Zerstörungswut

P1030292Einer der wichtigsten Räume in unserem Projekt lässt sich heute kaum noch im Original rekonstruieren, wenn man die Zimmer nicht in ihrem Ursprungszustand gesehen hat.
Von Beginn an war die Idee „Literaturcafé“ mit einem Lesungsraum verknüpft. Dazu boten sich zwei aneinanderstoßende Räume im Obergeschoss an, deren Wand durchbrochen werden musste. Aber: was würde unter den zahlreichen Tapeten, unter dem uralten Lehmputz zum Vorschein kommen? Und was sagt das Denkmalamt dazu? Denn das Amt hatten wir von Anfang an mit einbezogen, klarer Fall.

P1030655.JPGSchlussendlich willigten sie in unsere Idee ein, wenn auch mit Bauchschmerzen, denn der eine der beiden Räume wies eine schöne Stuckdecke auf, was als höherwertig als eine Balkenwand eingestuft wurde. Doch erhielten wir die Erlaubnis, mal ein bisschen am Putz zu kratzen und zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Und das taten wir. Zuerst mit der kleinen Spachtel, und später, nachdem die Genehmigung vorlag, mit dem großen Hammer.

Das war das erste Mal, dass unser Nachbar, Manfred Zimmer, damals Inhaber des kleinen Privatmuseums gleich nebenan, zu einem unschätzbaren Freund und Gewinn des ganzen Projektes wurde. Dazu aber später noch viel, viel mehr.

P1030356.JPGErst einmal entdeckten wir unter all den Tapeten und dem alten, bröselnden Lehmputz einen Schatz. Unfassbar schönes, gut erhaltenes Eichengebälk, das zu genau dem wurde, wovon ich geträumt hatte: eine luftige Trennung zwischen dem Elfenbeinturm des Lesers und dem bürgerlichen Raum für die Zuhörer. Getrennt und doch vereint, Schlüssellochperspektive ohne Tür. So hatte ich mir das vorgestellt, und so ist es geworden. Die Farben und Fundstücke, die heute beide Räume schmücken, stelle ich später noch in der Rubrik „Seele“ vor. Für den Moment soll die Erinnerung an die schwere Arbeit des Putzabschlagens, des Wanddurchbrechens und des Abtransports von all dem Schutt in den Garten von unserem lieben Freund Manfred genügen.

Durchbruch Wand 1. OG.jpg