Venedig

Nächste Woche drei Tage Venedig zum Hochzeitstag. Ja, ein bisschen kitschig, ein bisschen morbid, vor allem um diese Jahreszeit. Aber wir waren auch schon auf Sylt im November, wer weiß, man kann ja auch Glück haben.

Ins Reisegepäck Daphne de Maurier? Thomas Mann? Nein, doch lieber Die Flüchtige, den sechsten Band von Prousts Suche nach der Verlorenen Zeit.

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„Meine Gondel folgte den kleinen Kanälen; wie die geheimnisvolle Hand eines Genius, der mich in die entlegensten Winkel dieser Stadt des Orients geführt hätte, schienen sie mir, je weiter ich vordrang, einen Weg zu bahnen, der sich mitten in das Herz eines Viertels eingrub, das sie teilten, indem sie nur eben mit ihrer winzigen, willkürlich gezogenen Spur die hohen Häuser mit den kleinen maurischen Fenstern auseinanderschoben; als hielte der magische Führer eine Kerze in seinen Fingern, die mir beim Durchgang leuchtete, ließen sie vor sich einen Sonnenstrahl aufblitzen und bahnten ihm seinen Weg. Man hatte das Gefühl, daß zwischen den bescheidenen Häusern, die der Kanal voneinander trennte und die sonst ein kompaktes Ganzes gebildet hätten, überhaupt kein Raum freigehalten war. Deshalb ragten der Campanile der Kirche und die Spaliere der Gärten senkrecht über den Rio hinaus wie in einer überschwemmten Stadt. Doch übernahm für die Kirchen wie für die Gärten, dank einer gleichen Umsetzung, wie sie im Canal Grande stattfand, das Meer so bereitwillig die Funktion eines Verbindungswegs, einer großen oder auch kleinen Straße, daß zu beiden Seiten des kleinen Kanals die Kirchen aus dem zu einem armseligen, volkstümlichen Viertel gewordenen Wasser emporstiegen wie bescheidene, zahlreich besuchte Pfarrkichen, die den Stempel ihrer Bedürftigkeit tragen, aus der zahlreichen Menge von einfachen Leuten, daß auch die durch die Öffnung des Kanals durchquerten Gärten ihre erstaunten Blätter oder Früchte bis ins Wasser heruntersandten und daß von der Stufe vor dem Haus, deren grobbehauener Sandstein noch rauh wirkte, als sei er erst eben durchgesägt, überrascht blickende, aber ihr Gleichgewicht wahrende Gassenjungen ihre Beine baumeln ließen, in ihrer Balance gleich Matrosen auf einer Drehbrücke, deren beide Hälften sich soeben geöffnet und dem Meer erlaubt haben, zwischen ihnen hindurchzufließen.“

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Quelle: Internet