Gargantua und Pantagruel

Am nachhaltigsten in Erinnerung bleibt der Satz, der dem nach siegreicher Schlacht vom Mönch gegründeten Kloster als Motto mitgegeben wird:

Tu was du willst.

Wie könnte man da nicht sofort an die Unendliche Geschichte von Michael Ende denken? Und in der Tat: Ende hat sich von Gargantua inspirieren lassen. Wieder einer dieser Gänsehaut-Momente in der Literatur: ein Autor verwendet eine Inspiration, und man stößt von alleine darauf. Ich kann mich jedenfalls nicht an eine Fußnote in der Unendlichen Geschichte erinnern, die auf Rabelais als Quelle verweist. Zum Glück – schließlich ist es keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eines der schönsten Phantasiewerke, die ich kenne.

Gargantua und Pantagruel. Wie soll man das erklären? Vielleicht mit einer Strophe aus der Inschrift über dem genannten Kloster:

Hier habt ihr keine Zutritt, Frömmler, Hypokriten,
ihr alten Schleimer, Nörgler, Parasiten,
ihr Heuchler, Leisetreter, schlimmer als die Goten,
als Magog, Gog und ähnliche Muschkoten,
ihr Mucker, Lügenmäuler, feiges Heuchlerpack,
ihr pelzvermummten Mönche mit dem Bettelsack,
ihr Spottgeburten, Zwietrachtstifter, schert euch fort!
Belügt ncht hier, betrügt an einem andern Ort!

Rabelais war Mönch und Arzt und ist als Begleiter hochgestellter Personen seiner Zeit viel herumgekommen. Die Bücher über die Riesen G und P spiegeln viel von der Politik seiner Zeit, womit der Begriff Politik vor allem die Kirche einschließt. Rabelais war den zeitgenössischen Ideen der Protestanten zugeneigt (Luthers Thesenanschlag war gerade fünfzehn Jahre her), da die katholische Kirche seinem freien Geist stark zuwiderlief.

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Das alles muss man aber nicht wissen, um von Gargantua umgehauen zu werden. Vieles erschließt sich, wenn man einfach mit wachem Geist hineinliest; die Scholastik mit ihren dogmatischen Sätzen, die Jurisprudenz mit ihrem Kathederstil – es ist herzerfrischend, wie Rabelais das alles persifliert, zerschmettert, mit hohnlachender Verzweiflung karikiert. Der Knabe Gargantua, der seinem von einer Reise zurückgekehrten Vater schildert, wie er einen Arschwisch erfunden hat und dann seitenlang aufzählt, was er alles ausprobiert hat, um sich nach dem Geschäft zu reinigen; die Schilderung der Studien, die Gargantua als junger Mann über einen Zeitraum von geschätzt achtzig Jahren betreibt (die Zeiträume sind ein Kapitel für sich; man kann das alles abhaken, wenn man liest, dass Gargantua seinen Sohn Pantagruel mit 524 Jahren gezeugt hat), die Darstellung, wie der Mönch in der Schlacht gegen Pikrocholos den Weingarten des Klosters verteidigt – es ist zum einen ein gigantisches Werk schon an sich, aber die deutsche Übersetzung kann man überhaupt nicht genug loben.

Ich weiß nicht, inwieweit Rabelais heute in Frankreich zum Literaturkanon gehört; ob in Deutschland noch irgendwer den Simplizissimus kennt, weiß ich auch nicht, aber in jedem Fall hätte ich keine Lust, beide im Original zu lesen. Die deutsche Fassung des Gargantua und Pantagruel hingegen ist tatsächlich ein Genuss („Arschwisch“!). Die Anmerkungen sind extrem umfassend und tiefschürfend, es wird unendlich viel Wissenswertes präsentiert, aber auch ohne sie wird man von dem fulminanten Text einfach mitgerissen.

Mir hat dabei Gargantua noch besser gefallen als Pantagruel, was aber jeder Leser für sich entscheiden möge.

La Devinière

La Devinière, Geburtsort von Rabelais