen über die glatten Böden; und auf dem rückwärtigen Balkon passierte es dann. Überwältigt vom Anblick der Sonne, die sich allmählich in den See vor ihnen senkte, kuschelten sie sich eng aneinander und taten etwas, wovon sie beide überrascht wurden: Sie küssten sich.

Später, als sie anstelle der Tanzveranstaltung mit Heinckes zusammensaßen, überboten sie sich gegenseitig mit ihren Erinnerungen und Erzählungen. Jens Heincke lachte und meinte, „ich wusste gleich, das ist das Richtige für euch. Bringt euch wieder in Schwung.“

Beate und Viktor sahen sich an und fragten sich insgeheim, wie ihre Ehe nach außen hin wirken musste, dass Menschen, die sie im Urlaub an der Mecklenburger Seenplatte trafen, der Ansicht waren, sie bräuchte neuen Schwung.

Viktor lächelte verschwörerisch, und Beate zwinkerte ihm zu.